Trotz Gasstopps: Schweiz hat grosse Erdgasvorkommen – warum werden sie nicht genutzt?
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Trotz GasstoppsSchweiz hat grosse Erdgasvorkommen – warum werden sie nicht genutzt?

Mit dem russischen Gasstopp für immer mehr Länder ist die Versorgungssicherheit beim Erdgas zunehmend in Gefahr. Die Schweiz verfügt selbst über Erdgasreserven, doch wurde deren Förderung bisher politisch blockiert, da die Gefahren überwogen.

von
Reto Bollmann
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Die Gasversorgung der Schweiz scheint aktuell gefährdet.

Die Gasversorgung der Schweiz scheint aktuell gefährdet.

20min/Michael Scherrer
Immer mehr europäischen Ländern dreht Wladimir Putin den Gashahn zu.

Immer mehr europäischen Ländern dreht Wladimir Putin den Gashahn zu.

via REUTERS
Dabei verfügte die Schweiz an mehreren Orten über grössere eigene Gasreserven.

Dabei verfügte die Schweiz an mehreren Orten über grössere eigene Gasreserven.

Madeleine Schoder

Darum gehts

Es ist etwas, das nur nicht allen bewusst ist: Die Schweiz verfügt über beträchtliche Erdgasreserven, beispielsweise im Tessin, im Neuenburger Jura und im Waadtländer Chablais. Gerade in der aktuellen Situation, wo Russland seine wichtigen Gasexporte zunehmend als Druckmittel einsetzt und bereits Gasstopps für mehrere europäische Länder eingeführt hat, scheint es unverständlich, dass die Schweizer Gasreserven bisher ungenutzt bleiben.

So reichte Christian Imark, SVP-Nationalrat des Kantons Solothurn, im Mai eine Interpellation ein, um vom Bundesrat ausführliche Informationen über das Potenzial des hiesigen Gases zu erhalten, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Imark zweifelt nicht daran, dass besagtes Gas dereinst eine wichtige Rolle in der Energieversorgung einnehmen könnte.

Vorkommen könnten für mehrere Generationen ausreichen

Pietro Oesch ist ein pensionierter Unternehmer aus dem Kanton Tessin und glaubt an das Potenzial des Schweizer Erdgases. «Die Menge würde für die Nachfrage der kommenden zwei bis drei Generationen reichen», ist Oesch überzeugt. Jedoch scheiterte die Firma Timetan SA, die Oesch mitbegründete, weil importiertes Gas schlicht zu günstig war. Wie viel Gas im Tessin hätte gefördert werden könne, konnte nie abschliessend geklärt werden. Wäre eine politische Sicherheitsgarantie ausgestellt worden, könnte die Schweiz nun weitgehend unabhängig von russischen Importen sein, ist sich Oesch sicher.

Auch in Noiraigue am Fusse des Creux du Van plante eine Firma, den Schweizer Gasreserven auf den Grund zu gehen. Die Firma Celtique Energie wollte Neuenburger Erdgas fördern, scheiterte jedoch an einem Moratorium, das der Kantonsrat beschlossen hatte. Gemäss dem ehemaligen Botschafter Thomas Borer, der als Vertreter von Celtique Energie fungiert hatte, gingen Schätzungen davon aus, dass das Gas im Neuenburg den Schweizer Bedarf für zehn Jahre hätte decken können.

Fracking in Neuenburg politisch gestoppt

In Neuenburg hätte Schiefergas mittels des umstrittenen Frackings gefördert werden sollen, bei welchem zunächst Gesteinsschichten aufgebrochen werden, um anschliessend mittels Chemikalien Gas aus den Rissen im Gestein zu lösen. Der Neuenburger Grüne Fabien Fivaz hatte auch für das Moratorium gestimmt und erinnert sich: «In französischen Grenzgemeinden wurde durch solche Bohrungen das Trinkwasser verschmutzt. Wäre bei uns dasselbe passiert, wäre das für die Wasserversorgung der Städte La Chaux-de-Fonds und Neuenburg fatal gewesen.» Thomas Borer betont jedoch: «Es ist völlig falsch, dass man im Kanton Neuenburg Gas mit der Fracking-Methode fördern wollte. Das stand gar nie zur Diskussion.»

Ein weiteres Projekt zur Nutzung von Schweizer Erdgas war bei der Waadtländer Gemeinde Noville im Gang. Probebohrungen gingen hier bis in eine Tiefe von 4000 Metern und förderten Gas zutage. Gemäss dem Unternehmer Philippe Petitpierre wäre hier kein Fracking zur Förderung nötig gewesen, da es sich um sogenanntes «Tight Gas» handelt. Trotzdem wurde auch dieses Projekt politisch blockiert.

Die Grünen setzten ein Verbot von Gasförderung im Rhonedelta durch, welches ein Umweltschutzgebiet darstellt – zudem bestand die Angst vor Erdbeben. Qualität sowie Umfang der Gasvorkommen konnten dadurch nie abgeklärt werden. FDP-Nationalrätin Jacqueline de Quattro war zum Zeitpunkt Waadtländer Umweltdirektorin und erinnert sich, dass nicht alle Zweifel an einer möglichen Verschmutzung des Trinkwassers aus dem Weg geräumt werden konnten. 

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