Amoklauf nicht verhindert: Warum auch der Trainer bestraft werden müsste
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Amoklauf nicht verhindertWarum auch der Trainer bestraft werden müsste

14 Spielsperren für Hobby-Kickboxer und SCB-Verteidiger Johann Morant (26) – ein angemessenes Urteil. Aber SCB-Trainer Antti Törmänen geht straffrei aus.

von
Klaus Zaugg
14 Spielsperren für ein paar Sekunden Prügel: SCB-Verteidiger Johann Morant bekommt nach dem Ausraster gegen ZSC-Stürmer Cyrill Bühler eine Denkpause.

14 Spielsperren für ein paar Sekunden Prügel: SCB-Verteidiger Johann Morant bekommt nach dem Ausraster gegen ZSC-Stürmer Cyrill Bühler eine Denkpause.

SCB-Trainer Antti Törmänen und sein Assistent Lars Leuenberger wollten oder konnten nicht verhindern, dass Johann Morant sieben Sekunden vor Schluss des dritten Finalspiels (3:0) durchdrehte. Der SCB-Verteidiger verprügelte ZSC-Stürmer Cyrill Bühler. Zuvor hatte er keine Sekunde gespielt.

Einzelrichter Reto Steinmann begründet seine Nationalliga-Rekordsperre so: Schläge gegen den Hinterkopf/Nacken eines Gegenspielers seien eine Handlung mit sehr grossem Verletzungspotenzial. Das Verschulden von Johann Morant wiege sehr schwer.

Der SCB-Verteidiger habe sich zu einer Tat hinreissen lassen, deren Folgen lebensbedrohlich sein könnten. Zudem habe er es nicht bei einem Schlag bewenden lassen. Er habe vielmehr auf den auf dem Eis liegenden und deshalb wehrlosen Gegenspieler eingeschlagen, bis der Linienrichter eingriff. Das Verbandssportgericht sehe für solche Fälle – absichtliches Foul mit möglichen gravierender Verletzungsfolge – einen Strafrahmen von fünf bis zehn Spielsperren vor. Denn Schläge gegen den Kopf, den Hals oder den Rücken sowie Angriffe von hinten seien am schwersten zu ahnden, da hier die Verletzungsgefahr am grössten sei.

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Angriff auf einen Schiedsrichter

Nachdem der Linienrichter den SCB-Goon von seinem Opfer getrennt hatte und ihn daran hinderte, auf einen anderen ZSC-Spieler loszugehen, habe Johann Morant mit beiden Händen den Linienrichters umgestossen. Nach den Regeln des Internationalen Eishockey-verbandes (IIHF), aber auch nach den ungeschriebenen Verhaltensgrundsätzen gelte der Schiedsrichter als absolut unantastbar. Ein Angriff auf einen Schiedsrichter sei deshalb als eines der schwersten Delikte überhaupt und, wie in anderen Ländern und Ligen, entsprechend hart zu betrafen.

Das harte Urteil ist richtig und hat nur einen Schönheitsfehler. Aufgrund der Reglemente ist es nicht möglich, auch die Trainer zu bestrafen. SCB-Coach Antti Törmänen und sein Assistent Lars Leuenberger haben nämlich den Amoklauf ihres Spielers nicht verhindert und müssten deshalb für mindestens eine Partie auf die Tribune geschickt oder mindestens gebüsst werden. Kurz vor dem Ausraster war Johann Morant bereits aufs Eis gestürmt um sich an einer Rangelei zu beteiligen. Er wurde von seinem Captain Martin Plüss daran gehindert und zur Spielerbank und damit in die Obhut oder mindestens in Ruf- und Kommandoreichweite der Trainer zurückgeschickt – der SCB-Wüterich drehte also nicht irgendwo auf dem Eisfeld und fernab jeder Kontrolle durch.

Amoklauf nicht verhindert

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten Antti Törmänen und Lars Leuenberger ihren Hitzkopf zur Räson bringen müssen. Sie haben es nicht getan und Johann Morant gewähren lassen. Deshalb tragen sie ein gerüttelt Mass an Mitverantwortung an dieser Eskalation und deshalb müssten sie eigentlich ebenfalls wegen Vernachlässigung der «Aufsichtspflicht» bestraft werden. Eine Eskalation, die womöglich kalkuliert war: Der SCB hatte das zweite Spiel in Zürich 1:2 verloren. Weil die ZSC Lions härter und böser waren. Nun war die dritte Partie entschieden (3:0) und die Gelegenheit gekommen, vor dem nächsten Spiel in Zürich ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, wo der Hammer hängt. Der Wutausbruch von Johann Morant ist umso erstaunlicher, weil ja Antti Törmänen und sein Assistent ihr Team sehr gut im Griff haben und eine hohe Disziplin in allen Bereichen durchsetzen.

Es gibt keinerlei Beweise oder Geständnisse, aber viele Indizien für die Mitverantwortung der SCB-Coaches. Aber eben: Anders als in der NHL sehen unsere Reglemente für solche oder ähnliche Fälle keine Sanktionen für die Bandengeneräle vor. Reto Steinmanns hartes Urteil ist allerdings durchaus im Sinne des SC Bern: Johann Morant rumpelt nächste Saison für den HC Lugano. Nach dieser harschen Bestrafung ist die Gefahr gering, dass Luganos Trainer Larry Huras seine Neuerwerbung für «Goon-Einsätze» gegen seinen Ex-Klub mobilisiert.

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