Terror in Nigeria: Warum die Mädchen keine Chance haben
Aktualisiert

Terror in NigeriaWarum die Mädchen keine Chance haben

Das Schicksal der entführten Schülerinnen in Nigeria ist ungewiss. Zu eng sind die Beziehungen zwischen der Terrorgruppe Boko Haram und der Armee.

von
kmo

Das Schicksal von knapp 300 entführten Schülerinnen in Nigeria beschäftigt seit Wochen die Öffentlichkeit. Sie wurden von der Terrorgruppe Boko Haram verschleppt. Wer sind diese Leute und warum scheint der Staat machtlos zu sein?

Wer ist Boko Haram?

Boko Haram ist eine islamistische Sekte, die sich 2009 dem Terrorismus zuwandte. Zuvor unterstützte hatte sie die muslimische Bevölkerung in ihren Anliegen gegenüber der Regierung auf gewaltfreiem Weg unterstützt. Das hatte der Sekte viele Sympathien eingebracht. Ihre Mitglieder rekrutiert Boko Haram unter arbeitslosen Jugendlichen. Der Name der Gruppe bedeutet übersetzt so viel wie «Westliche Bildung ist Sünde». Boko Haram sympathisiert mit der Al-Kaida und ist für den Tod von rund 10'000 Menschen verantwortlich.

Was will Boko Haram ?

Erkärtes Ziel der Terrorgruppe ist es, den mehrheitlich muslimisch geprägten Norden Nigerias vom christlich dominierten Süden abzutrennen und ein strikt islamistisches Kalifat zu errichten.

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Geht es um einen Konflikt zwischen Christen und Muslimen?

Jein. Die Bevölkerung im Norden Nigerias ist zwar mehrheitlich muslimisch und im Süden mehrheitlich christlich. Doch zwischen dem reichen und fruchtbaren südlichen Landesteil und dem kargen Norden existieren seit Jahren Spannungen. Wirtschaftlich und politisch herrscht der reiche Süden über den armen Norden und marginalisiert die muslimische Bevölkerung.

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Hat Boko Haram einen Chef?

Grundsätzlich ist diese Terrorgruppe in Zellen organisiert, eine eindeutige Befehlskette fehlt. Trotzdem hat Boko Haram einen Führer: Abubakar Shekau. Der Mann ist seit 2010 an der Macht und sympathisiert offen mit Al-Kaida. Er gilt als intelligent, präsentiert sich in Videobotschaften aber gerne als völlig durchgeknallt. Die USA, welche Boko Haram 2013 als Terrorgruppe definierten, haben ein Kopfgeld von sieben Millionen Dollar auf Shekau ausgesetzt.

Weiss man, wo sich Boko Haram versteckt?

Die Terrororganisation versteckt sich vorab in den ausgedehnten Wäldern des Sambisa-Reservats im Nordosten des Landes, nahe der Grenzen zu Kamerun und Tschad.

Warum macht die Armee nicht kurzen Prozess mit den Terroristen?

Das nigerianische Militär ist – im Gegensatz zu den Terroristen – miserabel ausgerüstet. Grund ist vor allem die in Nigeria weit verbreitete Korruption, Gelder für Ausrüstung verschwinden in privaten Taschen. Ausserdem ist das Geschäft mit dem Terrorismus lukrativ: Regelmässig werden Militärangehörige und Polizisten von Boko Haram abgeworben. Dass Soldaten immer wieder von Terroristen mit Geiseln in eine Falle gelockt wurden, demoralisiert die Männer zusätzlich.

Was tut der Staatspräsident gegen Boko Haram?

Wenn man die Bevölkerung fragt: viel zu wenig. Erst im Mai verhängte der christliche Staatspräsident Goodluck Jonathan den Ausnahmezustand über drei Nord-Staaten und befahl der Armee, die Terroristen zu bekämpfen. 2012 gab Jonathan noch zu, dass Boko-Haram-Mitglieder die Polizei und Armee infiltriert haben. Heute schmettert er jegliche Kritik als Propaganda der Opposition ab. Im Jahr 2015 stehen Wahlen an.

Und wo steht die Bevölkerung in diesem Konflikt?

Im Krieg zwischen den Terroristen und der Regierung befindet sich die Bevölkerung zwischen den Fronten. Die jüngsten Massenentführungen von gegen 300 Schülerinnen im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes haben dazu beigetragen, dass sich die ethnisch gespaltene Bevölkerung näher kommt. Zusammen demonstrieren die Menschen gegen die Regierung und Boko Haram.

Haben die entführten Mädchen eine Chance?

Kaum. Die Verbindungen zwischen der Armee und Boko Haram sind viel zu stark. Ausserdem dürften die Entführer ihre Opfer bereits in mehrere kleine Gruppen aufgeteilt und zum Teil über die Grenze geschafft haben. Eine kleine Hoffnung gibt das Angebot der USA, von Grossbritannien und Frankreich, dem nigerianischen Staat bei der Suche zu helfen. Vielleicht haben dadurch einige der Entführten Glück.

Michelle Obama fordert Freilassung

Die First Lady der USA, Michelle Obama, hat die Freilassung der rund 300 entführten nigerianischen Schulmädchen gefordert.

«Es ist Zeit, unsere Mädchen zurückzubringen», erklärte die Frau von Präsident Barack Obama per Twitter. Man bete für die Vermissten und deren Familien, fügte sie hinzu.

Zuvor hatte die ehemalige US-Aussenministerin Hillary Clinton die Verschleppung der Mädchen als «abscheulich» verurteilt und die nigerianische Regierung in die Pflicht genommen. Diese habe den Schutz ihrer Kinder «in gewisser Weise vernachlässigt» und müsse nun alles tun, um die sichere Heimkehr der Mädchen zu gewährleisten, forderte sie am Mittwoch bei einem Auftritt in New York. (SDA)

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