Umfangreiche Analyse: Warum Grippewellen in Zukunft heftiger werden
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Umfangreiche AnalyseWarum Grippewellen in Zukunft heftiger werden

An der Spanischen Grippe starben Anfang des 19. Jahrhunderts 50 Millionen Menschen. Bei der nächsten Pandemie könnten es dreimal so viel sein.

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Die erste grosse Grippewelle des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe, die 1918 erstmals auftrat. (Im Bild: Erkrankte werden im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt.)

Die erste grosse Grippewelle des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe, die 1918 erstmals auftrat. (Im Bild: Erkrankte werden im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt.)

Wikimedia Commons/PD
Mehrere Millionen Menschen erkrankten – und starben – daran. (Im Bild: Übersicht über die an der Spanischen Grippe Verstorbenen in 49 spanischen Provinzen)

Mehrere Millionen Menschen erkrankten – und starben – daran. (Im Bild: Übersicht über die an der Spanischen Grippe Verstorbenen in 49 spanischen Provinzen)

Wikimedia Commons/G. Chowell et al./CC-BY 4.0
Allein in der Schweiz fielen ihr fast 25'000 Menschen zum Opfer. (Im Bild: Sanitäter in einem Wagen des Rekonvaleszenz-Zentrums Gunten-Sigriswil, in dem Schweizer Betroffene behandelt wurden)

Allein in der Schweiz fielen ihr fast 25'000 Menschen zum Opfer. (Im Bild: Sanitäter in einem Wagen des Rekonvaleszenz-Zentrums Gunten-Sigriswil, in dem Schweizer Betroffene behandelt wurden)

Wikimedia Commons/PD

Millionen von Menschen starben Anfang des vergangenen Jahrhunderts an der Spanischen Grippe, insgesamt rund ein Drittel der Weltbevölkerung erkrankte an dem Virus. Seitdem sind hundert Jahre vergangen, und aus der Epidemie wurden einige Lehren gezogen.

Dennoch ist die Menschheit laut einer neuen Studie auf eine nächste grosse Grippe-Epidemie schlecht vorbereitet. Die Autoren warnen, der demografische Wandel, Antibiotika-Resistenzen und der Klimawandel könnten die Bekämpfung der Krankheit erschweren, sodass bis zu 150 Millionen Menschen sterben könnten.

Vorerkrankungen machen es kompliziert

«Wir stehen nun Herausforderungen gegenüber wie einer alternden Bevölkerung sowie Menschen mit Grunderkrankungen wie Fettleibigkeit und Diabetes», sagt Carolien van de Sandt vom Peter-Doherty-Institut für Infektionen und Immunität an der Universität von Melbourne der Nachrichtenagentur AFP.

Sie und ihre Kollegen haben für die Studie, die am Montag im Fachblatt «Frontiers in Cellular and Infection Microbiology» veröffentlicht wurde, einige grosse Grippe-Epidemien analysiert: die sogenannte Asiatische Grippe von 1957, die «Hongkong-Grippe» 1968 und die Schweinegrippe 2009. Ausserdem werteten sie riesige Datenmengen über die Spanische Grippe aus, die sich 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs auf dem ganzen Erdball verbreitete (siehe Bildstrecke).

50 Millionen Tote weltweit

Weltweit starben etwa 50 Millionen Menschen und damit 2,5 Prozent der damals Erkrankten. Bei den Opfern handelte es sich besonders häufig um junge Menschen. Das Virus war auch deshalb so tödlich, weil Unterernährung infolge des Krieges besonders verbreitet war.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass die nächste grosse Grippe-Epidemie anders verlaufen wird und es besonders ältere und chronisch kranke Menschen in den Industrieländern treffen wird. Schliesslich gibt es hier besonders viele Übergewichtige und Diabetiker. Kirsty Short von der University of Queensland sagt, diese Menschen seien besonders häufig schwer an der Schweinegrippe 2009 erkrankt.

Viele Risikofaktoren

Short, van de Sandt und ihre Kollegen sprechen von einer «doppelten Bürde»: Die Ausbreitung eines Grippevirus werde durch weit verbreitete Unterernährung in den Entwicklungsländern sowie durch die Überernährung in reicheren Ländern gefördert.

Und auch der fortschreitende Klimawandel könnte sich auf kommende Grippewellen auswirken. Van de Sandt weist darauf hin, dass viele Grippeviren-Stämme sich zuerst in Vögeln entwickeln. Der Klimawandel könne die Flugrouten von Vögeln verändern und damit «potenziell pandemische Viren in neue Orte bringen und potenziell eine grössere Bandbreite an Vogelarten» befallen.

Nicht ausser Acht gelassen werden darf auch das Risiko, das grippegeschwächte Patienten leichter an bakteriellen Infektionen erkranken. Diese können anders als das Grippe-Virus mit Antibiotika behandelt werden. Allerdings werden wegen des massenhaften Einsatzes von Antibiotika in der Medizin und der Tierzucht immer mehr Bakterien resistent. Damit steige das Risiko, dass Menschen bei der nächsten Grippe-Epidemie an bakteriellen Folge-Infektionen sterben, sagt Katherine Kedzierska vom Doherty-Institut in Melbourne.

Sieben Milliarden Menschen

Seit 1918 hat sich die Welt sehr verändert. Es gibt mittlerweile sieben Milliarden Menschen auf der Erde, zahlreiche dicht besiedelte Mega-Städte und einen regen erdüberspannenden Flugverkehr. Das erleichtert die Verbreitung von Grippeviren und einen universalen Impfstoff gegen die zahlreichen, sich ständig neu entwickelnden Varianten der Grippe gibt es noch nicht.

Van de Sandt und ihre Kollegen heben jedoch hervor, dass moderne Entwicklungen bei der Eindämmung künftiger Epidemien helfen könnten, wie etwa die schnelle Kommunikation via Internet. So könnten im Falle einer Pandemie schnell Warnungen und Verhaltensanweisungen verbreitet werden. Schliesslich laute eine der wichtigsten Lektionen aus der Spanischen Grippe, «dass eine gut vorbereitete Reaktion der Öffentlichkeit viele Leben retten kann». (fee/afp)

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