Bern: War der Millionenbetrüger bloss ein Narzist?
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BernWar der Millionenbetrüger bloss ein Narzist?

Das Kreisgericht in Bern hat den Ende März vertagten Prozess gegen einen mutmasslichen Grossbetrüger wieder aufgenommen. Ein Gutachten attestiert dem Angeklagten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Dem 59-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, von insgesamt 15 Personen fast 1,5 Mio. Franken für angeblich profitable Anlagen entgegengenommen zu haben. Das ihm anvertraute Geld soll der Steuerberater jedoch fast ausschliesslich für spekulative Börsengeschäfte eingesetzt und verloren haben.

Die Höhe der ihm anvertrauten Geldsummen lag zwischen 5000 und 500 000 Franken. Es handelt sich um Delikte aus den Jahren 1998 bis 2004. Der Angeklagte versprach den Geldgebern jeweils höhere Zinsen als die Banken und schloss mit ihnen schriftliche Vereinbarungen ab.

Betagte Frau verlor halbe Million

Wenn er das Geld nicht zurückzahlen konnte, verlängerte er einfach die entsprechenden Vereinbarungen, um von seiner Insolvenz abzulenken, so ein Vorwurf der Untersuchungsbehörden.

Einblick in die Vermögensverhältnisse seiner Geldgeber hatte der Mann, weil er diesen die Steuererklärung ausfüllte. Den grössten finanziellen Schaden erlitt eine 89-jährige Rentnerin, die dem Angeklagten insgesamt eine halbe Million anvertraut hatte, die dieser aber offenbar vollständig in den Sand setzte.

Keiner Schuld bewusst

Der Prozess war Ende März 2008 unterbrochen worden, namentlich um ein psychiatrisches Gutachten einzuholen. Dieses liegt mittlerweile vor und attestiert dem Angeklagten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Diese Einschätzung gilt allerdings nur für den Fall, dass er laut noch ausstehendem Gerichtsurteil die Delikte tatsächlich begangen haben sollte. Dann sei von einer verminderten Schuldfähigkeit auszugehen.

Der Gutachter erachtet zudem eine psychiatrische Behandlung als angezeigt. Der Angeklagte sei sich keiner Schuld bewusst und neige dazu, die Schuld auf andere zu schieben.

Nur «Fehleinschätzungen»

Der Angeklagte selbst räumte zögerlich «Fehleinschätzungen» ein. Er habe jedoch nie jemandem Schaden zufügen wollen. Er habe auch nie Geld für seine eigenen Bedürfnisse verwendet. Die Verluste seien auch für ihn persönliche Niederlagen gewesen.

Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob er sich verspekuliert habe oder einfach nicht vorsichtig genug gewesen sei, wich der Angeklagte aus und verwies auf positive Prognosen von Wertpapieren, die sich in der Folge jedoch nicht erfüllt hätten.

Das Gericht versuchte zu klären, wie der Angeklagte die abgeschlossenen Vereinbarungen und Zinsversprechungen mit den Geldgebern einordnete, insbesondere, ob es sich dabei um rechtsverbindliche Darlehen gehandelt hat. Auch in diesem Zusammenhang blieben die Antworten eher ausweichend.

Das Kreisgericht wird sein Urteil voraussichtlich am 1. Dezember bekanntgeben. (sda)

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