Aktualisiert 03.07.2014 11:26

Facebook-Studie

War Pentagon am Psycho-Experiment beteiligt?

Facebooks Data-Science-Team konnte ohne Kontrollen Hunderttausende Mitglieder manipulieren. Brisantes Detail: Das Pentagon soll einen Teil der Studien finanziert haben.

von
tob/cho
Den Forschern bei Facebook waren bei ihren Experimenten kaum Grenzen gesetzt, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter des Data-Science-Teams.

Den Forschern bei Facebook waren bei ihren Experimenten kaum Grenzen gesetzt, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter des Data-Science-Teams.

Jüngst geriet Facebook unter Beschuss wegen eines kontroversen Psycho-Experiments: Die wissenschaftliche Untersuchung, die im Jahr 2012 durchgeführt wurde, sollte aufzeigen, ob Gefühle auch virtuell ansteckend sind. Knapp 700'000 Mitglieder nahmen an der Studie teil - ohne davon zu wissen. Orchestriert wurde das Experiment von Facebooks Data-Science-Team, bestehend aus 30 Doktoren und Wissenschaftlern.

Wie das «Wall Street Journal» nun berichtet, waren den Forschern im Umgang mit den 1,3 Milliarden Mitgliedern kaum Grenzen gesetzt. «Jeder im Team konnte ein Experiment laufen lassen. Sie versuchen permanent, das Verhalten der Leute zu manipulieren», sagt Andrew Ledvina, der von 2012 bis 2013 für das Forschungsteam arbeitete. Seitdem die Facebook-Forscher ihre Arbeit im Jahr 2007 aufnahmen, wurden «mehrere hundert» Untersuchungen durchgeführt.

Viele dieser wissenschaftlichen Tests haben die Grundlage für veröffentlichte Studien gelegt: Untersucht wurden etwa die Kommunikation innerhalb einer Familie, Gründe für Einsamkeit oder welchen Einfluss «politische Nachrichten», die an 61 Millionen Menschen versandt wurden, auf die US-Kongresswahl haben. Die meisten Experimente seien aber weniger kontrovers als die Gefühls-Studie. Meist ging es darum, neue Funktionen zu testen oder herauszufinden, wie Leute häufiger auf Werbung klicken.

Die Vorgaben für Experimente wurden laut dem Konzern bereits massiv verschärft. Seit Anfang 2014 müssen alle wissenschaftlichen Untersuchungen von einem internen Ausschuss geprüft werden. Dieser bestehe aus 50 Mitgliedern. Gegenüber dem «Wall Street Journal» gab Facebook an, dass weitere Verschärfungen möglich seien. Ebenfalls wird erwähnt, dass auch andere Firmen wie Yahoo, Microsoft, Twitter oder Google Forschung mit den Daten der Nutzern durchführen.

Das kritisierte Psycho-Experiment könnte für Facebook jedoch unangenehme Folgen haben: Eine britische Behörde ermittelt derzeit gegen das weltweit grösste soziale Netzwerk, auch eine Klage wird geprüft.

Finanzierte das Pentagon die Studie?

Jay Rosen, Publizistikprofessor an der New York University, sorgte mit einem Facebook-Beitrag für zusätzlichen Unmut bei der Internet-Community. Gemäss Rosen soll die Facebook-Studie unter anderem von der US-Militärforschung mitfinanziert worden sein. Auf einer Medienmitteilung seien die Geldgeber aufgeführt worden.

Nach dem Shitstorm gegen die durchgeführte Studie teilte die Universität Cornell mit, dass die Geldgeberhinweise falsch seien. Die Universität betont seither, die Studie sei selber finanziert worden. Rosen hatte diese Korrektur öffentlich als unglaubwürdig bezeichnet.

Verschiedene Medien spekulieren nun über eine Mitwirkung des US-Verteidigungsministeriums. Im Fokus steht dabei der Wissenschaftler Jeffrey T. Hancock. Der Kommunikations-Professor an der Universität Cornell wirkte ebenfalls an der Studie mit und arbeitete bereits in der Vergangenheit mit dem US-Militär zusammen. So verfasste Hancock verschiedene Studien für die Minerva-Stiftung, die 2008 vom Pentagon gegründet wurde und sich unter anderem mit den Auswirkungen von sozialen Netzwerken auf die Gesellschaft beschäftigt.

Update 13:23 Uhr: Wie Facebook mitteilt, ist der Cornell Universität bei der Veröffentlichung der Studie ein Fehler unterlaufen: «Die Studie wurde alleine von Facebook finanziert, darüber hinaus gab es keine weiteren Finanzierungs- oder andere Kooperationspartner, die an der Studie beteiligt waren», schreibt der Konzern.

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