07.06.2020 09:57

Suizid-Betroffene«Warum hat uns Marvin alleingelassen?»

Vor einem Jahr hat sich Marvin (23†) das Leben genommen. Für seine damalige Freundin Raina (24) und seine Schwester Saskia (27) brach eine Welt zusammen.

von
Autorin: Désirée Pomper, Regie: Désirée Pomper/Tarek El Sayed, Video: Tarek El Sayed

Darum gehts

  • In der Schweiz begehen jeden Tag zwei bis drei Menschen Suizid.
  • Marvin aus Emmenbrücke LU hat sich mit 23 Jahren das Leben genommen.
  • Trauer, Wut, Selbstvorwürfe, aber auch etwas Zuversicht: So gehen Marvins damalige Freundin und seine Schwester mit seinem Tod um.

20-Minuten-Serie: Suizid-Betroffene

  • Teil 1:«Warum hat uns Marvin alleingelassen?»
  • Teil 2: «Mama nahm sich das Leben, während ich schlief»
  • Teil 3: «Mein Sohn wollte sich von seinem Leiden befreien»
  • Teil 4: Experte Weisshaupt: «Hinterbliebene brauchen rasch Hilfe»

Hör die Serie auch als Podcast im 20 Minuten Radio auf unserer App.

 «Es war, als hätten wir uns schon von einem früheren Leben gekannt»: Raina und Marvin.

«Es war, als hätten wir uns schon von einem früheren Leben gekannt»: Raina und Marvin.

Foto: Instagram

Raina drückt aufs Gaspedal. In einem schwarzen Hyundai Genesis Coupé fährt sie die Serpentinen hoch bis zum Allerheiligenberg im Kanton Solothurn. «An diesem Ort treffen zwei extreme Welten aufeinander: das Leben und der Tod», sagt die 24-Jährige. Hier oben hatte das Paar oft die Aussicht genossen. Hier hat sich Marvin entschieden, den Weg nicht weiterzugehen. Mit einer Schusswaffe nahm er sich im Mai 2019 im Auto das Leben. Es war dasselbe Auto, das Raina nun fährt. «Ich hatte alles verloren. Meinen liebsten Menschen, unsere Wohnung. Das Auto war noch meine einzige Verbindung zu Marvin. Hier fühle ich mich ihm nahe.»

Um Marvin nahe zu sein, fährt Raina manchmal im beiden gehörenden Auto auf den Allerheiligenberg im Kanton Solothurn.

Um Marvin nahe zu sein, fährt Raina manchmal im beiden gehörenden Auto auf den Allerheiligenberg im Kanton Solothurn.

Foto: tak

Marvin und sie seien beide Autofreaks gewesen. «Manchmal haben wir die Musik aufgedreht und sind einfach herumgefahren. An der Ampel liess Marvin die Hinterräder durchdrehen.» Oder sie kletterten um drei Uhr morgens auf einen Kran, assen Beef Jerky und betrachteten die Sterne. «Es war, als hätten wir uns schon von einem früheren Leben gekannt.» Marvin habe sich für Waffen begeistert. «Er ging aber sehr verantwortungsvoll damit um. Marvin gehörte am Schiessstand nicht zu denen, die sagten: ‹Geil, ich habe eine Maschine.›»

Er konnte seit dem 14. Lebensjahr nicht mehr richtig Freude empfinden: Marvin beging mit 23 Jahren Suizid.

Er konnte seit dem 14. Lebensjahr nicht mehr richtig Freude empfinden: Marvin beging mit 23 Jahren Suizid.

Der ehemalige Fitnesstrainer habe selten gezeigt, dass er traurig war. Erst aus dem Abschiedsbrief erfuhr Raina, dass Marvin seit dem 14. Lebensjahr nicht mehr richtig Freude und Glück empfinden konnte. Noch einen Tag vor seinem Tod habe er betont, wie gut es ihm gehe.


«Als die Polizisten mir sagten, dass Marvin tot ist, stand die Welt für mich still. Du denkst nur noch: Das ist alles nicht wahr.» Nach einer Welle der Traurigkeit sei sie wütend geworden: «Marvin hat entschieden, mich alleinzulassen. Er hat einen Teil meiner Unbeschwertheit mitgenommen und mir dafür ein Stück seines Leidens übergeben: Dämonen, die einen zerfressen.» Sie habe sich Selbstvorwürfe gemacht: «Warum habe ich es nicht gemerkt? Warum hatten wir diese Waffe im Haus?»

«Ich ehre und respektiere ihn trotz dieses Entscheids.»

Raina (24)

Dann aber sei die Liebe zurückgekehrt. «Ich habe mir gesagt: Ich nehme Marvin an mit allem, was er gemacht hat. Ich ehre und respektiere ihn trotz dieses Entscheids.» Wann immer sie die Trauer überwältige, nehme sie ein Kinderfoto von sich hervor. «Ich schaue das Bild an und sage mir: Diesem Mädchen mit Wuschelkopf bin ich schuldig, dass ich glücklich bin. Sie kann nichts dafür, was passiert ist.»

Raina: «Ich bin es mir schuldig, dass ich wieder glücklich bin.»

Raina: «Ich bin es mir schuldig, dass ich wieder glücklich bin.»

Foto: Instagram

Hier findest du Hilfe

Hast du Suizidgedanken? Hier findest du Hilfe:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)
Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)
Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net)
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch)
Regenbogen – Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch)
Aurora – Gemeinschaft jung verwitweter Mütter und Väter (verein-aurora.ch/)
Familientrauerbegleitung – Begleitung für Familien in Trauer (familientrauerbegleitung.ch)

Saskias Wohnung in Emmenbrücke LU ist voll von Fotos und Erinnerungsstücken ihres jüngeren Bruders. «In den ersten Tagen hasste ich mich selbst. Marvin war meine Luft zum Atmen. Was war ich bloss für eine Schwester, dass ich nicht mehr für ihn getan hatte?» Die 27-Jährige hat sich schon früh für Marvin verantwortlich gefühlt. «Als er begann auszugehen, schaltete ich mein Handy immer auf laut, damit er mich jederzeit erreichen konnte. Ich hatte schon damals das Gefühl, ihn beschützen zu müssen.»

Erinnerungen an den kleinen Bruder. Saskia: «Marvin war meine Luft zum Atmen.»

Erinnerungen an den kleinen Bruder. Saskia: «Marvin war meine Luft zum Atmen.»

Foto: DP

Als er älter wurde, habe sie ihn immer wieder ermuntert, sich einen Job zu suchen, um seine Rechnungen bezahlen zu können. «Ich wollte, dass er mit beiden Beinen im Leben steht. Aber als ich im Abschiedsbrief las, dass er mit dem Leistungsdruck in unserem System nicht klarkommt, war mir klar, dass ich dafür verantwortlich war.»

«Ich hätte mehr für meinen Bruder tun sollen.»

Saskia macht sich noch immer Selbstvorwürfe.

Saskias letzter Gedanke vor dem Einschlafen ist jede Nacht der gleiche: «Ich hätte mehr für meinen Bruder tun sollen.» Der einzige Grund, warum sie Marvin nicht in den Tod folge, seien ihre Kinder und ihr Mann. «Alles, was früher Glück für mich bedeutete, bedeutet heute Trauer, weil ich es nicht mit Marvin teilen kann.» Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, will Saskia sagen: «Vielleicht beendest du so dein Leiden. Aber für alle anderen fängt das Leid erst an.»

Marvins Schwester Saskia: «Wenn ich Marvins Helm aufsetze, weiss ich, es kann mir nichts passieren. Ich fühle mich beschützt.»

Marvins Schwester Saskia: «Wenn ich Marvins Helm aufsetze, weiss ich, es kann mir nichts passieren. Ich fühle mich beschützt.»

Foto: DP

«Angehörige sollen sich Hilfe holen»

Jörg Weisshaupt ist Gründer der geführten Selbsthilfegruppen Nebelmeer und Geschäftsführer Verein Trauernetz.

Jörg Weisshaupt ist Gründer der geführten Selbsthilfegruppen Nebelmeer und Geschäftsführer Verein Trauernetz.

Herr Weisshaupt*, was raten Sie Angehörigen von Menschen, die sich das Leben nehmen wollen?
Sie sollen sie so früh wie möglich darauf ansprechen. Es ist wichtig, dass sich das Gegenüber verstanden fühlt. Hilfreich für die Angehörigen ist es, wenn sie sich Hilfe holen und mit einer Fachperson nach Lösungen suchen.

Was raten Sie Menschen, die durch Suizid jemanden verloren haben?Die Hinterbliebenen durchlaufen ähnliche Emotionsschwankungen wie suizidale Menschen. Die Nachsorge ist deshalb eine wichtige Präventionsarbeit.

Wie könnte diese konkret aussehen?Ich wünschte mir, dass die verantwortlichen Polizeistellen oder Pfarreien den Kontakt zwischen Hinterbliebenen und Selbsthilfegruppen oder Therapeuten herstellen würden, indem sie ihnen einen Flyer mit Kontaktdaten hinterlassen. In einzelnen Kantonen wird das gemacht. Doch leider meistens noch nicht. Wie oft höre ich von Betroffenen: «Wenn ich nur schon früher gewusst hätte, dass es ein solches Nachsorgeangebot gibt.»

*Jörg Weisshaupt ist Geschäftsführer des Vereins Trauernetz.ch

1000 Suizide pro Jahr

  • Weltweit sterben jährlich rund 800’000 Menschen durch Suizid.
  • In der Schweiz begingen im Jahr 2016 rund 1000 Personen Suizid (ohne Fälle von assistiertem Suizid). Zwischen 214’000 und 259’000 Personen haben mindestens einmal in ihrem Leben einen Suizidversuch unternommen.
  • 80 Prozent aller Menschen, die sich das Leben nehmen, litten an einer psychischen Erkrankung, wobei die Depression die häufigste psychische Erkrankung in der Bevölkerung ist.
  • Suizide gehören nach Krebs- und Kreislauferkrankungen zu den häufigsten Gründen für frühzeitige Sterblichkeit. Die Suizidrate ist seit Mitte der 1980er-Jahre rückläufig.
  • 17 Prozent aller Suizide werden durch Erhängen begangen.
  • Knapp 10 Prozent aller Suizide werden durch eine Schusswaffe begangen.
  • Männer sterben etwa dreimal häufiger durch Suizid als Frauen.
  • Suizide stellen gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan die Spitze eines Eisbergs dar. Rund 7,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung gaben 2017 an, mindestens einmal im Verlauf der letzten zwei Wochen vor der Befragung Suizidgedanken gehabt zu haben.
  • Personen, die in städtischen Räumen leben, haben öfter Suizidgedanken als andere. Sowie auch Personen ohne nachobligatorische Bildung und solche mit Migrationshintergrund.
  • Menschen mit Suizidgedanken möchten meist nicht sterben, sondern sehnen sich nach einem Ausweg aus der Krise, nach Ruhe und Frieden.

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