Eat this!: Warum gute Vorsätze nicht lange halten
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Eat this!Warum gute Vorsätze nicht lange halten

Gute Vorsätze, schlechte Laune: Der Wunsch, sich und sein Leben neu zu erfinden, entsteht oft im Alltagsstress. Und hält nicht lange, wie auch Astrid erfahren musste.

von
Jürg Hösli
Gute Vorsätze sind leicht gefasst, doch meist schwer umzusetzen. Und vor allem ganz schnell wieder vergessen.

Gute Vorsätze sind leicht gefasst, doch meist schwer umzusetzen. Und vor allem ganz schnell wieder vergessen.

John Sommer

Der Februar bringt Katerstimmung, mindestens für all diejenigen, die sich im Januar voller Inbrunst in ein neues Leben gestürzt haben und dabei vergessen, dass Vorsätze nicht wirklich umsetzbar sind. So leeren sich die Fitnesscenter wieder, die Chipstüten werden wieder weniger im Regal, und die Letzten, die eine Diät eisern durchziehen, werden immer dünnhäutiger und unausstehlicher – frei nach dem Motto: Wenn ich nichts essen darf, dann soll man mir das ansehen.

Ein typisches Beispiel: Astrid, 33-jährig, 170 Zentimeter gross und 74 Kilo schwer, war nicht mehr ganz so glücklich mit ihrem Leben. Im Job mit Überstunden am Limit und in der Beziehung ohne Highlights fragte sie sich, ob das nun alles sei. Da kam Neujahr gerade richtig. Selbstverwirklichung sollte wieder einmal angesagt sein.

Abnehmen dank veganer Ernährung

Da ihr Spiegelbild eine scheinbar schlechte Version von ihr zeigte, befasste sie sich nun immer mehr mit Ernährung und Training. Sie hielt sich dann an die hohe Fachliteratur aus Instagram und Netflix und – schwups – war ein neuer Gedanke entstanden. Sie wollte sich endlich wieder selber finden und abnehmen – und zwar als Veganerin.

Die nächsten Schritte folgten auf dem Fuss. Ihre Ernährungspläne bekam sie von einer bekannten veganen Influencerin. Alle nicht konformen Lebensmittel wurden aus dem Kühlschrank verbannt, nur die Lederschuhe durften bleiben, übertreiben wollte sie es dann doch nicht. Dafür musste nun der Freund ebenfalls vegan essen, falls er bei ihr noch etwas bekommen wollte. Sie wollte ja nicht mit einem Mörder am Tisch sitzen. Vegan gehe nur ganz oder gar nicht, so die Influencerin.

Umstellung zehrt an den Nerven

Die Sturm-und-Drang-Zeit, die die ersten zwei Wochen umfasste, war schnell vorüber. Sie liebte das vegane Essen. Die 1300 Kilokalorien waren zwar etwas wenig, aber so muss das halt sein, wenn man abnehmen will. Der Freund hatte etwas weniger Freude, aber wenn es sie glücklich machte, sollte es auch ihm recht sein. Astrids Waage zeigte zu Beginn immer mehr nach unten, was sie sehr freute.

Doch nach drei Wochen konnte sie immer weniger schlafen. Sie merkte auch, dass ihre Umwelt immer dünnhäutiger und zickiger zu ihr wurde. Zudem nervte ihr Freund, der bei gemeinsamen Restaurantbesuchen immer noch Fleisch ass, immer mehr. Und die blöde Waage zeigte auch nicht mehr wirklich nach unten.

Sie beriet sich mit der Influencerin ihrer Wahl und schraubte die Kalorien noch etwas mehr nach unten. Sie wollte ja endlich glücklich sein und weniger als 70 Kilo wiegen. Das Problem war nur, dass sie kaum mehr Energie im Training hatte. Und sowieso, im Moment schienen sich alle gegen sie verschworen zu haben und ihr Freund war so völlig unsensibel. Prophylaktisch meldete sie sich schon einmal bei einer veganen Partnerseite an.

Weniger Stress statt Aktionismus

Nun war es das Schicksal, das sie an einem Abend an einem Szenelokal vorbeiführte. Was sie sah, war dann doch zu viel für ihre Nerven. Ihre angehimmelte Influencerin sass da mit einem riesengrossen Fleischhamburger in der Hand, biss genüsslich und ohne schlechtes Gewissen hinein. Und die restliche Geschichte könnt ihr euch denken.

Oft entstehen Wünsche, sich neu zu erfinden, aus dem Alltagsstress heraus. Darum wäre es sicher sinnvoller, genau diesen zu eliminieren statt in Aktionismus zu verfallen. Dann wird das Spiegelbild oft gleich wieder netter, die tägliche Laune besser – dafür die Gehaltschecks der Influencer etwas weniger.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler, Querdenker und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist seit 30 Jahren im Leistungssport, hat Weltmeister und Olympiasieger betreut. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur. Hösli betreut hier vor allem übergewichtige Klienten und Menschen mit Reizdarm oder Erschöpfungszuständen. Für 20 Minuten schreibt er unter dem Namen Futterpapst Kolumnen.

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