Zwillingsmord: Warum Gerichtsmediziner tote Zwillinge taufen
Aktualisiert

ZwillingsmordWarum Gerichtsmediziner tote Zwillinge taufen

Es war ein Detail in einem grausamen Prozess. Die Zwillingskinder aus Horgen wurden von einem Gerichtsmediziner notgetauft – obwohl sie nicht mehr lebten. Die katholische Kirche hat dafür gar kein Verständnis.

von
meg

Im Zwillingsmord von Horgen wurden gestern Donnerstag verschiedene Zeugen aufgerufen. Darunter auch ein Experte vom Institut für Rechtsmedizin IRM Zürich. Er gab erschütternde Einzelheiten über den Tod der Zwillinge zu Protokoll. Zum Schluss folgte ein Detail, das aufhorchen liess. Das Institut für Rechtsmedizin liess die beiden Kinder nottaufen. Die bei der Zeremonie angezündete Kerze sei aufbewahrt worden. «Sie kann bei mir abgeholt werden», so der Gerichtsmediziner vor dem Geschworenengericht.

Eine Nottaufe bei Toten? Das hat die katholische Kirche aufhorchen lassen. «Eine Nottaufe von Verstorbenen ist ein völliges Unding», sagt Franz Stampfli, Pfarrer und Pressesprecher des Generalvikariats Zürich. Tote Menschen könnten die Taufe nicht empfangen, «Sakramente sind für die Lebenden da».

Kommt hinzu, dass das Institut für Rechtsmedizin die Eltern offenbar nicht um ihr Einverständnis fragten. Es sei nicht klar gewesen, ob die Kinder getauft worden seien, erklärte der Experte vor Gericht. Weil die Eltern aber in Untersuchungshaft sassen, habe man im IRM die Nottaufe selbst organisiert.

«Eltern müssen den Wunsch äussern»

Laut Stampfli kann im Zweifelsfall eine Nottaufe gemacht werden. Etwa, wenn man sich nicht ganz sicher sei, ob jemand schon tot ist oder allenfalls bewusstlos. «Aber es ist ganz klar, dass die Eltern den Wunsch äussern müssen», so Stampfli.

Die Nottaufe hat das Institut für Rechtsmedizin in Erklärungsnotstand gebracht. Das scheint den Verantwortlichen gar nicht zu gefallen. «Wir geben dazu keinen Kommentar ab», hiess es auf Anfrage mehrmals. Warum dem Institut die Worte fehlen, wollte man aber nicht begründen. (meg/sda)

Die Nottaufe

Die Nottaufe wird laut katholischer Kirche nur in akuter Lebensgefahr gespendet. Meist geschieht dies bei Neugeborenen, deren Überleben nicht gesichert ist. Die Nottaufe kann jede Person jeder Konfession spenden. Sie giesst dem Täufling dreimal etwas Wasser über den Kopf und spricht dazu die Taufformel: «Ich taufe dich im Namen des Vaters - des Sohnes - und des Heiligen Geistes. Amen.» (meg)

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