Razzien bei BP & Co.: Warum der Ölpreis anfällig ist auf Manipulationen

Aktualisiert

Razzien bei BP & Co.Warum der Ölpreis anfällig ist auf Manipulationen

Der Benzinpreis steigt ständig – auch wenn der Ölpreis sinkt. Jetzt gehen die Kartell-Wächter der EU gegen Shell, Statoil und BP vor. Mit Aussicht auf Erfolg.

von
Sabina Sturzenegger

Am Dienstag schlugen die Finanzaufseher und Wettbewerbshüter der EU zu: Sie durchsuchten die Räumlichkeiten der Ölkonzerne Shell, BP und Statoil in England, den Niederlanden und in Norwegen.

Der Verdacht der EU-Behörde: Es habe Preisabsprachen unter den Ölgiganten gegeben, die zu Verzerrungen beim Ölpreis führten. Dies spüren nicht zuletzt die Konsumenten, das heisst die Autofahrer beim Treibstoffpreis sowie die Hausbesitzer beim Heizöl.

Libor-Skandal als Weckruf

Unter dem Eindruck des Libor-Skandals, bei dem rund 20 Banken ihre Zinssätze ohne Grundlage festsetzten und dadurch hohe Gewinne einfuhren, ziehen die EU-Wächter auch bei anderen Branchen jetzt die Schraube an.

Für Oliver Classen von der Erklärung von Bern ist klar, dass die Ölfirmen Einiges zu verstecken haben: «Der globalisierte Ölhandel ist notorisch intransparent.» Das betreffe insbesondere die Preisbildung. Die Razzien der EU-Kommission bei den Ölfirmen zeigten, dass ausserhalb der Schweiz politisch und juristisch auf mehr Transparenz im Rohstoff-Sektor hingearbeitet werde.

«Logisches Vorgehen»

Energie-Experte Andreas Goldthau ist überhaupt nicht erstaunt, dass die EU-Kommission gerade bei den Ölhändlern Preisabsprachen vermutet. «Es ist sehr logisch, dass die EU sich die drei Firmen Shell, Statoil und BP vornimmt.» Diese beherrschten zusammen mit wenigen anderen Marktteilnehmern nicht nur die Produktion, sondern auch den Handel von Öl. «Hier sind Möglichkeiten zur Manipulation vorhanden», sagt Goldthau (siehe Box).

Der Ölmarkt sei derart global und liquide, dass eine Manipulation «beinahe ausgeschlossen» sei, sagt hingegen ein Analyst. Für die Vertreter der Ölbranche sind die Vorwürfe der EU-Kartellbehörde auch nicht neu, wie Roland Bilang, Geschäftsführer der Schweizer Erdöl-Vereinigung gegenüber 20 Minuten sagt. Er versichert aber: «In der Schweiz gibt es keine Preisabsprachen zwischen den Mineralölimporteuren.»

Fälle von Absprachen bekannt

Der Ölpreis wird immer wieder zum Gegenstand von Spekulationen und Preisabsprachen: So wurde 2011 bekannt, dass Händler aus den USA, Grossbritannien, der Schweiz und Australien die Rohstoffbörsen manipulierten, indem sie einen künstlichen Öl-Mangel erzeugten.

Ein einzelner Broker soll zudem im Juni 2009 ohne Genehmigung seiner Kunden mehr als sieben Millionen Barrel Brent-Öl gekauft haben. Der Preis für die Sorte hatte sich binnen einer Stunde um mehr als zwei Dollar verteuert.

Herr Goldthau*, wie wahrscheinlich sind Preisabsprachen unter den Ölgiganten?

Sie sind absolut möglich. Es ist wie beim Libor: Man weiss, dass es diese Manipulationen gibt, jetzt geht es für die EU-Kommission nur noch darum, einen Beweis zu finden.

Warum ist der Ölhandel so anfällig auf Manipulationen?

Der Ölmarkt ist notorisch intransparent, und es gibt genügend Anreize für Manipulationen. So ist der Markt stark fragmentiert, Ölhändler müssen ihre Transaktionen nirgends deklarieren. Meistens sind private Händler involviert und es wird bilateral geschäftet.

Welche Chancen geben Sie der EU-Untersuchung?

Sie sieht sich in der Lage, einen Beweis für Absprachen zu finden.

Was sind die Folgen für die Konsumenten?

Das ist im Moment schwierig zu sagen. Es wird sicher einen Effekt haben, denn am Ölpreis hängen der Benzin- und auch der Gaspreis. (egg)

* Andreas Goldthau lehrt Energie-Politik an der Central European University und an der John Hopkins University.

Wie hängen Öl- und Benzinpreis zusammen?

Der Tagesölpreis bestimmt den Benzipreis wenig. Man kann nicht davon ausgehen, dass bei fallendem Ölpreis auch die Treibstoffpreise sinken. Der Grund: Der Ölmarkt ist stark von Termingeschäften abhängig. Der deutsche Energie-Experte Steffen Bukold weist nach, dass sich nur rund die Hälfte des Preisanstiegs bei Treibstoffen durch höhere Rohölpreise oder Wechselkurs-Schwankungen rechtfertigen lassen. So hätten die Ölkonzerne in Deutschland zwischen November 2011 und März 2012 pro Monat 167 Millionen Euro zuviel abkassiert. (egg)

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