03.11.2020 17:00

US-PräsidentschaftswahlenWann wissen wir, wer Präsident wird?

Noch nie haben so viele Wähler in den USA brieflich abgestimmt. Das könnte zur Folge haben, dass das Ergebnis nicht in der Wahlnacht, sondern erst Tage später feststeht.

von
Jean-Claude Gerber

Darum gehts

  • Wegen der Corona-Pandemie, haben mehr als 80 Millionen Amerikaner brieflich abgestimmt.

  • Die Auszählung der brieflichen Stimmen dürfte zu Verzögerungen führen.

  • In mehreren entscheidenden Staaten werden die brieflichen Stimmen erst am Wahltag gezählt.

  • Bei einem knappen Resultat könnte es Klagen und Forderungen nach Nachzählungen geben.

  • Wochenlange Verzögerungen wären die Folge.

  • Ab 1 Uhr geht es bei 20 Minuten los (siehe Box unten)

In vergangenen Jahren war am Ende der Wahlnacht meistens klar, wer die nächsten vier Jahre Präsident der USA sein wird. Dieses Jahr besteht dagegen die Möglichkeit, dass es deutlich länger dauern wird, bis Klarheit herrscht. Denn aufgrund der Corona-Pandemie haben so viele Wahlberechtigte brieflich abgestimmt wie noch nie. Beobachter sprechen von 80 Millionen per Post abgegebenen Stimmen. Sie erwarten insgesamt eine rekordhohe Wahlbeteiligung.

Besonders das Auszählen der brieflich abgegebenen Stimmen dürfte für Verzögerungen sorgen. Aufgrund des Wahlsystems entscheiden lediglich ein knappes Dutzend Staaten den Ausgang der Wahlen. Während die Mehrheit der Staaten mit Sicherheit entweder an die Republikaner oder die Demokraten gehen wird, spielen die sogenannten Swing States das Zünglein an der Waage (siehe Box unten). Diese Staaten haben in der Vergangenheit mal den demokratischen und mal den republikanischen Kandidaten gewählt. Wer einen Staat gewinnt, erhält bis auf zwei Ausnahmen alle dort zu vergebenden Wahlmännerstimmen. Der Kandidat, der 270 oder mehr Wahlmännerstimmen auf sich vereinet, hat die Wahl gewonnen.

Jeder Staat mit eigenen Regeln

Nicht alle Staaten handhaben die Auszählung gleich. So dürfen etwa in den hart umkämpften Staaten Pennsylvania und Wisconsin, die zusammen 30 Wahlleute stellen, die brieflich abgegebenen Stimmen erst am Wahltag geprüft und ausgezählt werden. Dieser aufwendige Prozess könnte sich bis Freitag hinziehen. In diesen Staaten dürften nur wenige Tausend Stimmen den Ausschlag geben, womit es wohl bis zum Schluss spannend bleibt.

Frühere Resultate sind aus Florida und Arizona zu erwarten. Dort dürfen brieflich abgegebene Stimmen bereits vor dem Wahltag ausgezählt werden. In anderen Staaten dürfen sie zum Teil schon geprüft, aber erst am Wahltag gezählt werden. Dazu kommt, dass etwa Pennsylvania und North Carolina auch Briefe, die bis zum Datum des Wahltags abgestempelt wurden, aber erst danach eintreffen, berücksichtigen.

Früher Vorsprung für Donald Trump?

Schneller ausgezählt sind Stimmen, die persönlich abgegeben werden. Es wird davon ausgegangen, dass demokratische Wähler eher die Briefwahl nutzen, während Republikaner die persönliche Stimmabgabe bevorzugen. Deshalb dürfte zu Anfang der Anteil republikanischer Stimmen höher sein, während die – brieflich abgegebenen – demokratischen Stimmen erst später ins Gesamtergebnis einfliessen. Es ist laut Beobachtern denkbar, das erste Zwischenresultate eher zum Vorteil Donald Trumps ausfallen und Joe Biden anschliessend aufholt.

In einem solchen Fall könnte Trump geltend machen, dass es bei der Briefwahl zu Wahlbetrug gekommen ist und das Ergebnis anzweifeln. Den Vorwurf, dass die Briefwahl den Betrug fördere, hat der Präsident wiederholt geäussert, ohne jemals Beweise vorzulegen. Experten, auch auf republikanischer Seite, halten die Behauptung für absurd.

Wochenlanges Gerangel möglich

Trotzdem könnte sich Trump im Fall einer Niederlage weigern, das Resultat anzuerkennen. Er hat immer wieder erklärt, eine Wahlniederlage sei nur bei «massivem Wahlbetrug» möglich. Er könnte die Gerichte und die in vielen Swing States republikanisch dominierten Parlamente anrufen, in der Hoffnung, dass sie umstrittene Ergebnisse in seinem Sinne auslegen. Ebenso ist es denkbar, dass Joe Biden bei einem knappen Nachzählung Klagen anstrengen oder Nachzählungen fordern könnte. In jedem Fall dürften wochenlange Verzögerungen die Folge sein.

So viele Faktoren spielen bei diesen Wahlen eine Rolle, dass niemand sagen kann, wann ein sicheres Ergebnis vorliegt. Nur eines dürfte sicher sein: Es wird viel Geduld brauchen.

So wird der Präsident gewählt

Der US-Präsident wird nicht direkt vom Volk gewählt, sondern durch 538 Wahlmänner und -frauen. Davon stellt jeder Bundesstaat nach Bevölkerungsgrösse eine bestimmte Anzahl. Der Kandidat mit den meisten Wählerstimmen im Bundesstaat verbucht sämtliche Wahlleute des Staates für sich. In Maine und Nebraska werden die Stimmen der Wahlleute nach Mehrheiten in den Wahlbezirken aufgeteilt. Der Gesamtsieger des Staates erhält zwei weitere Stimmen.

Die meisten Staaten sind seit Jahren entweder klar demokratisch oder republikanisch. In diesen Staaten wird es auch diesmal keine Änderungen geben. Deshalb richtet sich das Interesse auf die sogenannten Swing States, also Staaten, die in der Vergangenheit sowohl demokratisch als auch republikanisch gewählt haben. Hier wird die Wahl entschieden. Es sind dies Florida, Iowa, Michigan, North Carolina, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin. Arizona war lange Zeit eine republikanische Hochburg, könnte aber diesmal demokratisch wählen. Schliesslich besteht sogar die Möglichkeit, dass die republikanischen Hochburgen Texas und Georgia an die Demokraten gehen.

20 Minuten berichtet live

FAHRPLAN

Die USA erstrecken sich über sechs Zeitzonen, deshalb schliessen die Wahllokale in den östlichen Bundesstaaten Stunden früher als an der Westküste. In der Schweiz ist es dann Nacht.

WAHLLOKALE AN DER OSTKÜSTE: Zu den Staaten an der US-Ostküste beträgt die Zeitverschiebung von der dort geltenden Eastern Standard Time (EST) zur Mitteleuropäischen Zeit (MEZ) sechs Stunden. Wenn in weiten Teilen von Kentucky und Indiana am Abend des 3. November die ersten Wahllokale schliessen, ist es in der Schweiz bereits Mitternacht. In Florida können die Wähler – genauso wie in vielen anderen Staaten an der Ostküste – bis 1 Uhr MEZ abstimmen.

In North Carolina und Ohio werden die Wahlurnen um 1.30 Uhr MEZ versiegelt. In anderen Bundesstaaten, etwa in Pennsylvania und Michigan sowie in der Hauptstadt Washington D.C. dürfen die Wähler bis 2 Uhr MEZ abstimmen. Erst um 3 Uhr MEZ schliessen die Wahllokale in New York. Traditionell gibt das Dorf Dixville Notch im Bundesstaat New Hampshire als erstes das Ergebnis seiner Handvoll Wähler bekannt.

ZENTRUM UND WESTKÜSTE: Hier schliessen die Wahllokale zwischen 2 Uhr MEZ (etwa in grossen Teilen von Texas und Kansas, in Oklahoma, Missouri und Illinois) und 4 Uhr MEZ (Iowa). In den US-Bundesstaaten Minnesota und Wisconsin können die Wähler bis 3 Uhr MEZ ihre Stimme abgeben. Auch der Staatengürtel, der in einer Zeitzone mit Mountain Time (MT) liegt, schliesst seine Wahlen in diesem Zeitraum ab. Dazu zählen etwa die Bundesstaaten Arizona, Colorado und Utah.

Der grösste Bundesstaat an der Westküste, der sich in der Zeitzone mit Pacific Time (PT) befindet, ist Kalifornien. Wenn die Wahllokale dort um 20 Uhr Ortszeit schliessen, ist es in der Schweiz bereits 5 Uhr. Im Nachbar-Bundesstaat Nevada ist die Wahl eine Stunde früher vorbei, um 4 Uhr MEZ. In Oregon und Washington ist am Wahltag nur wenig los. Hier haben die meisten Wähler dann bereits per Briefwahl abgestimmt.

ZUM SCHLUSS ALASKA

Hawaii und Alaska sind die Schlusslichter in der langen Reihe der Staaten. Die Inselbewohner können ihre Stimme bis 6 Uhr MEZ morgens abgeben. Auch in weiten Teilen Alaskas sind die Wahllokale bis 6 Uhr MEZ geöffnet, auf den Aleuten noch eine Stunde länger, bis 7 Uhr. Wenn diese im nördlichsten Bundesstaat schliessen, ist die US-Wahl beendet.

Grundsätzlich können Briefwähler lange vor der Wahl am 3. November abstimmen. Zudem bieten die meisten Bundesstaaten auch schon vorab die Möglichkeit einer Abstimmung in Wahllokalen an. In Minnesota, South Dakota, Vermont, Virginia, Wyoming und Illinois etwa konnte schon im September abgestimmt werden.

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244 Kommentare
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MAGA

04.11.2020, 19:10

Wenn Biden gewinnt, ist die Wirtschaft kaputt. Trump hat einen super Job gemacht! Das verstehen so viele Leute nicht, weil in der Schweiz die Medien immer das schlechte von Ihm zeigen. Weshalb zeigt Ihr nicht die Versprechen und Vortschritte, die Trump gehalten und erzielt hat? Ich vermute, dass sich da niemand getraut Stellung zu nehmen, weil man nicht akzeptieren kann, dass man falsch Lag. TRUMP 2020!!!

Maskenhalterung punkt com

04.11.2020, 19:00

Ich habe nur mal so gehört und sei eine tradition schon seit 56 jahren. Wen florida gewählt hat, „gewinnt“ auch die usa wahlen. So wäre es trump. Mal schauen ob die tradition auch beim 57. stimmt

Trumpierter

04.11.2020, 17:00

Die beiden Präsidentenkandidaten schenken sich nichts. Das war vorauszusehen. Vor allem das Verhalten von Trump kann ich nicht deuten. Ist es Strategie? Ist es Naivität, die ihn so "Bluffen" lässt? Hoffen wir auf bessere Zeiten und dass die nächsten vier Jahre schnell vorüber sind. Ob Pest oder Cholera spielt wahrscheinlich keine so grosse Rolle.