Aktualisiert 22.04.2011 12:09

Borussia DortmundWarum der Erfolg zur Gefahr werden könnte

Borussia Dortmund steht unmittelbar vor dem siebten Meistertitel. Der überraschende Erfolg könnte dem BVB aber nicht nur Anerkennung und Geld, sondern auch altbekannte Probleme bringen.

von
Philipp Reich
Die jungen Wilden sorgen beim BVB für Furore. (Bild: Keystone)

Die jungen Wilden sorgen beim BVB für Furore. (Bild: Keystone)

2004 lag Borussia Dortmund vor einem Scherbenhaufen. Sportliche Misserfolge trotz teuren Neuverpflichtungen und unternehmerische Fehlentscheidungen beim Ausbau des Stadions führten den Traditionsklub aus dem Ruhrpott an den Rand des finanziellen Kollapses. Schulden in Höhe von fast 100 Millionen Euro hatten sich angehäuft. Der Champions-League-Sieger von 1997 musste seine Strategie komplett überdenken.

Unter dem neuen Geschäftsführer Hans-Joachim Watze wurde das Budget der Borussia deutlich nach unten angepasst. Die Senkung des Etats erfolgte vorwiegend über Lohneinsparungen bei der Bundesliga-Mannschaft. Die letzten teuren Stars wie Tomas Rosicky oder Jan Koller wechselten ins Ausland und wurden vor allem durch Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ersetzt. Seit Watzke die Fäden zieht, wurde ausserdem kein Transfer über mehr als 5 Millionen Euro mehr getätigt.

BVB-Jungs machen den Brückenschuss

Verpflichtung von Klopp als Glücksfall

Unter den Einsparungen litt zunächst der sportliche Erfolg. Der Deutsche Meister von 2002 klassierte sich nur noch im Mittelfeld und verpasste in den folgenden Jahren die Qualifikation für den Europacup jeweils deutlich. Es fehlte der Trainer, der die neue Vereinsphilosophie voll und ganz mittragen wollte. So wurden den jungen Talenten immer wieder gestandene Bundesliga-Profis, die relativ billig zu haben waren, ihren Zenit aber längst überschritten hatten, vor die Nase gesetzt.

Neuer BVB-Song: Völlig losgelöst

Das änderte sich 2008 mit der Verpflichtung von Jürgen Klopp. Der extrovertierte Fussball-Philosoph setzte konsequent auf den Nachwuchs und verjüngte den Kader radikal. Regelmässig lag der Altersdurchschnitt beim BVB in dieser Saison unter 23 Jahren. Mit Nuri Sahin, Mario Götze, Marcel Schmelzer und Kevin Grosskreutz haben gleich vier Spieler aus der eigenen Jugend den Sprung in die Bundesliga-Mannschaft geschafft. Und mehr noch: Alle wurden unter Jürgen Klopp auch zum Nationalspieler.

«Wir haben ein System»

Klopp versteht es die Jungen zu motivieren, gibt ihnen Selbstvertrauen und lebt Professionalität vor. Zudem hat der Ex-Mainzer ein Konzept, das alle verstehen und auch umsetzen. Der 43-Jährige hat in kuzrer Zeit die Defensive stabilisiert, die Laufbereitschaft dramatisch erhöht und auch den Spielstil weiter kultiviert. Die Dortmunder spielen momentan nicht nur den schnellsten, sondern auch den schönsten Fussball in der Bundesliga.

Matts Hummels erklärt das Geheimnis des Erfolgs: «Wir haben ein System, eine Idee, einen Plan, den die ganze Mannschaft verfolgt. Auf diese Struktur im Spiel können wir uns verlassen. Wir wissen, dass die taktische Disziplin und der Wille zu verteidigen immer vorhanden sein muss, auch wenn es fussballerisch mal nicht so läuft. Der Trainer ist der Schlüssel zum Erfolg: Er hat Begeisterung bei allen entfacht – ein Grundstein für den erfolgreichen Weg, den wir weitergehen wollen», sagte der Nationalspieler im Dezember der «Westdeutschen Zeitung». Die Krönung steht unmittelbar bevor: Der Borussia ist der siebte Meistertitel kaum mehr zu nehmen. Schon am Samstag könnte die grosse Party am Borsigplatz steigen.

Mannschaft soll zusammen bleiben

Der jüngste Erfolg bringt aber auch Gefahren mit sich. Die jungen Talente sind bei der finanzstarken deutschen und internationalen Konkurrenz heiss begehrt. Für Nuri Sahin liegt beispielsweise ein Millionen-Angebot von Real Madrid vor, Bayern München liebäugelt mit der Rückkehr von Matts Hummels zum deutschen Rekordmeister. Erfolgstrainer Klopp bleibt aber gelassen. Er ist überzeugt, dass die Mannschaft zusammen bleibt. Schliesslich können die Jungstars auch mit Dortmund in der kommenden Saison in der Champions League spielen.

Grössere Investitionen im Hinblick auf die Königklasse sind ebenfalls nicht geplant. Die eingeschlagene Strategie soll beibehalten werden. 10 Milionen Euro - rund die Hälfte der garantierten Champions-League-Einnahmen - will Geschäftsführer Watzke dennoch in die Mannschaft stecken. Diese werden wohl vor allem für Lohnerhöhungen und weniger für Transfers draufgehen. Das «System BVB» soll im gleichen Stil weitergeführt werden.

Verkaufen oder binden?

Kein leichtes Unterfangen: Wenn der Erfolg in der kommenden Saison anhält, müssen die Löhne irgendwann nach oben angepasst werden. Sonst werden die zukünftigen Nationalspieler einst doch dem Ruf des Geldes folgen. Die Talente ziehen lassen oder mit gutdotierten Verträgen binden? Ein Mittelweg muss gefunden werden. Sonst droht erneut die Gefahr, dass wegen den ansteigenden Gehaltskosten die finanziellen Möglichkeiten überspannt werden könnten.

Falls die Ausgaben grösser würden als die Einnahmen, gäbe es nur eine Lösung. Und die kennt der BVB ja bereits: Die teuren Stars ins Ausland verkaufen. Dazu sind die Dortmunder gemäss Watzke auch bereit, allerdings noch nicht jetzt. Sollte es irgendwann doch so weit kommen, müssten Klopp & Co. wieder neue Talente aus dem Hut zaubern. Bislang ist ihnen dies ausgezeichnet und mit beeindruckender Regelmässigkeit gelungen.

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