«Time-Out»: Warum drei Coaches für Langnau arbeiten
Aktualisiert

«Time-Out»Warum drei Coaches für Langnau arbeiten

Wenn NLA-Hockey bessere Unterhaltung bietet als die NHL - dann spielen die SCL Tigers gegen die ZSC Lions (5:4 n.P).

von
Klaus Zaugg
SCL-Tigers-Coach John Fust.

SCL-Tigers-Coach John Fust.

Das beste Mittel gegen «Jetlag» ist noch immer, am Tag der Heimkehr so spät wie möglich zu Bett gehen. Daraus ergibt sich eine reizvolle Vergleichsmöglichkeit: NHL Hockey in einer der besten kanadischen Hockeystädten (in Edmonton) und nach der Ankunft zu Hause gleich NLA Hockey in Langnau. Einen direkteren Vergleich gibt es gar nicht.

Nun scheint es auf den ersten Blick so, dass die Hockey-Differenz zwischen Edmonton nach Langnau, zwischen der NHL und der NLA eher noch grösser ist als der erotische Reiz zwischen Sharon Stone und Alice Schwarzer.

Aber so ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Um beim frivolen Vergleich zu bleiben: Es fehlt zwar an der Ilfis schon ein bisschen Glitter und Glitzer und Glamour. Aber alles in allem ist es vielleicht eine Differenz wie von Sharone Stone zu Mascha Santschi. Ja, schliesslich und endlich ist die Unterhaltung in Langnau sogar besser. Wenn Eishockey nicht in einem dieser Paläste gespielt wird, die heute fast alle gleich aussehen und eher an Ankunftshallen eines Flughafen statt an eine Sportarena mahnen, dann ist der «Grove» ein ganz anderer. Langnaus hölziges Iflisstadion kommt dem wahren Prärie-Hockeyfeeling, aus Stompin' Tom Connors Evergreen "the good old Hockey game" (…the best game you can name…) einfach viel näher.

ZSC-Sportchef Edgar Salis ist zwar grantlig und sagt gegenüber 20 Minuten Online, es sei kein gutes Spiel seiner Mannschaft gewesen. Doch da trübt die Enttäuschung nach der Niederlage die objektive Wahrnehmung: Die ZSC Lions haben sogar begeistert. Der neue Trainer Bengt-Ake Gustafsson sorgt für Tempo und Struktur im Spektakel, die Zürcher spielen eine Stufe schneller, präziser und taktisch disziplinierter als unter Kumpel-Trainer Colin Muller.

Sicheres Zeichen für das gute Niveau: NHL-Saurier Owen Nolan - er hat letzte Saison in der NHL in 73 Spielen immerhin noch 33 Punkte produziert und 2,75 Millionen verdient - ist zwar immer noch einer der smartesten aber zugleich auch der langsamste Spieler auf dem Eis (er legt immerhin für Pittis zum 1:1 auf). Sein Vertrag läuft am Sonntag aus. Angebote aus der NHL hat er keine bekommen und Salis hofft, Nolan nun bis Saisonende verpflichten zu können. Immerhin hat der Kanadier bisher in 7 Spielen 2 Tore und 9 Assists produziert.

Die SCL Tigers besiegen die ZSC Lions 5:4 nach Penalties. Die Unterhaltung ist vorzüglich, Tempo und Intensität sind erstaunlich hoch und Langeweile kommt schon gar nie auf. Die Stimmung grossartig und mitreissend und nun fällt mir zum ersten Mal etwas auf, was viel mit dem überraschenden Erfolg der Langnauer zu tun. Hat. Nein, es geht nicht um Torhüter Benjamin Conz oder das besser Defensivsystem.

Es ist etwas ganz anderes: Die Emmentaler sind auf eine hockeytechnisch gute Art böse. Sie lassen ihren Gegenspielern nie Zeit und Raum. Die Nordamerikaner haben dafür eine Ausdrucksweise kreiert: «being in their face». Was sinngemäss bedeutet, den Gegenspielern unter die Haut zu gehen. Es ist dieser Biss, der es den Langnauern möglich macht, gegen die spielerisch eigentlich viel besseren ZSC Lions immer auf Augenhöhe zu spielen. Deshalb ist das Spiel des Aussenseiters nicht nur gut strukturiert. Es ist auch intensiv und jeder im Stadion kann dieses Selbstvertrauen, das hinter dieser gesunden Aggressivität steckt, an der Körpersprache der Langnauer ablesen, ja richtiggehend spüren. Sie spielen kanadisch im besten Sinne des Wortes. Es ist, als seien aus den weinenden Knaben und Buben der Ära von Trainer Christian Weber (2006 bis 2010) endlich, endlich richtige Männer geworden.

Natürlich bleibt nach wie vor offen, ob es schliesslich und endlich für die ersten NLA-Playoffs reicht. Denn in den Playoffs ist eine Mannschaft erst, wenn sie in der Rangliste auf «Teletext» grün eingefärbt wird. Aber neben den eigenen Qualitäten haben die Langnauer noch einen unbezahlbaren Vorteil: Gleich zwei weitere Cheftrainer arbeiten für die SCL Tigers. Wie das? Ganz einfach: John Fust leistet vorzügliche Arbeit in Langnau.

Und in Lugano sorgt Philippe Bozon und in Rapperswil-Jona Christian Weber dafür, dass der HC Lugano bzw. die Lakers, zwei nominell klar bessere Teams hinter Langnau und unter dem Strich bleiben. Die Lakers sind bereits in den Playouts. Die Vorentscheidung um den 8. und letzten Playoffplatz dürfte am ersten Dezember-Wochenende fallen: Am 3. Dezember spielen die SCL Tigers in Lugano, am nächsten Tag, am 4. Dezember, kommt Lugano nach Langnau. Wenn die Emmentaler diese beiden Direktbegegnungen gegen den letzten noch verbleibenden Gegner um den letzten Playoffplatz nicht verlieren, dann wird es reichen.

Pech für die Langnauer, wenn der HC Lugano doch noch vorher Trainer Philippe Bozon feuert.

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