«Time-out»: Warum Arno Del Curto nie ein NHL-Coach wird
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«Time-out»Warum Arno Del Curto nie ein NHL-Coach wird

Der HCD verhandelt mit Arno Del Curto intensiv über eine Vertragsverlängerung. Warum wechselt der charismatischste Trainer Europas eigentlich nicht in die NHL?

von
Klaus Zaugg
Arno del Curto wird wohl nie an der Bande eines NHL-Teams stehen.

Arno del Curto wird wohl nie an der Bande eines NHL-Teams stehen.

Angebote aus dem Ausland hatte Arno Del Curto schon mehrere: Zuletzt hat sich Gazprom-Chef Alexander Medwedjew persönlich darum bemüht, den HCD-Trainer nach St. Petersburg zu holen. Del Curto hat das verlockende Angebot vor einem Jahr ausgeschlagen. Obwohl ihm sein Freund und HCD-Leitwolf Reto von Arx geraten hatte, das Abenteuer zu wagen. Weil er diese Chance sonst nie mehr bekommen werde. «Aber mein Vertrag lief noch ein Jahr weiter. Es ist einfach nicht meine Art, Verträge zu brechen.» So erklärt der Engadiner seinen Verzicht gegenüber 20 Minuten Online.

Nun aber läuft sein Vertrag aus. Er wäre frei für ein Abenteuer im Ausland. Mit ziemlicher Sicherheit würde er jetzt ein Angebot aus der NHL annehmen. Er wäre mit seiner Hockeyphilosophie der perfekte Cheftrainer für die «härteste Liga der Welt». Er ist in seinem Wesen und Wirken so konsequent, dass ihn auch die Dollarmillionäre unter den Spielern sofort respektieren würden. In wenigen Wochen könnte er seine Hockeyphilosophie durchsetzen und würde mit seinem Team in die Spitzengruppe fräsen. Aber er wird in der NHL keine Chance bekommen. Nicht jetzt und nicht in zehn Jahren. Weil die NHL eine Welt ist, in der Nonkonformisten wie Arno Del Curto keine Chance bekommen und keine Chance haben.

Die Erfahrung fehlt

Niemand bekommt ohne Erfahrung in Nordamerika - sei es als Coach eines Farmteams oder als Assistent oder Spieler in der NHL - den Job eines Cheftrainers. Und niemand kann als Assistent einsteigen, wenn er nicht einen Freund in den Chefetagen eines NHL-Unternehmens hat. Ein Europäer muss in der NHL erst einmal als Assistent beginnen. Der ehemalige Schweizer Nationaltrainer Ralph Krueger verdankt seinen aktuellen Job den guten Beziehungen zu Edmontons Cheftrainer Tom Renney und selbst das «Alphatier» Krueger muss sich dort mit der Rolle eines «Betatieres» hinter Renney begnügen.

Aber Arno Del Curto könnte nie ein Assistent in der NHL sein. Denn er müsste bei diesem Job tagein tagaus die Arbeit erledigen, die er mehr hasst als der Teufel ein Sprudelbad im geweihten Wasser: Video, Video, Video. Die NHL-Coaches sind in einem für Europäer unvorstellbaren Masse Technokraten. Sie lassen durch ihre Assistenten jeden eigenen und gegnerischen Spieler in Videoaufnahmen durchanalysieren. Das Eishockey wird sozusagen jeden Tag in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt.

Strenge Hierarchien, Anzugpflicht und keine Polemik

Hinzu kommt, dass die Hierarchien in Nordamerika strengstens respektiert werden und Äusserlichkeiten eine sehr grosse Rolle spielen. Der Assistent dient, der Cheftrainer ist immer der Chef und niemals darf ein Assistent seinen Chef durch Widerspruch herausfordern. Komm dazu, dass der Cheftrainer und seine Assistenten in Anzug und Krawatte an der Bande zu stehen haben. Der Nonkonformist Arno Del Curto in Anzug und Krawatte an der Bande? Es ist wahrscheinlicher, dass sich Micheline Calmy-Rey zu einem Table-Dance-Auftritt überreden lässt, als dass der HCD-Cheftrainer an der Bande Anzug und Krawatte trägt. Und schliesslich und endlich haben die NHL-Cheftrainer eine Viertelstunde nach jedem Spiel den Medien Red und Antwort zu stehen und dabei diplomatisch jegliche Polemik zu vermeiden. Arno Del Curto würde in Nordamerika mit seinem Temperament, seinem Sarkasmus und seiner Ironie bei jedem Auftritt vor den Medien ein Spektakel bieten wie einst Giovanni Trapattoni am 10. März 1998 nach dem 0:1 gegen Schalke bei seinem Zornesausbruch als Bayern-Trainer («Was erlauben Strunz? (...) Flasche leer (...) Ich habe fertig.»)

Gewiss, die Schweiz ist heute auf der Eishockeyweltkarte aller NHL-Manager eingezeichnet. Aber der Gedanke, einem Coach aus der Schweiz eine NHL-Mannschaft zu überlassen ist für die dortigen Generäle absurd. Die Hockeyarroganz und der Hockeyrassismus der Nordamerikaner ist der grösste Entwicklungshemmer der NHL und verunmöglicht vielversprechende Experimente wie eben jenes, Arno Del Curto zu einem NHL-Cheftrainer zu machen.

Es gibt eigentlich nur einen möglichen Weg für den aktuellen HCD-Coach in die NHL: Wenn Ralph Krueger eines Tages Cheftrainer werden sollte, kann er den Engadiner als Assistenten holen und ihm die Führung der Mannschaft überlassen. Ich nehme an, dass Arno Del Curto eine solche Offerte ablehnen würde...

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