Verwirrte Fauna: Warmer Winter bringt Tiere aus dem Häuschen
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Verwirrte FaunaWarmer Winter bringt Tiere aus dem Häuschen

Offiziell hat der Winter begonnen – aber die Temperaturen sind alles andere als winterlich. Das hat auch Auswirkungen auf die Tierwelt in der Schweiz.

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gbr
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Für junge Igel ist der erste Winter immer eine harte Prüfung. Laut Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz STS können die warmen Temperaturen für Igel zum Problem werden, wenn sie den Winterschlaf wegen der hohen Temperaturen nicht beginnen und gleichzeitig kaum mehr Insekten finden und ihre Energiereserven aufbrauchen.

Für junge Igel ist der erste Winter immer eine harte Prüfung. Laut Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz STS können die warmen Temperaturen für Igel zum Problem werden, wenn sie den Winterschlaf wegen der hohen Temperaturen nicht beginnen und gleichzeitig kaum mehr Insekten finden und ihre Energiereserven aufbrauchen.

Keystone/Steffen Schmidt
Stare im Churer Rheintal: Laut Michael Schaad von der Schweizer Vogelwarte verweilen viele der Vögel noch im Brutgebiet. In kälteren Winter wären sie längst nicht mehr da.

Stare im Churer Rheintal: Laut Michael Schaad von der Schweizer Vogelwarte verweilen viele der Vögel noch im Brutgebiet. In kälteren Winter wären sie längst nicht mehr da.

Keystone/Arno Balzarini
Ein Schneehase im Tierpark Goldau: Laut Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz STS sei aufgrund der langfristigen Auswirkungen des wärmeren Klimas zu befürchten, dass hochalpine Tiere verdrängt werden.

Ein Schneehase im Tierpark Goldau: Laut Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz STS sei aufgrund der langfristigen Auswirkungen des wärmeren Klimas zu befürchten, dass hochalpine Tiere verdrängt werden.

Keystone/Urs Flüeler

«Das Jahr 2014 ist das wärmste Jahr seit Messbeginn», sagte Klaus Marquardt von MeteoNews vor wenigen Tagen zu 20 Minuten. Temperaturen von bis zu 19 Grad – «mit Winter hat das nichts mehr zu tun», so der Experte.

Die klimatischen Verhältnisse machen nicht nur manchen Skigebieten und Fans weisser Weihnachten im Flachland zu schaffen. Auch in der Schweizer Tierwelt ist wegen der Wärme einiges in Bewegung – oder auch nicht. Jedenfalls lässt das warme Klima die Fauna nicht kalt.

Veränderungen bei den Vögeln

«Die Temperatur beeinflusst das Nahrungsangebot und damit auch die Vögel», sagt Michael Schaad, Sprecher Vogelwarte Sempach. Zwar seien die Zugvögel, die von Insekten leben, bereits im Süden. «Aber Teilzieher und Durchzügler haben auf das warme Wetter reagiert: So verweilen viele Stare noch im Brutgebiet, die Kraniche zogen erst Mitte statt Anfang November durch die Schweiz, und bei einigen Wintergästen sind erst wenige Vögel bei uns eingetroffen, etwa bei der Sturmmöwe, der Schellente und der Kornweihe», sagt Schaad.

Dass die wärmeren Winter der vergangenen Jahrzehnte einen Einfluss auf das Verhalten der Vögel haben, zeigen langfristige Studien, so Schaad: «Zur Schellente gibt es wissenschaftliche Daten aus den vergangenen 30 Jahren: Sie zeigen, dass die Vögel wegen der Erwärmung des Klimas immer weiter nördlicher überwintern.»

Sorge um Igel und Tiere im Hochgebirge

Auch Tierarzt Martin Wehrle vom Tierpark Goldau beobachtet Veränderungen aufgrund der hohen Temperaturen: «Störche bleiben länger, letztes Jahr blieben sogar einige ganz hier. Das ist speziell.» Wehrle erwähnt auch Waldrapp Shorty, der sich wieder die Schweiz ausgesucht hat. Wehrle führt weiter aus: «Auf den Feldern sind nach wie vor viele Kleinnager aktiv, weil die Böden nicht gefroren sind, was wiederum Graureiher anlockt. Auch Schwäne, allgemein Pflanzenfresser, profitieren davon, dass das Gras im November noch gewachsen ist.»

Zoologin Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz STS betont, der milde Winter sei für manche Tiere auch positiv: «Sie finden länger Futter. Aber es gibt auch Probleme bei einigen – zum Beispiel beim Igel, da sie nicht in den Winterschlaf gehen können, aber gleichzeitig kaum mehr Insekten finden und somit ihre Energiereserven aufbrauchen.»

Sorgen bereiten auch die langfristigen Auswirkungen des wärmeren Klimas, die sicher zu erwarten seien: So werde der Lebensraum für Tiere im Hochgebirge, etwa für das Alpenschneehuhn oder Schneehasen, kleiner, während er für andere Arten grösser werde. «So können sich Fauna und Vegetation verschieben», sagt Wehrli. Der Verdrängungskampf könne auch das Vogelreich betreffen. Die Zoologin des STS: «Langfristig können Arten so in Konkurrenz geraten. Wenn etwa Zugvögel aus dem Süden zurückkehren und der Frühling ist schon weiter fortgeschritten als üblich, können andere Vogelarten die besten Nistplätze bereits besetzt haben.»

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