Booster-Impfung - Warum gibts die Booster-Impfung nicht für alle?
Publiziert

Booster-ImpfungWarum gibts die Booster-Impfung nicht für alle?

Über 65-Jährige bekommen ab November eine Dritt-Impfung. Warum nicht auch Jüngere? Experten sehen mehrere Gründe.

von
Claudia Blumer
Pascal Michel
1 / 2
«Der Entscheid ist uns nicht leicht gefallen»: Claus Bolte, Leiter Bereich Zulassung bei Swissmedic, an der Medienkonferenz vom Dienstag.

«Der Entscheid ist uns nicht leicht gefallen»: Claus Bolte, Leiter Bereich Zulassung bei Swissmedic, an der Medienkonferenz vom Dienstag.

20min/Matthias Spicher
Tanja Stadler von der Covid-Science-Taskforce wählte deutliche Worte.

Tanja Stadler von der Covid-Science-Taskforce wählte deutliche Worte.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Im November starten Drittimpfungen für über 65-Jährige. Das hat der Bund am Dienstag mitgeteilt.

  • Warum gibt es die Booster-Impfung nur für ältere Personen? Kritikerinnen und Kritiker glauben, es habe mit einer Knappheit an Impfstoff zu tun.

  • Expertinnen und Experten sehen die Gründe woanders. Nur ältere Personen seien auf die Drittimpfung angewiesen. Zudem habe die Schweiz auch eine Verantwortung gegenüber anderen Ländern.

Taskforce-Chefin Tanja Stadler wählte am Dienstag in Bern deutliche Worte: «Wenn sich die rund 1,6 Millionen Personen, die noch nicht immun sind, nicht rechtzeitig impfen lassen, wird es nochmals eine Welle mit 15’000 bis 30’000 Hospitalisierungen geben.»

Zum Vergleich: Bisher verzeichneten die Spitäler insgesamt 30’000 Spitaleinweisungen wegen Covid-19. Es gäbe laut Taskforce-Modell also längerfristig nochmals eine so hohe Spitalbelastung wie seit Ausbruch der Pandemie.

Der Bundesrat will nun Gegensteuer geben. Einerseits mit der Impfoffensive im November. Andererseits sollen Personen über 65 Jahren zur Auffrischimpfung, damit sie weiterhin vor einem schweren Verlauf geschützt sind. «Die Empfehlung gilt ganz besonders für Bewohnerinnen und Bewohner in Alters- und Pflegeheimen und für Personen ab 65 Jahren mit schweren Grunderkrankungen. Diese Personengruppen gehören zu den besonders gefährdeten Personen mit dem höchsten Risiko, schwer zu erkranken», teilte der Bundesrat am Dienstag in einem Communiqué mit. Auch gebe es für Immunsupprimierte eine dritte Dosis.

«Recht dünne Evidenzgrundlage»

Nun kommt also die Booster-Impfung – vorerst nur für ältere Personen. Und selbst bei dieser Altersgruppe waren sich die zuständigen Personen nicht ganz sicher. Die Entscheidung, für ältere Personen mit Vorerkrankung die «Booster»-Impfung zuzulassen, sei nicht leicht gefallen, sagte Claus Bolte, Leiter Bereich Zulassung bei Swissmedic, an der Medienkonferenz. Dies im Gegensatz zur dritten Impfung für Immungeschwächte, bei der die vorhandenen Daten dafür sprechen.

Anders beim Booster für ältere Menschen mit Vorerkrankungen: «Es gibt nur eine recht dünne, durchmischte und zum Teil auch widersprüchliche Evidenzgrundlage», sagte Bolte. Dass Länder wie Israel bereits Zwölfjährige mit einer dritten Dosis impfen, während die Schweiz zögert, erklärte er damit, dass dort die Politik stärker Einfluss auf Zulassungen nehme. «Wir dürfen stolz sein, dass wir hier rein wissenschaftlich und völlig eigenständig entscheiden.»

Dennoch gibt es Stimmen, die einen raschen Zugang zur Drittimpfung für alle Menschen fordern und den Entscheid der Behörden als zu zögerlich beurteilen. Auf Twitter kursiert die Vermutung, dass ein Mangel an Impfstoffen der Grund dafür sei, dass die Drittimpfung noch nicht für eine breite Anwendung empfohlen wird.

Das Bundesamt für Gesundheit verneint dies. «Wir haben genug Impfdosen», lässt Sprecher Daniel Dauwalder verlauten.

Verweis auf die globale Situation

Warum also wird die Booster-Impfung nur für ältere Personen zugelassen und empfohlen? Für Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, ist klar: «Wir befinden uns nach wie vor in einer Pandemie, sie betrifft die ganze Welt. Während in einigen Ländern bereits eine Auffrischungsimpfung Thema ist, gibt es noch immer Länder, in denen noch nicht einmal die Risikopersonen geimpft sind.» In Ländern wie Nordkorea und Eritrea sind bis heute keine Impfstoffe verabreicht worden.

Dass besonders gefährdete Personen eine Booster-Impfung erhalten sollen, hält Utzinger für richtig. Aber aus ethischer sowie auch aus wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Perspektive ist es inkorrekt, wenn die Schweiz jetzt schon flächendeckend eine dritte Impfung verabreichen würde.

«Wir müssen dafür sorgen, dass die Durchimpfung auf dem ganzen Globus voranschreitet um Leid und Not zu minimieren und das Risiko von neuen Varianten zu reduzieren. Erst mit dem Abflauen der Pandemie kann sich auch die Wirtschaft wieder erholen. Um aus dieser Pandemie herauszukommen, müssen wir den Impfstoff ganz gezielt einsetzen. Denn der Impfstoff ist weltweit nach wie vor ein limitiertes Gut.» Das Virus macht an den Grenzen nicht Halt. Das zeige sich etwa am Problem der Ferien-Rückkehrer.

Nebenwirkungen ähnlich wie bei der zweiten Impfung

Die Nebenwirkungen der dritten Impfung seien gemäss Untersuchungen ähnlich wie bei der zweiten Impfung, sagt Christoph Berger, Präsident der eidgenössischen Kommission für Impffragen. Bei Senioren mit höherem Risiko, schwer an Covid zu erkranken, fielen die Risiken der Nebenwirkungen weniger ins Gewicht. «Das ist eine andere Abwägung.»

Es habe nichts mit möglichen Nebenwirkungen zu tun, dass man die Drittimpfung nur für ältere Personen empfehle, sagt Berger. «Wir wollen den Impfstoff denen geben, bei denen wir Hinweise haben, der Schutz von zwei Impfungen könnte nachlassen. Das sind die über 80-Jährigen, teilweise auch die über 65-Jährigen, wenn sie schwere Vorerkrankungen haben.» Die anderen bräuchten die Drittimpfung schlicht nicht.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

67 Kommentare