2. Tag im An'Nur-Prozess: War es Selbstjustiz oder handelt es sich um Lügen?
Aktualisiert

2. Tag im An'Nur-ProzessWar es Selbstjustiz oder handelt es sich um Lügen?

Tag zwei im An'Nur-Prozess: Am Dienstag hatten Staatsanwaltschaft, Opferanwalt und die ersten drei Verteidiger das Wort. Sie schenkten sich nichts.

von
V. Fehlmann
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Anfang Oktober mussten sich neun Männer vor dem Bezirksgericht Winterthur verantworten. Ein Beschuldigter betrat am ersten Prozesstag das Gericht.

Anfang Oktober mussten sich neun Männer vor dem Bezirksgericht Winterthur verantworten. Ein Beschuldigter betrat am ersten Prozesstag das Gericht.

Keystone/Ennio Leanza
Am ersten Tag wurden die Beschuldigten einvernommen. Sie bestritten die Vorwürfe grösstenteils.

Am ersten Tag wurden die Beschuldigten einvernommen. Sie bestritten die Vorwürfe grösstenteils.

Linda Graedel
Am zweiten Tag waren Staatsanwaltschaft, Opferanwälte und die ersten drei Verteidiger an der Reihe.

Am zweiten Tag waren Staatsanwaltschaft, Opferanwälte und die ersten drei Verteidiger an der Reihe.

Keystone/Ennio Leanza

Am Dienstag fand im Bezirksgericht Winterthur der zweite Tag im An'Nur-Prozess statt. Nachdem am Montag die Beschuldigten einvernommen worden waren, hielten am Dienstagmorgen die Staatsanwaltschaft und der Anwalt der Geschädigten ihr Plädoyer. Die drei Staatsanwältinnen versuchten deutlich zu machen, dass die Aussagen der Angeklagten unglaubwürdig sind. Mehrfach hatten sie sich am Montag in Widersprüche verstrickt. So hatten die Angeklagten erklärt, sie hätten keine Beule bei B. gesehen.

Diese soll jedoch durch einen Schlag entstanden sein, durch den B. eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Das bestätigt ein ärztliches Gutachten. Und auch Zeugen hatten die Beule bemerkt.

Ein «junger, intelligenter Mann»

Immer wieder fiel während des Plädoyers das Wort «Selbstjustiz». Auch im Falle des angeklagten M. E.*, dem 20-jährigen Sohn des damaligen Imams. Seine Stellung hätte er zur Deeskalation nutzen können, stattdessen habe er Selbstjustiz geübt, so der Vorwurf der Justiz. Dabei sei er ein «junger, intelligenter Mann». «Er war das Brain unter den Beschuldigten», so die Staatsanwältin.

Doch auch der 22-jährige A. K.*, der einem der Opfer eine Geldnote in den Mund gesteckt und es gezwungen haben soll, diese hinunter zu schlucken, habe «sich im Rahmen einer Schattengesellschaft eigener Gesetze bedient». Sein Vorgehen mit der Geldnote kenne «man sonst nur von Mafiafilmen». Der damalige Imam, A. E.* (54) und der damalige Vereinspräsient O. N.* (49) hätten Selbstjustiz gutgeheissen, so eine der Staatsanwältinnen.

Schadenersatz und Genugtuung für einen Geschädigten gefordert

Der Anwalt der Opfer, Bernard Rambert, betonte, dass die Geschädigten keine Spione seien. A. sei selbst Journalist und habe die An'Nur-Moschee 2015 erstmals besucht. «Was er in der Moschee antraf, entsprach nicht seiner Religion», sagt Rambert. Deshalb habe er zu recherchieren begonnen. Auch am Tattag sei er zum Beten und Recherchieren da gewesen, B. war zu seinem Schutz mitgekommen.

Seit dem Vorfall litten seine Mandanten massiv. «Die Beschuldigten haben es geschafft, A. in Todesangst zu versetzen, und zwar nachhaltig.» Als er sich mit seinen Mandanten getroffen habe, «lag Angst in ihren Gesichtern». Wähend B. mit der Sache abschliessen will, fordert Rambert für A. einen Schadenersatz von 18'000 Franken und eine Genugtuung von 20'000 Franken.

«Er weiss nicht einmal, was ein Salafist ist»

Die Verteidiger hingegen blasen ins gleiche Horn wie ihre Mandanten. Wieder kommt der Begriff «Verschwörung» auf. Es sei vielleicht etwas hoch gegriffen, doch gebe es Zusammenhänge, erklärt etwa A. D.s* Anwalt René Bussien.

Er kritisiert die Berichterstattung in dem Fall. Die Beschuldigten seien vorverurteilt worden. Auch die Gutachten, etwa jenes zur Gehirnerschütterung, werden infrage gestellt. Sein Mandant sei «normal religiös», sagt Bussien. «Er weiss nicht einmal, was ein Salafist ist.» Die sechsmonatige U-Haft habe D. traumatisiert: «Er hat ein halbes Jahr mit Mördern und Vergewaltigern verbringen müssen.» Bussien sieht D.s Zukunft gefährdet und bittet das Gericht deshalb: «Bitte geben Sie ihm eine zweite Chance.»

Auch N. Z.s* Verteidiger André Bürgi übt heftige Kritik an den Medien, insbesondere am Journalisten Kurt Pelda. Bürgi stellt die Glaubwürdigkeit der Aussagen der beiden Geschädigten infrage, er spricht gar wiederholt von Lügen. Für seinen Mandanten fordert er deshalb einen Freispruch. Das tut auch der Anwalt von M. E.*, dem Sohn des damaligen Imams.

*Namen der Redaktion bekannt

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