«Wie in den Ferien»: Warten, gamen, chillen – so läuft die Homeoffice-RS
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«Wie in den Ferien»Warten, gamen, chillen – so läuft die Homeoffice-RS

Wegen IT-Störungen bei der Armee verlief die erste RS-Woche für viele Homeoffice-Rekruten nicht wie gedacht. Zwei von ihnen haben ihren Alltag in einem Protokoll aufgezeichnet.

von
Daniel Krähenbühl

Darum gehts

  • Seit einer Woche befinden sich rund 5000 Rekruten in der Homeoffice-RS.

  • Schon zu Beginn kämpfte die IT der Armee mit überlasteten Servern. Rekruten mussten mit Ausfällen oder langen Wartezeiten rechnen.

  • Über das Wochenende hat die Armee die Serverkapazitäten ausgebaut. Trotzdem haben auch heute noch verschiedene Rekruten Mühe, sich ins System einzuloggen.

«Wie Sie festgestellt haben, ist auch die Armee nicht vor technischen Störungen gefeit. Wir bedauern sehr, dass Ihr virtueller Start in die Rekrutenschule nicht wie geplant stattfinden konnte»: Mit diesen Worten entschuldigte sich das Kommando Ausbildung der Armee am vergangenen Donnerstag bei den Rekruten, die vor einer Woche mit der Rekrutenschule im Homeoffice begonnen haben und seither mit erheblichen Störungen beim E-Learning-Tool «LMS» kämpften.

Die Armee gelobte Besserung: Die Armee werde über das Wochenende «grosse technische Systemanpassungen» durchführen und am Montag damit «die volle Leistungsfähigkeit» erreichen, schrieb das Kommando Ausbildung im Mail. Die «Beeinträchtigungen des Lernprozesses» werden bei der angekündigten Prüfung nach der dritten Woche berücksichtigt.

Was halten die betroffenen Rekruten vom IT-Chaos in der Armee? Und wie sah ihre erste Woche in der Homeoffice-RS aus? Wir haben nachgefragt:

RS-Protokoll von Sandro (19):

Montag: Ich startete um 8 Uhr in den Tag und konnte mich zunächst erfolgreich ins LMS einloggen. Bereits kurze Zeit später ging bis am Abend jedoch gar nichts mehr. Für den Rest der Zeit war ich auf Netflix, habe Playstation gespielt und aufgeräumt.

Dienstag: Ich sass erneut um 8 Uhr vor dem PC und hatte gleich zu Beginn Mühe, mich ins E-Learning der Armee einzuwählen. Kurze Zeit später ging es – jedoch nur sehr langsam. Die Wartezeiten zwischen den Mausklicks betrugen bis zu zehn Minuten. Mit diesen Einschränkungen konnte ich jedoch bis rund 15 Uhr lernen – einfach nicht besonders effizient. Anschliessend hatte ich aufgrund vermehrter Störungen des LMS keine Lust mehr.

Mittwoch: Start um 8 Uhr. Der Tag verlief wie am Montag – das LMS funktionierte gar nicht. Ich nutzte die freie Zeit um Sport zu treiben, zu gamen und mit dem Hund zu spazieren.

Donnerstag: Start wieder um 8 Uhr. Leider ging das System wieder nicht, darum ging ich wieder mit dem Hund nach draussen und sass vor dem TV. Gegen Mittag erhielt ich ein Mail der Armee. Uns wurde mitgeteilt, dass das System stark überlastet ist und wir den Auftrag haben, mit den auf der Armee-Website hochgeladenen PDF-Reglementen zu lernen.

Freitag: Start um 8 Uhr. Das System funktionierte erstaunlich gut. Wahrscheinlich hatten sich heute sehr wenige Rekruten eingeloggt. Somit waren die Server nicht überlastet. Bis 15 Uhr konnte ich ohne grosse Schwierigkeiten mit dem LMS lernen.

Fazit: Lernaufwand sieben bis zehn Stunden
«Die erste RS-Woche war sehr gemütlich. Da das System so gut wie nie funktionierte, hatte ich viel Freizeit. Ich schaute oft Netflix oder spielte auf der Playstation. Doch nach etlichen Stunden Fernsehen und Gamen verging mir die Lust daran. Nebst dem Sport und den Spaziergängen mit dem Hund war mir sehr oft langweilig. Am Montagmorgen funktionierte das System super. Zunächst schien es so, als hätten sich die Wartungsarbeiten gelohnt. Am Nachmittag ging jedoch erneut gar nichts mehr. Mein RS-Kollege hat mir das Gleiche berichtet.»

RS-Protokoll von Jonathan (20):

Montag:

8 bis 10 Uhr: Als ich am Morgen zum Laptop gehen wollte, hatte ich schon zahlreiche Nachrichten, dass das LMS nicht funktioniere. Habe trotzdem versucht, mich im LMS anzumelden.
10 bis 12 Uhr: Anfangs hiess es noch, das System ist einfach überlastet. So begann ich mit dem Sport (mit der Armee-App).
13 bis 15 Uhr: Am Nachmittag habe ich mal mein Zuhause aufgeräumt (Zimmer/ Studio).
15 bis 18 Uhr: Danach habe ich das erste LMS-Modul absolviert (Einführung LMS).

Dienstag:

8 bis 14 Uhr: Ich konnte mich im LMS einloggen und einige Module durcharbeiten. Jedoch war mit langen Ladezeiten zu rechnen. In den sechs Stunden kam ich deshalb nicht wirklich voran.
14 bis 16 Uhr: Am Nachmittag funktionierte es immer noch nicht. Ergo schaute ich noch etwas Netflix (Brooklyn Nine-Nine).
16 bis 17 Uhr: Sport.

Mittwoch:

8 bis 9 Uhr: Habe vergeblich versucht, mich im E-Learning anzumelden.
9 bis 12 Uhr: Bin zurück ins Bett und habe weitergeschlafen.
13 bis 14 Uhr: Weiterer Versuch, ins LMS zu gelangen.
14 bis 15 Uhr: Sport.
15 bis 17 Uhr: Online Shopping (Sneakers).

Donnerstag:

8 bis 9 Uhr: Das LMS funktioniert noch immer nicht.
9 bis 11 Uhr: Widmete mich meinem Hobby, der Musikproduktion.
11 bis 12 Uhr: Kurz vor Mittag haben wir eine E-Mail von der Armee erhalten, mit dem Vermerk, das LMS funktioniere voraussichtlich bis Montag nicht.
13 bis 17 Uhr: Den Nachmittag über habe ich mich um den grossen Schneefall gekümmert und die Strassen geräumt.

Freitag:

Bis 11 Uhr: Da das LMS nicht funktionierte, habe ich ausgeschlafen.
11 bis 12 Uhr: Netflix (Designated Survivor).
12 bis 15 Uhr: Habe erneut Musik produziert (Hardstyle).
15 bis 18 Uhr: Schneefall (Strassen geräumt).

Fazit: Lernaufwand ca. zwölf Stunden

«Im Vergleich zur ‹normalen› RS fühle ich mich wie in den Ferien. Weil das E-Learning für mich nicht wirklich funktioniert hat, konnte ich mich bisher nicht wirklich für die Homeoffice-RS begeistern. Ich sehe im ganzen Projekt unter den jetzigen Umständen keinen Sinn und wäre jetzt lieber in der Kaserne als zu Hause. Dass die Armee-IT das Problem so lange nicht lösen kann, finde ich lächerlich. Wenn man sich für eine Homeoffice-RS entscheidet, muss sichergestellt sein, dass solche Pannen nicht passieren.»

Das sagt die Armee:

«Es ist falsch zu sagen, die Rekruten hätten vergangene Woche nichts lernen können», sagt Armeesprecher Stefan Hofer auf Anfrage. Das Distance Learning habe «punktuell» nicht optimal funktioniert oder war langsam. Ab Donnerstagmorgen seien die zum Lernen benötigten Reglemente aber auf der Armee-Website zugänglich gewesen. «Egal ob im Distance Learning oder physisch in einer RS: Die Lektionen sind im Verlauf der RS für alle Rekruten zu absolvieren», so Hofer. Die Lernkontrolle beim Einrücken in die RS werde aufgrund der IT-Störungen in den ersten drei Tagen «minim angepasst.»

Bis jetzt hätten sich rund 95 Prozent der Rekruten mindestens einmal eingeloggt, sagt Hofer. «Die restlichen fünf Prozent haben entweder bei ihren Schulen die Unterlagen in Papierform angefordert, weil sie keinen Zugriff auf einen Computer, Tablet oder Handy haben. Oder sie konnten sich aus anderen Gründen nicht einloggen und erhalten nun von den zuständigen Administratoren ihrer Schulen Unterstützung.» Dank dem Ausbau der Betriebsinfrastruktur laufe das System laut der Betreiberin Ruag jetzt stabil, sagt Hofer. Eine definitive Aussage lasse sich jedoch erst am Dienstag machen: «Ab Montagnachmittag werden sich auch noch diejenigen Rekruten einwählen, die ihre RS bereits in einer Kaserne absolvieren.»

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Deine Meinung

208 Kommentare
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Schneeflockn

27.01.2021, 18:02

Netflix ist das Neuste Ausbildungsmaterial der Armee. Das Ganze ist ein Schuss ins Grüne und dient den Rekruten nichts und für Corona kein Schutz. Wenn dann die PC-Rekruten einrücken, geht die Ansteckungsrate steil nach oben. Ausser Spesen nichts gewesen.

Seppetoni Hoppmarronni

26.01.2021, 12:35

Habe den Sinn des Lebens bis heute noch nicht gefunden. Und im Militär ging es mir genau so.

Weich spüler

26.01.2021, 12:28

Stell dir vor, es wäre Krieg und niemand geht hin, weil Homeoffice-Armee... :-))