Lara Gut: Warum «böse Mädchen» überall hinkommen
Aktualisiert

Lara GutWarum «böse Mädchen» überall hinkommen

Welche Folgen haben Sperren und Bussen für Sportstars? Wenn es nicht um Doping geht, gar keine. Ganz im Gegenteil: Lara Gut wird eine grosse Karriere machen.

von
Klaus Zaugg
Lara Gut wurde für die Rennen vom 28./29. Dezember am Semmering verbandsintern gesperrt.

Lara Gut wurde für die Rennen vom 28./29. Dezember am Semmering verbandsintern gesperrt.

Stars, die von Sportverbänden disziplinarisch bestraft werden, gehören zum Sport wie Medaillen und Meisterfeiern. Ein Sieger wird schliesslich nur, wer Grenzen zu überwinden und wer seine Interessen kompromisslos durchzusetzen vermag. Dabei werden hin und wieder nicht nur Leistungsgrenzen überschritten. Stars sind keine Sozialisten. Und so ziehen sich disziplinarische Massnahmen gegen Athletinnen und Athleten wie ein roter Faden durch unsere Sportgeschichte.

Noch immer gilt die «Nacht von Sheffield» als die Mutter aller Disziplinarfälle. Das Ganze zog sich über Monate hin, Strafanzeigen inklusive. Vor dem ersten WM-Spiel der Schweizer vom 12. Juli 1966 gegen Deutschland kehren Köbi Kuhn, Werner Leimgruber und Ersatzgoalie Leo Eichmann nach einer Spritztour mit zwei Engländerinnen erst um 23.28 statt um 22.30 Uhr ins Hotel zurück und laufen Nationaltrainer Dr. Alfredo Foni in die Arme. Der prinzipientreue Italiener schliesst das Trio vom Spiel gegen Deutschland aus. Die Schweiz verliert 0:5. 1976 wird Kuhn erneut von der Nationalmannschaft ausgeschlossen. Weil er angeblich vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen (0:1) zusammen mit Joko Pfister noch ein wenig im Ausgang war. Köbi Kuhn wird später als Nationaltrainer grössere Erfolge feiern als Doktor Foni und 2006 sogar zum Schweizer des Jahres gewählt. Pfister übrigens 1977 zum Fussballer des Jahres.

Von von Arx bis Kaeslin

2002 werden Reto von Arx und Marcel Jenni wegen nie bewiesener Nachtschwärmerei von den Olympischen Spielen in Salt Lake City ausgeschlossen und medienwirksam nach Hause geschickt. Reto von Arx ist einer der populärsten Schweizer Spieler aller Zeiten geworden, hat mit Davos 2002, 2005, 2007 und 2009 die Meisterschaft gewonnen und ist mehrmals zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt worden. Jenni gewinnt ein paar Wochen nach der «Schande von Salt Lake» mit Färjestads die Schwedische Meisterschaft. Zurzeit liegen die Teams von Reto von Arx (Davos) und Marcel Jenni (Kloten) auf den beiden ersten Plätzen der NLA.

Die Turnerin Ariella Kaeslin war auch schon eine Rebellin und durfte deshalb bei der EM 2007 nicht starten. Unmittelbar vor der Europameisterschaft hatte der Turnverband das gesamte Team ausgeschlossen. Weil es sich gegen Trainer Eric Demay aufgelehnt hatte. Demay musste trotzdem gehen. Inzwischen ist Ariella Käslin dreimal hintereinander zur Sportlerin des Jahres gewählt worden.

Gegenseitige Abhängigkeit führt zu Konflikten

Zwischen Sportstars und Sportverbänden gab es schon immer Konflikte und wird es immer Konflikte geben. Der Grund ist eine gegenseitige Abhängigkeit: Auch die Stars sind oft auf die Trainings-Infrastrukturen der Verbände angewiesen und müssen juristisch Mitglied eines Sportverbandes sein, den sie notfalls - wie einst Mark Girardelli - auch wechseln können. Umgekehrt hat ein Sportverband ohne Stars keine Chance. Medienpräsenz ist der Sauerstoff, ohne die der Sportbetrieb nicht finanziert werden kann. Und diese Medienpräsenz generieren nur Stars.

Grundsätzlich gilt: Es sind nie die schlechtesten Früchte, woran die Wespen nagen. Grosse Sportlerinnen und Sportler haben auch eine starke Persönlichkeit. Die Vorschriften, die ein Sportverband erlässt, sind meistens für den Durchschnitt ausgelegt und für die Überdurchschnittlichen zu eng. Es ist eine eigentliche Schizophrenie: Einerseits werden von Sportlerinnen und Sportler Eigeninitiative, Risikobereitschaft und Engagement erwartet - andererseits sollten sie sich in unserer ausgeprägten Anpassungs- und Kompromisskultur integrieren.

Das Publikum freuts

Das Publikum ist dankbar für jeden Disziplinarverstoss. Die Athletinnen und Athleten sind heute durch Medientraining dazu erzogen worden, ja keinerlei kritische Äusserungen zu machen. Es gibt wahrscheinlich in der modernen Medienwelt nichts Oberflächlicheres und Langweiligeres als die Interviews mit wohlerzogenen Schweizer Skistars. Wenn eine Athletin oder ein Athlet doch einmal sagt, was er oder sie denkt, dann wird daraus ein Medienereignis, vortreffliche Unterhaltung und - wie im Fall Gut - ein Disziplinarfall.

Bestrafungen gibt es aus den verschiedensten Gründen. Aber diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Niemand weiss ganz genau, was passiert ist und jeder kann sich seine eigene Wahrheit erfinden. Der Legendenbildung zu Gunsten der Stars ist das nur förderlich.

Die Stars siegen immer

Am Ende des Tages sind die Stars in solchen Auseinandersetzungen immer die Sieger. Das Publikum stellt sich auf ihre Seite. Nie auf jene der Funktionäre. Deshalb sind nur Strafmassnahmen wirksam, die nicht an die Öffentlichkeit getragen werden und von einem Star schweigend und zähneknirschend akzeptiert werden müssen.

Im Rückblick wird sich zeigen, dass die aktuelle Posse für Lara Guts Karriere nur förderlich ist. So lässt sich für die Werbeindustrie noch vortrefflicher das Image einer schönen, jungen Rebellin basteln. Sozusagen zwischen Janis Joplin und Marilyn Monroe. Ein anderes Profil als jenes von Vreni Schneider oder Erika Hess. Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse wie Lara Gut überall hin.

Gut: «Fahre weiter für die Schweiz»

Nachdem Swiss Ski seine Ausnahme-Athletin für die Rennen vom 28./29. Dezember am Semmering verbandsintern gesperrt hat, wurden kritische Stimmen laut, Lara Gut könnte sich einen Nationenwechsel überlegen. Diesen Gerüchten widerspricht die 19-Jährige. «Ich bin Schweizerin und fahre weiterhin für die Schweiz», stellt sie im «Tages-Anzeiger» vom Samstag klar. Da der Ski-Weltverband FIS in Sachen Nationenwechsel nicht so rigorose Richtlinien hat wie beispielsweise der Weltfussballverband Fifa, wäre ein Übertritt prinzipiell möglich gewesen. Allerdings nicht mitten in einer Saison. Lara Gut ist schweizerisch-italienische Doppelbürgerin. (mon)

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