Aktualisiert 26.12.2011 08:34

«Time-Out»

Warum es die Verrückten bei uns so schwer haben

Markus Bösiger (54) ist mit seinem KHL-Eishockey-Abenteuer nicht der erste Verrückte in unserem Sport. Ein Blick in die Vergangenheit

von
Klaus Zaugg

Die Sportkultur ist jung, dynamisch und modern. Aber gerade bei uns gibt es als ausgleichende Kraft einen provinziellen Konservatismus, geprägt durch provinzielle Besserwisser und Bedenkenträger. Die Reaktionen auf den verrückten Plan, ein KHL-Unternehmen in der Schweiz aufzubauen – auf den ersten Blick ein chancenloses Unterfangen - sind dafür ein Schulbeispiel.

Was in Nordamerika als mutige Tat gefeiert und mit grössten Interesse und Neugier verfolgt würde (Wow!), wird bei uns argwöhnisch beäugt, ignoriert oder gar verhöhnt. Weil es die gewohnten Abläufe stört. Das amerikanische «think big» ist in unserer Kultur immer noch weitgehend fremd. Zudem haben wir bei uns nicht den lockeren Umgang mit dem Scheitern im Sport und im Leben. Anders als in Amerika kennen wir mit unserer schwerblütigen Art das lockere «Ich bin gescheitert, na und?» und die selbstverständliche Gewährung einer neuen Chance nicht. Dafür einen ausgeprägten Hang zur Häme («Wir haben es doch immer gesagt, dass das und das nicht geht.») und zum Opportunismus, wenn es doch gelingt («Wir haben immer gewusst, dass der es schaffen wird.»)

Scheitern ist nicht programmiert

Ein Blick auf das, was «Mover» und «Shaker», auf das, was im guten Sinne Verrückte im Schweizer Sport versucht und erreicht haben, zeigt indes auf: Scheitern ist bei weitem nicht immer programmiert.

- Am 6. Dezember 1986 verliert die Schweiz gegen die UdSSR in Bern 2:10. Die Schweizer sind völlig chancenlos: Ja sie werden von der weltbesten Nationalmannschaft lächerlich gemacht. Beim Bankett im Bären in Ostermundigen erklärt der neue Verbandspräsident René Fasel in allem Ernst, das Ziel müsse es sein, diese Russen einmal zu besiegen. Die Reaktionen sind ähnlich wie auf Markus Bösigers KHL-Projekt: Am Geisteszustand des neuen Präsidenten wird gezweifelt und auch von Grössenwahn ist die Rede: Der schnelle Aufstieg (mit 35 Verbandsboss und mit 36 Mitglied des IIHF-Direktorates) sei ihm zu Kopfe gestiegen und habe den Verstand vernebelt. Zwölf Jahre später besiegen die Schweizer bei der WM im eigenen Land Russland 4:2 und erreichen den sensationellen vierten Schlussrang.

- Die Oltner Hockey-Kultfigur Tino Catti arbeitet beim 1986er-Gastspiel der Russen als Betreuer und freundet sich mit einigen Spielern an. Im Laufe der Saison 1989/90 informiert er die Sportchefs unserer wichtigsten Klubs, dass die Chance bestehe, Slawa Bykow und Andrej Chomutow, zwei der weltbesten Spieler, in die Schweiz zu transferieren. Catti wird hockeytechnisch mehr oder weniger für unzurechnungsfähig erklärt und mit Hohn und Spott bedacht. Nur ein verrückter Versicherungskaufmann und Hobby-Helikopterpilot aus Fribourg namens Jean Martinet nimmt die Sache ernst. Er ist bei Gottéron im Hockeygeschäft so neu und unschuldig, dass ihm die Namen Bykow und Chomutow nichts sagen und er erkundigt sich bei einem Hockeyjournalisten, ob die zwei wohl in der NLA mithalten könnten. Er geht ein eigentlich völlig unmögliches Transfergeschäft völlig unbekümmert an. Im Sommer 1990 wechseln Slawa Bykow und Andrej Chomutow zum bassen Erstaunen der ganzen Hockeywelt nicht für Dollarmillionen in die NHL. Sondern für je 60 000 Dollar zum HC Fribourg-Gottéron.

- Am 27. Januar 1987 übernimmt der hemdsärmlige Unternehmer Fred Bommes das Präsidium des hoch verschuldeten und stark abstiegsgefährdeten SC Bern. Er mahnt im Wesen und Wirken stark an Markus Bösiger. Die Lage ist fast hoffnungslos. Doch bei der Antrittsrede im überfüllten Casino brüllt er ins Mikrophon: «U übernächste Früelig hole mer dä Chübu (Meisterpokal) nach Bärn!…dä Chübu!...dä Chübu!...dä Chübu!» Mehr als siebenhundert Klubmitglieder springen von den Sitzen auf, geraten in Ekstase und skandieren: «Dä Chübu! ...dä Chübu! ... dä Chübu!» Und dann verspricht er auch noch, dass man nie mehr Schulden machen werde. Doch schon am nächsten Tag folgt die Ernüchterung. Die meisten Berner sind entsetzt. Sie befürchten, einem Wahnsinnigen, einem Hochstapler aufgesessen zu sein. Der SCB Meister? Der SCB schuldenfrei? Absolut, einfach absolut unmöglich und wer solchen Unfug dem Volk verspricht ist grössenwahnsinnig und handelt verantwortungslos. Und der Gipfel der Verrücktheiten:Er stellte mit dem Querdenker Roland von Mentlen erstmals in der SCB-Geschichte einen vollamtlichen Manager an. Im Frühjahr 1989 stemmen die SCB-Spieler den «Chübu». Genau so wie es der Präsident versprochen hat. 1991 und 1992 folgen zwei weitere Meistertitel. Als Bommes nach seiner ersten Amtszeit geht, ist die Kasse voll und er steht heute in der SCB-Geschichtsschreibung mindestens auf Augenhöhe mit Marc Lüthi und für viele sogar auf einer höheren Stufe.

- Im Sommer 1999 unterschreibt der 22jährige Verteidiger Mark Streit einen Vertrag beim IHL-Team Utah Grizzlies (die IHL gibt es heute nicht mehr). Er will die NHL erobern. Niemand gibt ihm auch nur die geringste Chance und an seinem Verstand wird gezweifelt: Wie will er denn in die NHL kommen? Er ist ja nicht einmal gedraftet. Der gute Vertrag beim HC Davos hat wohl zu Grössenwahn geführt. Oder hat er gar zu viel gekifft? Und tatsächlich: Ende Saison kehrt er gescheitert in die NLA zurück. Aber er schafft es doch: In der Saison 2005/06 erobert er - gestärkt durch sein erstes Amerika-Abenteuer - im zweiten Anlauf die NHL. Heute ist er Captain der New York Islanders und mit 4,2 Millionen Dollar Jahressalär der bestverdienende Schweizer Feldspieler aller Zeiten.

- Am Rande des Kongresses des Eishockey-Weltverbandes IIHF in Colorado (USA) spielt der damalige Schweizer Verbandspräsident René Fasel im Herbst 1986 eine Runde Golf mit Walter Bush, dem Boss des US-Verbandes. Es geht um die Besetzung eines freien Platzes im IIHF-Direktorium. Bush fragt Fasel, ob er sich zur Wahl stelle. Fasel sagt, ob er denn verrückt sei? Der ehemalige Hockeyweltstar Wladislaw Tretjak wolle diesen Posten und es sei nun wirklich völlig abwegig, gegen den Kandidaten der mächtigen Sowjetunion anzutreten. Die Sowjets kontrollieren ja alle Stimmen des kommunistischen Lagers. Da werde er als Schweizer vor der ganzen Welt bis auf die Knochen blamiert. Bush, ganz Amerikaner, sagt: «René, kandidiere!» Fasel kandidiert, wird sensationell gewählt. Seit 1994 ist er sogar IIHF-Präsident, seit 1995 IOK-Mitglied und einer der mächtigsten Männer der internationalen Sportwelt.

- Im September 1987 verkündet Walter Brun den Einstieg in die Formel 1.An seinem Verstand wird gezweifelt. Brun wird vor laufender Kamera des Schweizer Fernsehens gefragt, ob er verrückt sei. «Ich war wohl verrückt» wird er Jahre später sagen. Er hat 1986 die Sportwagen-WM gewonnen und erliegt dem Reiz, Ruhm und Ehre in der Formel 1, in der wichtigsten Motorsportserie der Welt zu erreichen. Aber es wird ein Kampf gegen Windmühlen. Zu wenig Geld für erstklassige Technik, für Tests und gute Piloten, die Wahl der falschen italienischen Partner. Vier Fahrer (Modena, Foitek, Larrauri, Langes) bestreiten 1988, 1989 und 1990 insgesamt 46 GP, qualifizieren sich aber nur für 14 Rennen und ein 11. Platz bleibt die beste Klassierung. Der Franzose Claude Langes tritt 14mal an und schafft 14mal die Qualifikation nicht und geht als erfolglosester Pilot in die Formel 1-Geschichte ein. Ende Saison 1990 wirft Walter Brun das Handtuch und geht wie ein Gentlemen: Er zahlt zehn Jahre lang die angehäuften Schulden ab und 2002 ist er wieder schuldenfrei. Er ist also mit Karacho gescheitert. War sein Abenteuer umsonst? Nein. Am 14. März 1993 debutiert Peter Sauber mit seinem Team beim GP von Südafrika in der Formel 1 (J. J. Lehto und Karl Wendlinger) und Lehto holt im Regen den 5. Platz. Sauber hat mehr Glück und ist der bessere Rennsportmanager als Brun. Er erobert die Formel 1. Aber der Mann, der die Türe für Schweizer Teams aufgestossen hatte, heisst Walter Brun.

- Am 22. Dezember 2011 meldet die russische KHL, die zweitwichtigste Liga der Welt, hochoffiziell auf der eigenen Webseite ein Abkommen mit einem Schweizer Hockeyunternehmen namens «Helvetics». 20 Minuten Online enthüllt, wer dahinter steckt: Markus Bösiger. Der Langenthaler Unternehmer startet das verrückteste Abenteuer unseres Sportes und die Stimmen der Spötter, Kritiker und Skeptiker sind noch lauter als einst bei René Fasel, Tino Catti, Mark Streit, Fred Bommes und Walter Brun. Verrückte Unternehmer waren schon immer für unglaubliche Entwicklungen im Sport verantwortlich.

Chance verdient mit russischen Wintermärchen

Geben wir Bösiger eine Chance. Auch wenn er scheitern sollte: Er ist wenigstens kein hasenfüssiger und besserwisserisch-dröger Langeweiler: Mit seinem russischen Wintermärchen beschert er uns beste Unterhaltung – und darum geht es im Sportbusiness des 21. Jahrhunderts ja auch. In Nordamerika wäre der Russen-Flüsterer jetzt schon ein Sport-Held und an seiner Wirkungsstätte beim Sportzentrum würde eine Tafel montiert: «Welcome to Huttwil-City, proud home of Markus Bösiger and the Helvetics.»

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