«Time-Out»: Warum es für Lugano zu spät ist
Aktualisiert

«Time-Out»Warum es für Lugano zu spät ist

Der HC Lugano hat Trainer Philippe Bozon gefeuert. Aber es ist zu spät, um die Saison noch zu retten.

von
Klaus Zaugg
«Der Franzose hatte auf einem der schwierigsten Trainerposten ausserhalb der NHL keine Chance.»

«Der Franzose hatte auf einem der schwierigsten Trainerposten ausserhalb der NHL keine Chance.»

Die Entlassung von Bozon ist eine der ungewöhnlichsten seit Einführung der Playoffs (1985/86). Die Auswechslung der wichtigsten sportlichen Führungsperson ist zwar auch im Eishockey in Zeiten der Krise gang und gäbe. Diese Saison haben bereits die ZSC Lions und Ambri ihre Trainer gefeuert.

Doch der «Fall Bozon» ist aussergewöhnlich, weil ein völlig überforderter Trainer so lange im Amt behalten worden ist. Bozon hätte aufgrund seines Leistungsausweises (mit vier Niederlagen in Serie gegen den SCB aus den Playoffs geflogen) bereits nach der letzten Saison verabschiedet werden müssen. Doch sein Vertrag wurde um zwei Jahre verlängert. Bereits nach zehn Spielen in der neuen Saison war klar: Der Franzose hatte auf einem der schwierigsten Trainerposten ausserhalb der NHL keine Chance.

Doch Sportchef Roland Hasbisreutinger hat unbeirrt an seinem Trainer festgehalten wie Captain Edward John Smith das Steuer seiner Titanic nach der Kollision mit dem Eisberg. Die ganze Liga freute sich, dass Lugano sein grosses Potenzial durch eine Fehlbesetzung auf der Trainerposition blockiert - doch in Lugano wollte niemand die Wahrheit wissen. Es ist gut möglich, dass die SCL Tigers schliesslich die ersten NLA-Playoffs ihrer Geschichte Habisreutinger verdanken.

Wie konnte es so weit kommen? Seltsame Zufälle haben diese Situation herbeigeführt. Ein Blick zurück erhellt die Gegenwart. Lugano hat durch den «Schwarzgeldskandal» von 2006 seine wichtigsten Manager verloren: Manager Beat Kaufmann musste gehen und Präsident Fabio Gaggini sich zurückziehen. Kaufmann mag eine eigenwillige Persönlichkeit sein. Doch der ehemalige Nationalspieler war ein Glücksfall für Lugano: Ein Deutschweizer, der sehr genau die ganz besondere Kultur des HC Lugano aus eigener Erfahrung kannte und wusste, welche Spieler und Trainer dazu passen.

Mit Roland Habisreutinger haben die Luganesi einen Sportchef geholt, dessen Fachkompetenz, Professionalität und Charakter ausserhalb jeder Kritik stehen. Aber Habisreutinger kennt die Kultur des HC Lugano nicht. Das ist ungefähr so, wie wenn SF-Sportchef Urs Leutert auf einmal die Sportabteilung der RAI leiten oder Roger Köppel die Redaktion der WOZ managen müsste.

Medien sitzen mit im Boot

Eine Fehlentwicklung wie in Lugano wäre in Zürich oder Bern heute nicht möglich: Zu stark wäre der Druck der Medien. Aber in Lugano gibt es die Medien als vierte Macht im Verständnis der Deutschweizer nicht. Bösartig formuliert: Die Sportberichterstatter sind PR-Agenten des HC Lugano, finanziert von Inserenten und Abonnenten. In Freundschaft verbunden mit diesem oder jenem Funktionär oder mit dem Trainer oder den Spielern. So ist eine der bizzarsten Fehlentwicklung in der modernen Geschichte unseres Sportes ungebremst weiter gelaufen bis sich die Mannschaft praktisch ganz aufgelöst und die Leistungskultur verflüchtigt hatte.

Der Wiederaufbau in Lugano braucht nun Zeit. Anders als in Zürich und in Ambri wird es keine sofort ersichtliche Besserung geben. Interimstrainer Mike McNamara ist ein Haudegen im Sinne von Don Cherry und seine Elite-Junioren haben jenen Kampfgeist, den die 1. Mannschaft bisher gänzlich vermissen liess. Zwar dürfte McNamara bald von einem neuen Mann abgelöst werden. Doch selbst Ralph Krueger könnte jetzt keine kurzfristige Wende herbeiführen. Es dürfte in den nächsten Partien ein bisschen rumpeln, dieser oder jene Sieg wird gelingen - doch für eine Wende braucht es monatelange Arbeit. Um diese Saison noch zu retten, ist Bozon zu spät entlassen worden.

Diese Ausgangslage hat auch einen Vorteil: Das Management (auch Sportchef Roland Habisreutinger) bekommt die Chance, aus den Fehlern zu lernen und die nächste Saison bereits jetzt aufzugleisen. Der Fall ist so tief, dass es jetzt keine Rücksicht mehr auf Befindlichkeiten und Verdienste braucht. Mit der richtigen Trainerwahl, mit den richtigen vier Ausländern, mit ein paar Transfers, die dafür sorgen, dass die Chemie der Mannschaft wieder stimmt, kann Lugano schon nächste Saison wieder «grande» sein. Denn am Geld für die notwendigen Massnahmen und für einen Trainer vom Format eines Andy Murray fehlt es ja nicht. Es ist gut möglich, dass die tiefste Krise der Unternehmensgeschichte im Rückblick einmal als die Wiedergeburt des «Grande Lugano» erscheinen wird. «Reculer pour mieux sauter» - «Anlauf nehmen um weiter springen zu können» sagen die Lateiner. Mag sein, dass Lugano so tief gefallen ist wie noch selten ein Hockeyunternehmen - aber zugleich hat der HC Lugano nun auch entsprechend viel Anlauf genommen.

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