Ungarn und Türkei: Warum autoritäre Männer geliebt werden
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Ungarn und TürkeiWarum autoritäre Männer geliebt werden

Erst in der Türkei, dann in Ungarn: Autoritäre Führer haben die Wahlen haushoch gewonnen. Warum? Für Recep Tayyip Erdogans und Viktor Orbáns Siege gibt es fünf Gründe.

von
sut

Im westlichen Europa und in den USA haben in den vergangenen zwei Wochen Wahlergebnisse Kopfschütteln ausgelöst. Warum konnte in den türkischen Gemeindewahlen von Ende März Recep Tayyip Erdogans AKP-Partei triumphieren? Schliesslich muss sich der türkische Premier gegen schwere Korruptionsvorwürfe wehren; er liess Demonstranten zusammenschlagen und zensierte selbstherrlich die Sozialnetzwerke Youtube und Twitter.

Auch der klare Sieg von Viktor Orbán in Ungarn vom Sonntag gibt Rätsel auf. Der Ministerpräsident tritt Verfassungsrechte mit Füssen und hat sein Land in die europäische Schmuddelecke manövriert. Gleichwohl errang seine Fidesz-Partei einen klaren Sieg.

Ausgehend von Analysen in der «Zeit» und anderen Publikationen lassen sich zur Erklärung der Wahlsiege Orbáns und Erdogans fünf Gründe auflisten.

1. Sie stärken das Nationalgefühl

Bei den Menschen in beiden Ländern wirken tiefe Demütigungen nach. Im Ersten Weltkrieg verlor Ungarn zwei Drittel seines früheren Territoriums, und die Türkei musste den Zusammenbruch des Osmanischen Reichs hinnehmen, das grosse Teile des Nahen Ostens dominiert hatte. Die zwei Regierungschefs nutzen den verletzten Nationalstolz politisch aus: Orbán gibt Pässe an Ungarn in den Nachbarländern ab; Erdogan stärkt die Rolle des Islams und nährt Träume für ein künftiges Kalifat. Die zwei Politiker geben den Ungarn und Türken neuen Grund, wieder an ihr Land zu glauben.

2. Sie haben ihre Länder im Griff

Auf Erdogan und Orbán trifft gleichermassen das Etikett «starker Mann» zu. Der türkische Ministerpräsident nahm den Kampf mit der städtisch-säkularen Elite und dem machtvollen Militär auf. Das kommt in der ländlichen Türkei gut an. In Ungarn wischte Orbán die Einwände der EU und der USA weg. Verunsichert in einer globalisierten Welt, scharen sich weite Bevölkerungsteile hinter den Führern.

3. Es geht wirtschaftlich bergauf

Ungarn hat nach einem Jahrzehnt die Rezession überwunden. Die Wirtschaft wächst um 2,1 Prozent, die Arbeitslosigkeit sinkt. Die Regierung Orbán verbucht dies natürlich als eigene Leistung. Auch in der Türkei findet ein Aufschwung statt, den sich Erdogan anrechnen lässt. Dass der türkische Boom weitgehend auf Pump basiert und mit einer massiven Entwertung der Landeswährung einhergeht, greift als Gegenargument (noch?) nicht.

4. Die Opposition ist schwach

Oppositionspolitiker hätten in beiden Ländern viel Grund, den amtierenden Regierungschefs Vetternwirtschaft und Korruption vorzuwerfen. Orbán lässt wenige Meter neben seinem Ferienhaus von politischen Freunden ein Fussballstadion bauen. Erdogan errichtet um sich herum ein Netz von AKP-Günstlingen. Doch die Opposition kann sich kein Gehör verschaffen. In Ungarn leidet sie unter dem Erbe langjähriger Misswirtschaft und ist selbst in Korruptionsskandale verwickelt. In der Türkei wird sie buchstäblich niedergeknüppelt und zensiert.

5. Freiheit und Menschenrechte sind Nebensache

«Postmaterialistische Werte wie Selbstentfaltung, bürgerliche Freiheiten und pluralistische Lebensentwürfe haben in Schwellenländern kaum Durchsetzungskraft», schreibt Haci Halil Uslucan von der Universität Duisburg. Gegen Erdogans Islamismus und Kraftmeierei protestieren bloss städtische Eliten. Im tiefen Anatolien gilt westlicher Pluralismus als dekadent. Auch in Ungarn scheinen humanitäre Werte und Toleranz gegenüber Minderheiten gegenüber dem erstarkten Nationalismus eine zweitrangige Rolle zu spielen. Vielleicht spiegeln die Prioritäten in der Türkei und in Ungarn eine neue Weltsituation: Die einst klare, laute Stimme des Westens für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ist leise geworden.

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