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Doktor Sex«Warum bin ich beim Sex so verkrampft?»

Julia hat einen liebevollen Freund. Weil es beim Sex aber Probleme gibt, hat sie ihm gegenüber regelmässig ein schlechtes Gewissen. Doktor Sex weiss Rat.

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Unbedarftes vorgehen kann zu Abwehrreaktionen beim Gegenüber führen. (Symbolbild: «The Three Burials of Melquiades Estrada», Sony Picture Classics)

Unbedarftes vorgehen kann zu Abwehrreaktionen beim Gegenüber führen. (Symbolbild: «The Three Burials of Melquiades Estrada», Sony Picture Classics)

Frage von Julia (27) an Doktor Sex: Ich und mein Freund haben eine schöne Beziehung. Wir lieben uns sehr und können uns beide keinen passenderen Partner vorstellen. Das Problem ist der Sex: Mein Freund möchte viel mehr davon als ich. Wenn es dazu kommt, dass wir kuscheln, hab ich sofort im Hinterkopf, dass er bestimmt gleich wieder Sex will. Und das blockiert mich total. Wenn ich mich dann trotzdem auf seine Nähe einlasse, bin ich am ganzen Körper extrem empfindlich auf seine Berührungen. Es brennt schon fast auf der Haut, wenn er mich anfasst, und ist extrem unangenehm. Am empfänglichsten bin ich für Sex, wenn ich ein zwei Gläser Wein getrunken habe. Aber das kann ja nicht die Lösung sein. Wenn wir Sex haben, ist es wirklich schön und wir kommen beide zum Höhepunkt. Ab und an probieren wir auch etwas Neues aus. Es ist mir ein Rätsel, warum ich so komisch reagiere, wenn es um die Erregung geht. Ich hab regelmässig meinem Freund gegenüber ein schlechtes Gewissen. Ich sage nicht, das ich mehr Sex will, ich bin nun mal eine Frau die weniger Sex braucht, aber ich würde gerne lernen, wie ich mich öffnen kann und mich nicht immer so verkrampfe. Was kann ich tun?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Julia

Du täuschst dich, wenn du glaubst, es gebe eine biologische Gesetzmässigkeit, die dazu führt, dass Männer mehr Sex haben wollen als Frauen. Aus der Perspektive der Arterhaltung gibt es ein generelles Interesse daran, dass die Menschen sich vermehren. Deshalb sind auch beide Geschlechter mit einem sogenannten Fortpflanzungstrieb ausgestattet. Jedoch, so stelle ich in meiner täglichen Arbeit als Einzel- und Paarberater fest, gibt es gesellschaftlich bedingte Unterschiede in Bezug auf dessen Wahrnehmung, im Umgang damit und in der Art, wie er ausgelebt wird.

Etwas vereinfacht gesagt, scheint bei den meisten Männern jede Form von körperlicher Begegnung mit einer Frau nur dann sinnvoll und befriedigend zu sein, wenn sie zum Geschlechtsverkehr und dieser wiederum zum Orgasmus führt. Bei der Mehrzahl der Frauen hingegen scheinen der Körperkontakt an sich und das zärtliche Zusammensein im Vordergrund zu stehen, die Penetration und der Geschlechtsverkehr hingegen nur am Rande wichtig zu sein. Man muss kein Fachmann sein, um zu erkennen, dass die beiden Haltungen sich gegenseitig widersprechen.

Immer vor dem Sex mit Drogen deine Empfindungen zu dämpfen und dich zu entspannen, kann keine Lösung sein. Sinnvoller scheint mir, deinem Freund gegenüber kommunikativ in die Offensive zu gehen und gemeinsam zu erörtern, welchen Umgang ihr miteinander pflegt, wenn es um Sex geht – welche Geschlechterrollenbilder ihr diesbezüglich gelernt und verinnerlicht habt; wie ihr eure Bedürfnisse und Grenzen kommuniziert, aber auch, wie es euch damit geht und wo ein Bedürfnis nach Veränderung besteht.

Die intensive Reaktion auf die Berührungen deines Freundes widerspiegeln auf der Ebene des Körpers und in verstärkter Form, was sich auf der Ebene der Intuition und des Denkens zuvor bereits manifestiert hat: Du willst (so) nicht! Dafür musst du dich nicht schämen – im Gegenteil. Sei froh, dass du diese Wahrnehmungen hast, denn sie unterstützen dich dabei, deine Grenzen sorgfältig zu schützen. Wenn du diese beachtest und immer nur so weit gehst, wie es sich für dich gerade richtig anfühlt, wirst du dich auch nicht mehr verkrampfen.

Deine Frage an Doktor Sex: doktor.sex@20minuten.ch

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