Aktualisiert 14.11.2011 12:18

Pleite gegen ErzrivalenWar das Eis schuld an der Niederlage?

Zum dritten Mal in Serie hat die Hockey-Nati gegen Deutschland verloren. Sean Simpson zeigte sich nach der Pleite als schlechter Verlierer und begab sich auf verbales Glatteis.

von
Klaus Zaugg
München
2:4 gegen Deutschland: Schon wieder kassierten die «Eisgenossen» gegen den Erzrivalen eine Niederlage. (Bild: Keystone)

2:4 gegen Deutschland: Schon wieder kassierten die «Eisgenossen» gegen den Erzrivalen eine Niederlage. (Bild: Keystone)

Der Stadion-Sprecher wünscht dem neuen Bundestrainer Köbi Kölliker noch beim zweiten Spielunterbruch Glück. Aber bald scheint ihn dieses Glück zu verlassen: Der schlaue Defensivstürmer Kevin Romy läuft im Powerplay der Deutschen in einen Rückpass, eilt auf und davon und vollendet eiskalt zum 1:0. Die erste Chance für die Schweizer bringt das erste Tor.

Doch die Deutschen zwingen mit teutonischem Hockey das Glück auf ihre Seite. Nach einem ausgeglichenen ersten Drittel dominieren sie die Schweizer im mittleren Abschnitt in den Zweikämpfen in allen drei Zonen und geraten erst in der Schlussphase wieder unter Druck. Neuling Romain Löffel macht gegenüber 20 Minuten Online eine klare und wahre Spielanalyse: «Das erste Drittel war okay, aber nicht mehr. Im zweiten Drittel haben wir zu wenig getan und sind viel zu wenig gelaufen. Das 1:3 gleich zu Beginn des Schlussdrittels war ein Dämpfer. Aber wir haben diesen Rückschlag überwunden und dürfen mit dem letzten Drittel zufrieden sein.»

Status Quo für die Deutschen

Dieser Analyse gibt es nicht mehr viel beizufügen. Sie stimmt. Auch der Stadion-DJ muss es ähnlich gesehen haben: Nach dem 2:1 und dem 3:1, bloss zwölf Sekunden nach der zweiten Pause, legt er Status Quo auf. Die Musik der britischen Rockband ist so einfach strukturiert und geradlinig, so dynamisch und unbeirrbar wie das Spiel der Deutschen. Die spielerischen Sinfonien der Schweizer sind übertönt worden. Auffallend sind die Probleme der Schweizer bei den fliegenden Wechsel: Oft bleiben sie zu lange auf dem Eis und müssen dann wegen Ermüdungserscheinungen in ungünstigen Augenblicken wechseln. Das ist ein Grund, warum das Tempo so lange zu wenig hoch ist.

Rückfall in die alten Zeiten

Diese 2:4-Niederlage gegen Deutschland ist ein Rückfall in die längst vergangenen Zeiten des letzten Jahrhunderts vor dem Wirken von Ralph Krueger. Als wir gegen die robusten, kräftigen Deutschen nie eine Chance hatten. Inzwischen hat Sean Simpson dreimal hintereinander gegen die Deutschen verloren: 0:1 im WM-Viertelfinale von 2010 und zweimal hintereinander beim Deutschland-Cup: 1:2 vor einem Jahr und nun 2:4.

Wenn wir aber das Glas nicht halbleer, sondern halbvoll sehen: Wer war gut? Der beste Einzelspieler ist Leonardo Genoni. Diesmal sagt die Statistik (Fangquote bloss 87,50 Prozent) nicht die ganze Wahrheit: Der HCD-Goalie verhindert im Mitteldrittel ein Anwachsen des Rückstandes auf vier oder fünf Tore. Kevin Romys 1:0 ist eigentlich schon fast den Spielbesuch wert: In Entstehung - wie er das Spiel gelesen und an die Scheibe heranzukommen ist - und in der kaltblütigen Vollendung ein Meisterwerk. Und in den letzten zehn Minuten spielen die Schweizer endlich mit Tempo und Leidenschaft. Dass schliesslich das 3:3 vom Schweizer Head Didier Massy wegen Torraum-Offside aberkannt wird, passt zum missglückten Abend.

Keine Gefühle bei Kölliker

Es hat noch ein unterhaltsames «viertes Drittel» gegeben: Die offizielle Medienkonferenz mit den beiden Coaches Sean Simpson (52) und Jakob Kölliker (58). Kölliker kann ein ganz charismatischer Plauderer sein. Der geglückte Start in seine neue Karriere als Bundestrainer hat ihm sichtlich gut getan, und er sagte: «Ich bin glücklich und stolz auf die Mannschaft.» Man habe gewusst, wo den Hebel gegen die schnellen Schweizer anzusetzen.

Und er vergisst nicht, den besiegten Gegner ordentlich zu loben: Die Schweiz sei mit den drei besten Skorern der Liga angetreten (Brunner, Sprunger, Bykow – Anm. d. Red.) und es sei ein hartes Stück Arbeit gewesen, gegen diese starke Offensive zu bestehen. Er wird schliesslich nach seinen Gefühlen gefragt und sagt, er habe ja schliesslich die Deutsche und die Schweizer Hymne nicht zum ersten Mal gehört und sei zu sehr auf das Spiel konzentriert gewesen, um auf seine Gefühle zu achten.

Ungenügende Eisqualität als Ausrede

Sean Simpsons Laune ist weniger gut. Er kann sich gerade noch zu einer Gratulation zum Sieg durchringen. Dann lässt er sich im Frust zu einer unglücklichen Ausrede verleiten und begibt sich auf verbales Glatteis: Er sagt, das Eis sei einfach nicht eines internationalen Turniers und dem Können der Mannschaften würdig. Was den Eindruck erweckt, der «grantlige» Coach der Schweizer brauche die ungenügende Eisqualität als Ausrede. Als dann Fragen aus dem Plenum kommen, was denn am Eis nicht gut gewesen sei, und ob die Schweizer bei gutem Eis vielleicht am Ende gar gewonnen hätten, schaltet er schliesslich das Mikrofon aus und legt es nieder.

Simpson kann einfach nicht mit Niederlagen umgehen und im Mannschaftstross ist halt niemand, der ihn jeweils vor den Medienauftritten beruhigt. Unser Nationaltrainer ist kein Verlierer. Er hat in der Schweiz und in Deutschland Meisterschaften gewonnen und mit den ZSC Lions in der Champion League triumphiert und die Chicago Black Hawks gebodigt. Aber er hat sich nach diesem 2:4 gegen Deutschland wie ein schlechter Verlierer benommen.

Kölliker reagiert souverän

Bundestrainer Köbi Kölliker, dessen Vater einst Eismeister in Biel war, rückte die Dinge schliesslich wieder ins rechte Licht: «Es sind gute Leute, die Tag und Nacht gearbeitet haben, um hier das Eis aufzubereiten. Mit der Eisqualität müssen wir leben, das gehört dazu und beide Mannschaften stehen schliesslich auf dem gleichen Eisfeld. Wir könnten wahrscheinlich beim 0:1 auch monieren, der Fehlpass sei auf die Eisqualität zurückzuführen.»

Neues Spiel, neues Glück: Am Samastag bekommen die Schweizer gegen die USA (18.15 Uhr) und am Sonntag gegen die Slowakei (13.30 Uhr) die Chance zur Rehabilitation. Und sollte Sean Simpson die Mannschaft zu Siegen führen, so wird er wohl gefragt werden, wie er es bloss geschafft habe, seine Spieler auf die schwierigen Eisverhältnisse einzustellen.

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