Die 6 wichtigsten Fragen: Warum der Grexit-Krimi auch die Schweiz trifft
Aktualisiert

Die 6 wichtigsten FragenWarum der Grexit-Krimi auch die Schweiz trifft

Bis zum Wochenende muss Athen eine Einigung für die nächsten Hilfsgelder erzielen. Sonst droht der Grexit – und der würde auch Folgen für die Schweiz haben.

von
Isabel Strassheim
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Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras: Für ihn dürfte am Sonntag das entscheidende Spitzentreffen der EU-Staats- und Regierungschefs bevorstehen. Dies ist die letzte Chance, um sich auf die Bedingungen für die Hilfsgelder aus dem Hilfspaket zu einigen.Es geht um 7,2 Milliarden Euro und um Griechenlands finanzielles Überleben.

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras: Für ihn dürfte am Sonntag das entscheidende Spitzentreffen der EU-Staats- und Regierungschefs bevorstehen. Dies ist die letzte Chance, um sich auf die Bedingungen für die Hilfsgelder aus dem Hilfspaket zu einigen.Es geht um 7,2 Milliarden Euro und um Griechenlands finanzielles Überleben.

Simela Pantzartzi
Am Mittwoch schaltet sich  noch Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann ein und lädt Tsipras nach Wien. Er will zwischen der EU und Athen vermitteln.

Am Mittwoch schaltet sich noch Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann ein und lädt Tsipras nach Wien. Er will zwischen der EU und Athen vermitteln.

Andy Wenzel
Diese Woche auf dem  Syntagma-Platz nahe des Parlaments in Athen. Für die griechischen Bürger geht es um höhere Steuern und eine Rentenkürzung, die die EU als Bedingung an ihre Hilfs-Zahlungen knüpft. Schon jetzt ist die griechische Wirtschaft am Boden, die Leute geben kaum noch Geld aus.

Diese Woche auf dem Syntagma-Platz nahe des Parlaments in Athen. Für die griechischen Bürger geht es um höhere Steuern und eine Rentenkürzung, die die EU als Bedingung an ihre Hilfs-Zahlungen knüpft. Schon jetzt ist die griechische Wirtschaft am Boden, die Leute geben kaum noch Geld aus.

Yannis Kolesidis

Was passiert, wenn die Verhandlungen zwischen der Euro-Zone und Griechenland platzen?

Einigt sich Athens Ministerpräsident Alexis Tsipras bis zum Sonntag mit den EU-Staats- und Regierungschefs nicht auf ein neues Reformpaket mit Rentenkürzungen und Steuererhöhungen für Griechenland, muss Athen auf die letzte Tranche aus dem EU-Rettungspaket verzichten. Die 7,2 Milliarden Euro brauchen die Griechen aber dringender denn je. Nach Berichten vom Mittwoch liegen die Steuereinnahmen seit Anfang Jahr 1,7 Milliarden Euro unter den Erwartungen. Weil die Bürger kaum noch grössere Anschaffungen machen, geht selbst das Aufkommen aus der griechischen Mehrwertsteuer zurück. Die Hilfs-Milliarden der EU benötigt Athen aber nicht nur, um die nächsten Renten auszuzahlen. Sondern auch um den Ende Juni fälligen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) von 1,6 Milliarden Euro zu tilgen.

Athens Zentralbank warnte am Mittwoch vor einer Staatspleite und vor einem Euro-Aus Griechenlands – wie realistisch ist das?

Es gibt keinen Automatismus für einen Staatsbankrott, selbst wenn Tsipras den IWF-Kredit am 30. Juni nicht zurückzahlt. «In der Regel gewährt der IWF eine Gnadenperiode bei einem Kreditausfall», erklärt Devisenspezialist Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank in Frankfurt. Für Tsipras wird es aus einem anderen Grund kritisch: Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte nach dem IWF-Zahlungsausfall Athen für nicht mehr kreditwürdig erklären. Das hätte unmittelbar zur Folge, dass die griechischen Geschäftsbanken keinen Notfallkredite mehr über die EZB erhielten, womit das Land faktisch bankrott wäre. Wenn nicht schon Ende Juni, könnte das auch am 20. Juli der Fall sein. Das ist das zweite kritische Datum für Athen. Denn dann laufen seine von der EZB gehaltenen Staatsanleihen aus. Tsipras muss dann 3,4 Milliarden Euro aufbringen, was ohne Geld aus dem Hilfspaket kaum möglich sein dürfte.

Warum bleiben die Börsen dennoch ziemlich ruhig?

Sie sind momentan ein besserer Seismograph als die Politik. Denn anders als Tsipras oder Angela Merkel müssen sie vor den Verhandlungen an diesem Wochenende keine diplomatischen Warnschüsse abgeben. Die europäischen Aktienmärkte geben kaum nach. Die Renditen von spanischen und italienischen Staatsanleihen steigen zwar. «Allerdings nicht über eine kritische Schwelle, die für sie die Aufnahme von frischem Geld zu teuer werden liesse», wie Devisenexperte Leuchtmann sagt. Vor allem gibt der Euro kaum nach, der Devisenhandel bleibt gelassen. Die meisten Marktteilnehmer rechnen nicht mit einem Euro-Aus für Griechenland – und selbst ein solcher dürfte für Athen zwar das Chaos bringen, aber die restliche Euro-Zone sollte stabil bleiben.

Was würde eine Staatspleite in Athen für den Franken und die Schweiz bedeuten?

Geht Griechenland tatsächlich bankrott, dürfte die Flucht der Anleger in den Franken zunehmen. Wer auch immer Euro als Anlagewährung hält, dürfte ihn in die Schweizer Währung eintauschen. So dürfte der Franken weiter erstarken und der Euro auf Rappenniveau sinken, was für die Exporte Schweizer Firmen in die Euro-Zone eine Katastrophe darstellt. Erste Wirtschaftsprognosen haben einen möglichen Grexit bereits durchgerechnet – und sie warnen vor einer Rezession und steigender Arbeitslosigkeit.

Gibt es auch positive Szenarien?

Tatsächlich gehen inzwischen immer mehr Experten davon aus, dass die Euro-Panik bei einer Griechen-Pleite schon nach Kurzem verpuffen dürfte. «Das Ende des Griechenland-Dramas dürfte die Unsicherheit aus dem Markt nehmen, was letztendlich positiv für den Euro wäre», schreibt auch die Zürcher Kantonalbank in ihrer Devisenmarkt-Einschätzung vom Mittwoch. Der Euro-Frankenkurs dürfte schon nach ein paar Wochen über dem heutigen Niveau von Fr. 1.04 liegen, sagt Leuchtmann von der Commerzbank. Die europäischen Banken halten anders als 2010 kaum noch griechische Staatsanleihen und sind nicht gefährdet. Auch von einem Dominoeffekt für andere Euro-Krisenländer wie Italien oder Spanien geht kaum noch jemand aus.

Und was passiert im Fall eines Staatsbankrotts in Griechenland selbst?

Als Erstes brechen die griechischen Geschäftsbanken zusammen. Sie haben schlicht kein Bargeld mehr, nachdem ihnen die EZB keine Notkredite mehr gewährt. Die Bürger, die ihr Geld abheben und in Sicherheit bringen wollen – was schon seit geraumer Zeit passiert – gehen leer aus. Entweder muss Griechenland dann eine eigene Währung einführen. Oder die EU handelt, denn Griechenland bleibt auch ohne Euro immer noch Mitglied der Europäischen Union. Die EU könnte ein Bankenrettungs-Programm für Athen lancieren und einen Grexit dann doch noch abwenden.

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