Marco Streller: «Warum immer diese Bescheidenheit?»
Aktualisiert

Marco Streller«Warum immer diese Bescheidenheit?»

Marco Streller verkörpert den FC Basel wie kein anderer. Mit 20 Minuten Online sprach der Stürmer über hohe Erwartungen an die Champions League, das Phänomen Shaqiri und die Nati.

von
Eva Tedesco

Marco Streller ist einer der wichtigsten Stützen beim FC Basel. Der Captain spricht vor dem Auftakt in die Champions League gegen Otelul Galati über seine hohen Erwartungen, den Hype um Xherdan Shaqiri und was er zur Nati denkt.

20 Minuten Online: FCB-Trainer Thorsten Fink hat während Ihrer torlosen Phase von April bis August ans Staubsaugerprinzip erinnert: «Ein Vertreter muss auch an viele Türen klopfen, bevor er einen Staubsauger verkauft. Wenn er nicht an die Türe klopft, verkauft er nichts. Bei einem Stürmer ist das auch so: Wenn er es nicht probiert, trifft er nicht.» Beim 4:0-Sieg in Genf haben Sie am Samstag Ihr zweites Saisontor erzielt. Steigt die Nachfrage nach Staubsaugern wieder?

Marco Streller: (lacht) Ich hoffe, dass es so ist. In der Rückrunde stand bei mir das Vorbereiten der Tore im Vordergrund, auch wenn ich weiss, dass ein Stürmer an Toren gemessen wird. In Genf hat es geklappt und ich spüre wieder, dass ich nah dran bin.

Gibt das zusätzlich Mut für die Königsklasse, die am Mittwoch mit dem Spiel gegen Otelul Galati startet?

Die letzten zwei Siege und der Aufwärtstrend machen mir Mut. Wir treffen im ersten Spiel zu Hause auf den vermeintlichen Aussenseiter in unserer Gruppe. Ein Sieg wäre ein guter Start, denn im zweiten Spiel auswärts gegen Manchester United haben wir nichts, rein gar nichts, zu verlieren. Wir müssen einfach aufpassen, dass es keine Klatsche gibt.

Letzte Saison hat es in einer vermeintlich einfacheren Gruppe mit den Bayern, Roma und Cluj für Platz drei gereicht. Welches Ziel setzen Sie sich diesmal gegen ManU, Benfica Lissabon und Galati?

Ich sage Ihnen ehrlich: Manchmal habe ich diese typisch schweizerische Bescheidenheit satt. Das will ich nicht mehr haben. Ich will auch nicht sagen, dass der dritte Platz mein Ziel ist. Ich will Zweiter werden! Mit Platz 3 haben wir die Pflicht erfüllt. Platz zwei wäre mega. Die Basis müssen sechs Punkte gegen Galati sein und danach ein Sieg gegen Benfica.

Klingt sehr ambitioniert ...

Ja, aber ich sage: In Europa sind wir nur gegen eine Mannschaft chancenlos – gegen den FC Barcelona. Dann sind da vier oder fünf Teams – und dazu zähle ich auch ManU – gegen die wir nur sehr geringe Chancen haben. Gegen alle anderen Teams rechne ich mir Chancen aus. Von zehn Spielen verlierst du vielleicht sieben, aber drei kannst du gewinnen. Dazu ist eine Superleistung nötig, aber es ist nicht unmöglich. Und im letzten Spiel liegt auch etwas drin, zuhause gegen ManU, wenn die vielleicht schon am Ziel sind, wer weiss. Gut – vielleicht kriege ich diese Aussage wieder um die Ohren geschlagen, wenn wir es nicht schaffen, aber ich will das jetzt heute, bevor es los geht so formulieren. Spitzensportler sein, heisst doch auch, ehrgeizige Ziele zu haben - und in dem Fall heisst das eben so: Ich will Zweiter werden. Das wäre ein Riesenerfolg für den Verein und diesen Schritt will ich einmal schaffen.

Für die vorangegangenen drei CL-Teilnahmen konnte der FCB in den Qualispielen Schwung für die Gruppenspiele holen. Diesmal hat man sich direkt qualifiziert. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Vielleicht ist es ein Vorteil, dass wir im ersten Spiel nicht gerade auf einen Gegner treffen, dem man allerhöchstes internationalen Niveau nachsagt. Ich gehe davon aus, dass wir jenes Team mit mehr Ballbesitz sein werden und uns an den Rhythmus herantasten können. Gegen ManU in zwei Wochen wird das sicher anders sein. Sie werden wie die Feuerwehr kommen. Das wird ein geiler, aber harter Match. Aber unsere Jungen sind frech und das ist gut so. Das darf man ihnen auch nicht wegnehmen. Die verschwenden keinen Gedanken daran, ob sie nun gegen ManU spielen oder nicht. Das hat die U17- und auch die U21-Nati bewiesen. Wenn die Hymne erklingt, sind alle motiviert. Ich hoffe nur, dass man die Champions-League-Hymne diesmal lauter stellt und nicht nur die Handys auf der Tribüne läuten hört. Wenn die Hymne erklingt, kriegst du Hühnerhaut und jeder Spieler ist bis in die Haarspitzen motiviert – egal, ob der Gegner Galati oder Barcelona heisst.

Sie sprechen von Motivation. Da ist Übermotivation nicht mehr weit weg. Wie gehen Sie als erfahrener Spieler mit einem Superstar à la Shaqiri um?

Es ist amüsant für uns Spieler in einer Zeitung zu lesen, die sonst eine Notenskala zwischen eins und sechs hat, dass sie plötzlich eine Sieben plus verteilt. Klar sind da Sprüche gefallen. Aber wir gönnen Xherdan den Erfolg. Es ist unglaublich, zu welcher Marke er mittlerweile geworden ist. Im Wallis und Tessin kopieren die Jungen schon seine Frisur. Ich erinnere mich, als ich jung war, hat es um mich einen Hype gegeben, oder später auch bei Valentin Stocker. Auch Vali ist gut angekommen und wenn man seine Statistik, Vorlagen und Tore anschaut, steht er bestimmt besser da, aber Xherdan übertrifft alles. Er kommt unglaublich gut an. Warum auch immer. Xherdan ist spektakulär. Wenn er Tore macht, sind das meistens sehr schöne Treffer und meist in Spielen mit grosser Bedeutung. Er muss sicher noch lernen, aber auch viel von seiner Unbekümmertheit behalten. Zudem ist er sehr jung, aber er wird eine gute Karriere machen.

Nun ist er aber für die ersten zwei CL-Spiele gesperrt.

Das tut mir leid für ihn. Vor allem, dass er nicht im Old Trafford auflaufen kann – obwohl das für uns vielleicht ganz gut ist, wenn er nicht noch mehr Werbung in eigener Sache machen kann (schmunzelt). Aber wahrscheinlich kommt es bei ihm nicht mehr auf das eine Spiel drauf an. Ich bin sicher, dass der Spieler, der ihn ersetzen wird, seine Sache gut macht. Fabian Frei zum Beispiel wird immer besser. Die Tore in Genf haben ihm gutgetan.

Letzten Dienstag hat die Nationalmannschaft in Basel gastiert. Jene Mannschaft, der Sie im Mai den Rücken gekehrt haben. Kam bei Ihnen Wehmut auf?

Nein, ich habe eine Entscheidung getroffen und bereue den Schritt nicht. Aber ich habe mich über den Sieg gegen Bulgarien gefreut. Ottmar Hitzfeld scheint neben dem, dass er ein guter Trainer ist, auch das Glück gepachtet zu haben. Ich bin sicher, dass sie Zweiter in der Gruppe werden. Das nächste Spiel gegen Wales wird schwierig, aber wenn sie das gewinnen, gewinnen sie auch das letzte Spiel gegen Montenegro. Die junge Mannschaft hat sehr viel Potenzial. So gesehen war es gut, dass die Älteren nicht mehr dabei sind und der Schnitt gut für alle Beteiligten ist. Aber es stimmt nicht, dass es intern zu unserer Zeit Streitigkeiten gegeben hat. Das ist einfach nicht wahr.

Es war nicht die Rede von Streitigkeiten, vielmehr davon, dass die Leader wie Sie, Alex Frei oder auch Beni Huggel zu dominant waren und die anderen sich nicht entfalten konnten.

Ich persönlich habe mich nie als Führungsspieler in der Nati gesehen. Dazu habe ich zu häufig verletzt gefehlt. Alex war ein Führungsspieler und er war Captain. Aber seine Tür war immer für alle offen. Darum finde ich es charakterschwach wenn man jetzt nachtritt. Das gehört sich nicht.

Hätten Sie den Rücktritt auch alleine, ohne Alex Frei, durchgezogen?

Ja. Sehen Sie, ich habe das Nati-Dress immer mit viel Stolz getragen. Ich erinnere mich noch, als ich das erste Mal mit der U20 in Holland aufgeboten wurde, habe ich mich eine Stunde lang im Spiegel angeschaut, weil ich so enorm stolz war. Ich schaue jedes Skirennen, Skispringen und sogar Schwingen im Fernsehen an und bin «Gopfertelli nomol» ein Schweizer, wie es im Buche steht. Vielleicht bin ich manchmal mit meinen Aussagen für Schweizer zu forsch, aber ich habe nie jemanden beleidigt oder nicht respektiert. Das gibt dir zu denken. Aber ich kann doch beim FCB nicht hinstehen und sagen, dass ich Vierter werden will ...

Das klingt immer noch sehr verletzt?

Sicher. Die Erlebnisse haben Spuren hinterlassen. Ich habe auch Fehler gemacht, aber wenn dir die immer wieder um die Ohren gehauen werden, na ja ... Man kann immer entweder das Positive oder das Negative sehen. Je nachdem wie man will. Ich bin mit mir im Reinen. Ich habe rückblickend eine tolle Zeit gehabt. Der Generationenwechsel ist vollzogen und das ist okay so. Ich drücke weiter die Daumen für die Nati und freue mich mit ihr.

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