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Machtübernahme der TalibanWarum greift der Westen nicht ein?

Die afghanische Hauptstadt Kabul ist nach zwanzig Jahren in den Händen der radikalislamischen Taliban. Die USA und andere Nato-Partner schicken Tausende Soldaten dorthin – aber mit nur einem Ziel.

von
Ann Guenter
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Die Evakuierungen umfassen, wie etwa für Frankreich, nicht nur die eigenen Staatsbürger und Ortskräfte, sondern auch Menschenrechtsaktivisten, Journalisten oder Künstler, «die für die Werte eingetreten sind, die wir in der ganzen Welt verteidigen», wie es aus Paris heisst. 

Die Evakuierungen umfassen, wie etwa für Frankreich, nicht nur die eigenen Staatsbürger und Ortskräfte, sondern auch Menschenrechtsaktivisten, Journalisten oder Künstler, «die für die Werte eingetreten sind, die wir in der ganzen Welt verteidigen», wie es aus Paris heisst.

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Britische Streitkräfte der 16 Air Assault Brigade kommen in Kabul an. In der Operation PITTING werden sie eigene Staatsbürger aus Afghanistan evakuieren. 

Britische Streitkräfte der 16 Air Assault Brigade kommen in Kabul an. In der Operation PITTING werden sie eigene Staatsbürger aus Afghanistan evakuieren.

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«Der Flughafen Kabul wird nicht mehr lange für Evakuierungsflüge nutzbar sein», sagt Sicherheitsanalyst und Afghanistan-Experte Markus Kaim zu 20 Minuten. «Ich gehe von einem Zeitfenster von drei Tagen bis maximal einer Woche aus.» 


«Der Flughafen Kabul wird nicht mehr lange für Evakuierungsflüge nutzbar sein», sagt Sicherheitsanalyst und Afghanistan-Experte Markus Kaim zu 20 Minuten. «Ich gehe von einem Zeitfenster von drei Tagen bis maximal einer Woche aus

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Darum gehts

  • Nach zwanzig Jahren ist Afghanistan zurück in die Hand der Taliban gefallen.

  • Einige meinen, der Westen sei moralisch verpflichtet, sich ihnen in den Weg zu stellen und die Bevölkerung zu schützen.

  • Doch ein verlängerter Militäreinsatz ist aus mehreren Gründen ausgeschlossen.

Bald schon dürften die weissen Flaggen der Taliban auf den Regierungsgebäuden in Kabul wehen, entgegen aller Voraussagen westlicher Geheimdienste. Zehntausende fliehen aus der Stadt, am internationalen Flughafen, gesichert von US-Soldaten, spielen sich dramatische Szenen ab.

Gleichzeitig schickt der Westen wieder Soldaten nach Kabul – «ein Evakuierungseinsatz, ein militärisch beschränktes Mandat», sagt Sicherheitsanalyst und Afghanistan-Experte Markus Kaim zu 20 Minuten. «Im Fokus stehen die eigenen Staatsbürger und Ortskräfte, die mit ihren Familien jetzt hoffentlich unbürokratisch ausgeflogen werden können.»

Zurück bleiben Zehntausende Afghanen und Afghaninnen, die den radikalen Islamisten ausgeliefert sind und sich vom Westen im Stich gelassen fühlen.

«Eine moralische Verpflichtung»

Viele Beobachter sind sich einig: Was sich derzeit in Afghanistan abspielt, wäre vermeidbar gewesen, angefangen mit einem geordneteren Abzug des Westens.

Dieser hat in den Worten eines ehemaligen US-Diplomaten zudem «eine moralische Verpflichtung gegenüber den Afghanen und Afghaninnen, die unsere Werte übernommen haben … Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Frauenrechte».

Noch im März, so berichtet die «New York Times», wollten hohe Militärs Biden davon überzeugen, wenigstens einige Tausend US-Soldaten stationiert zu lassen, um die Taliban davon abzuhalten, Kabul zu überrennen. Als mahnendes Beispiel brachten sie den überstürzten Abzug aus dem Irak von 2014 vor – eine Flucht, die letztlich den Aufstieg der Terrorarmee IS zur Folge gehabt habe.

Biden liess sich nicht mehr umstimmen: Ab jetzt müsse die afghanische Armee sich selber helfen. Der völligen Machtübernahme der Taliban militärisch noch etwas entgegenzusetzen, haben weder die USA noch die Nato vor. Das schloss gestern Montag zuletzt der britische Verteidigungsminister Ben Wallace aus.

«Taliban stoppen heisst Krieg»

Auch Washington winkt ab. 2.26 Billionen Dollar haben die USA für die 20-jährige, von vielen Seiten als «nutzlos» bezeichnete Langzeit-Operation gezahlt.

Ausserdem sind gerade die Amerikaner so kriegsmüde, dass eine Umkehr des beschlossenen US-Truppenabzugs Beobachtern zufolge einem politischen Selbstmord gleich käme. Die Regierung von Joe Biden legt ihren Fokus ohnehin auf die Innenpolitik und China, womit sie die Politik von Vorgänger Donald Trump fortsetzt.

Insgesamt haben 3600 Koalitions-Soldaten ihr Leben in Afghanistan gelassen. Auch vor diesem Hintergrund findet sich bei den Nato-Mitgliedern keine Unterstützung für einen erneuten Kriegseinsatz.

Die Bilder der Machtübernahme der Taliban seien bitter anzusehen, sagte unlängst die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Aber: Wer «wirklich die Taliban stoppen will, muss wissen: Wir reden dann nicht von einer Ausbildungsmission. Wir reden dann von einem langen, harten Kampfeinsatz, man kann auch sagen: Wir reden dann von einem Krieg.»

Zeitfenster von maximal einer Woche

Nach zwanzig Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man mit militärischen Mitteln in Afghanistan kaum etwas erreicht. Daran ändert auch der Faktor Zeit nichts, wie ein ehemaliger US-Diplomat sagt: «Wenn man nicht fähig war, die Dinge in zwanzig Jahren zu ändern, wieso soll es dann in 21 oder 22 Jahren gelingen?»

Für den Westen drängt die Zeit: «Der Flughafen Kabul wird nicht mehr lange für Evakuierungsflüge nutzbar sein», sagt Afghanistan-Experte Kaim. «Ich gehe von einem Zeitfenster von drei Tagen bis maximal einer Woche aus

Worte der Taliban-Führung

Die Taliban-Führung versichert derweil, ihre Kämpfer seien angewiesen, die Stadt Kabul nicht zu betreten. Doch die Worte der Taliban-Führung bilden nicht das Geschehen am Boden ab.

So haben ihre Kämpfer in Kabul längst vollständig Posten bezogen und damit begonnen, die Waffen von Zivilisten einzusammeln. Aus dem Nordosten des Landes dringen Berichte, dass alle unverheirateten Frauen über 15 Jahren und Witwen unter 45 Jahren mit Taliban-Kämpfern verheiratet werden.

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