26.01.2019 13:12

Warum der Teufel nicht in den Kohlenhydraten steckt

Kohlenhydrate sind doch nicht so gut für Jugendliche, wie eine Studie sagt. Warum Low-Carb-Diäten bei Kindern «Schöndenkerei» ist.

von
Jürg Hösli
26.1.2019
Keine Pizza, keine Pasta: Low Carb soll auch für Jugendliche das richtige Rezept sein, um schlank und gesund zu bleiben, besagt eine Studie.

Keine Pizza, keine Pasta: Low Carb soll auch für Jugendliche das richtige Rezept sein, um schlank und gesund zu bleiben, besagt eine Studie.

Disobeyart

Mit dem Titel «Low-Carb-Diät vermindert Fettleber bei Jugendlichen» erschien diese Woche im «Ärzteblatt» ein Artikel basierend auf einer Studie aus Atlanta. Dieser erklärt uns, dass Kohlenhydrate doch nicht so gut sind für Kinder. Doch dieser Artikel und seine Aussage zeigen uns nicht die Realität, sondern sind leider reine «Schöndenkerei».

Dass unsere Kinder immer dicker werden, ist leider ein statistischer Fakt. Der Ernährungsteufel ist schnell gefunden, es sind die Kohlenhydrate, die wieder einmal angeprangert werden. Doch mit dieser Aussage wird wie in der heutigen Politik polemisiert, statt zu analysieren.

Wenn Zehnjährige 94 Kilo wiegen

Dies möchte ich an einem von vielen Beispielen zeigen. Ein Mädchen von rund zehn Jahren ist mit den Eltern in die Praxis gekommen, sie ist 160 Zentimeter gross und rund 94 Kilo schwer. Sie hat schon einige Ernährungskurse im Spital hinter sich, wo stets gepredigt wird, dass die Kohlenhydrate weggelassen werden sollen.

Nun haben wir bei diesem Mädchen eine komplette Stoffwechseldiagnostik durchgeführt und was wir gesehen haben, hat uns durchaus erstaunt. Sie hat einen sehr hohen Stoffwechsel, ist übrigens auch die Einzige in ihrer Klasse, die das 5-Meter-Seil im Turnen hochkommt. Sie hat die Physiologie einer kleinen Leistungssportlerin und braucht in ihrer Ernährung vor allem Kohlenhydrate. Sie hatte zu Hause einige Sorgen aufgrund einer Erkrankung eines engen Familienmitglieds. Darum hatte sie zuerst auch zugenommen.

Mit Süssigkeiten am Kiosk kompensiert

Die Ernährungsberatung im Spital erzählt ihr aber nun mit wissenschaftlichen Studien im Rücken, dass die Kohlenhydrate gefährlich für sie seien. Die Eltern setzen dies natürlich um und geben ihr kaum mehr Kohlenhydrate. Darum hat sie einfach in der Schulzeit am Kiosk immer mehr Süssigkeiten gekauft und gegessen und natürlich immer mehr zugenommen. Der Körper hat ihr den hohen Bedarf an Kohlenhydraten gemeldet, denn wenn ihm kein Reis, keine Kartoffeln oder Pasta gegeben werden, dann muss es eben schneller gehen und dafür Zucker sein.

Als wir in ihrer Ernährung dann die Kohlenhydrate erhöht haben, konnte sie endlich auf Zucker verzichten und hatte auch wieder deutlich mehr Lust auf Sport und Bewegung. Die Folge war eine Gewichtsreduktion, nicht weil sie weniger, sondern mehr Kohlenhydrate ass und dadurch mit Zucker weniger kompensieren musste! Der reale Kilokalorienbedarf ihres Körpers lag bei rund 2800 Kalorien, was rund fünfeinhalb Mahlzeiten entspricht! Bei 2400 Kalorien hat sie dann auch abgenommen.

Es ist der Stress, nicht die Kohlenhydrate

Kehren wir nun zurück zu unserer Studie: Diese wurde so durchgeführt, dass den Familien acht Wochen lang das Essen komplett geschenkt wurde. Das ist vergleichbar mit einem Junkfood-Liebhaber, der nicht gerne kocht und acht Wochen lang mit wunderbaren, unverarbeiteten Lebensmitteln beglückt wird. Natürlich nimmt er dann ab. Aber wenn er die Menüs plötzlich nicht mehr organisiert bekommt, steigt er wieder auf Junkfood um. Sein Lebensstil ist Ursache und nicht die bösen Kohlenhydrate. Solche Studien produzieren Aussagen, für welche es keine Studie braucht.

Ursachen von Übergewicht sind unser Stressalltag, psychologische Probleme, Druck im Umfeld, Bewegungsmangel oder eine schwierige Familienstruktur. Genau dies analysieren solche Studien aber natürlich nie. Kohlenhydrate als möglichst unverarbeitete Lebensmittel sind nicht das Böse, sondern es ist der Zucker, der aus Kompensation aufgrund zu weniger Kohlenhydrate im Alltag verzehrt wird. Und vielleicht sollten wir irgendwann sehen, dass wir unseren Kindern mehr Aufmerksamkeit, Strukturen und vor allem Zuneigung geben sollten statt Kohlenhydratverbote.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler, Querdenker und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist seit 30 Jahren im Leistungssport, hat Weltmeister und Olympiasieger betreut. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur. Hösli betreut hier vor allem übergewichtige Klienten und Menschen mit Reizdarm oder Erschöpfungszuständen. Für 20 Minuten schreibt er unter dem Namen Futterpapst Kolumnen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.