Aktualisiert 21.03.2011 15:52

IKRK-PräsidentWarnung vor einem libyschen Bürgerkrieg

IKRK-Präsident Jakob Kellenberger bezeichnet die Konfliktsituation und die humanitären Folgen in Libyen als «unübersichtlich». Und warnt vor einem Bürgerkrieg im Land.

von
ast

«Der fehlende Zugang zu Landesteilen unter Kontrolle der Regierung in Tripolis ist für mich Anlass grosser Beunruhigung», sagte Kellenberger in einem Gespräch mit der Zeitung «Der Sonntag». «Die Möglichkeit, dass bewaffnete Auseinandersetzung in echten Bürgerkrieg ausmündet, besteht.»

Das IKRK berücksichtige diese besorgniserregende Entwicklung in seiner Einsatzplanung, so Kellenberger. «Die Intensivierung der Kämpfe dürfte eine Zunahme von Flüchtlingen und von im Landesinneren Vertriebenen zur Folge haben.»

Fast 200 000 Flüchtlinge

Mehr als 191 000 Menschen sind bisher vor der Gewalt in Libyen ausser Landes geflohen, wie das UNO-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) am Samstag berichtete. Zudem seien rund zehntausend Menschen auf dem Weg zur ägyptischen Grenze, wo sie in zwei oder drei Tagen eintreffen dürften.

Bereits vor einer Woche haben IKRK-Delegierte im Osten Libyens ihre Tätigkeit aufgenommen. Das IKRK hat einen Spendenappell lanciert. Für Nothilfe wie Nahrungsmittel, Wasser, medizinisches Material und Hygieneartikel werden 24 Millionen Franken benötigt.

Im Interview mit der «SonntagsZeitung» beklagte Kellenberger, dass das IKRK nicht in den Westteil Libyens, wo Gaddafi noch die Herrschaft hat, gelangen könne. «Wir wollen auch im Westen des Landes und in Tripolis helfen», sagt Kellenberger. Ein medizinisches Team stehe zum Einsatz in Westlibyen bereit. Er selbst würde sofort nach Tripolis reisen, wenn es ihn dort bräuchte.

Solidarität statt Angst vor Flüchtlingswelle

Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sagte in einem Interview mit der Zeitung «Der Sonntag», sie verstehe die Menschen in der Schweiz, die Angst vor einer grossen Flüchtlingswelle hätten: «Doch am meisten sollten wir uns nun von der Solidarität mit diesen Menschen leiten lassen, die so viel Mut bewiesen haben.»

Sie bewundere die Menschen sehr, die sich aufgelehnt hätten und in Libyen auf die Strasse gingen: «Dazu braucht es sehr, sehr viel Mut.» Hilfe vor Ort bleibe die Philosophie der Schweiz: «Wir wollen den Menschen eine Perspektive vor Ort geben.» Flüchtlinge seien Opfern. «Niemand entscheide leichtfertig, seine Familie und sein Land zu verlassen.» Die Bevölkerung in Libyen und anderen betroffenen Staaten suche «Würde und Identität»".

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.