Frauen an den Herd: Warum ist die heutige Jugend so konservativ?

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Frauen an den HerdWarum ist die heutige Jugend so konservativ?

Der Mann arbeitet, die Frau schaut zu den Kindern: Dieses Modell findet bei vielen Jungen Zuspruch. Ein Experte sagt, warum die Jugend konservativ tickt.

von
P. Michel

Für die Mehrheit der Schweizer Jugendlichen sind traditionelle Familienmodelle weiterhin erstrebenswert. (Video: Tamedia/SDA)

Heiraten gehört zum Leben, der Mann soll die Familie ernähren, ein akademischer Grad ist ein Muss: Die Ergebnisse der Jugendstudie CH-X zeichnen ein konservatives Bild der Schweizer Jugend. Luca Bertossa, Wissenschaftlicher Leiter der Studie, erklärt die Ergebnisse.

Herr Bertossa, für die Mehrheit der 19-Jährigen sind traditionelle Werte hoch im Kurs: Die meisten möchten heiraten, 73 Prozent wünschen sich Kinder. Überrascht Sie das?

Die hohen Zustimmungswerte etwa für das traditionell-bürgerliche Familienmodell mit dem Mann als Ernährer haben uns selbst erstaunt. Das Alter der Befragten spielt vermutlich eine wichtige Rolle für diese eher konservative Einstellung. Sie stehen mit 19 Jahren am Übergang zum Erwachsenenalter und an der Schwelle zum Berufseinstieg. In dieser Zeit verändert sich sehr viel, womit auch die Verunsicherung steigt. Indem sich die Jungen an einer konservativen, heilen Welt festklammern, suchen sie Halt.

Sind die heutigen Jugendlichen gar konservativer als die Generationen vor ihnen?

Nein, das ist ein Märchen. Grundsätzlich bleiben die Grundwerte über Jahrzehnte stabil. Es ist auch nicht so, dass die ganze heutige Jugend stockkonservativ wäre. Es zeigen sich Unterschiede zwischen Stadt und Land: Um beim Familienthema zu bleiben – junge Männer aus ländlicher Umgebung möchten eher Vollzeit arbeiten, während junge Männer aus städtischer Umgebung eher möchten, dass auch die Partnerin arbeitet.

Eine Mehrheit jener Befragten, die Kinder wollen, findet: Die Frau soll sich vorwiegend um die Familie kümmern, der Mann ist der Ernährer. Interessiert die Jungen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht?

Diesen Schluss würde ich nicht ziehen. Man muss sehen: Es wurden 19-Jährige befragt. Viele von ihnen haben noch nie gearbeitet oder haben keine Erfahrungen in einer längerfristigen Beziehung. Ihre Idee von einer traditionell bürgerlichen Familie ist also noch ein Wunschbild. Das kann sich schnell ändern. Denn wir sehen, dass sich die Jungen stark auf das fokussieren, was direkt unmittelbar vor ihnen liegt. Darum interessieren sie sich auch kaum für Politik, dafür für Freunde und Freizeit. Dass die Jungen kein Interesse daran haben, einmal Beruf und Familie zu vereinen, wäre absolut falsch. Aber es stimmt: Es gibt Widersprüche.

Welche?

Während die Wichtigkeit des Lebensbereichs Karriere etwa im Vergleich zu Freunden oder Freizeit weit unten rangiert, sagen 50 Prozent der Befragten, sie möchten im Alter von 35 Akademiker oder Führungskraft sein. Das ist wohl ein Widerspruch, der bei 19-Jährigen normal sein darf, da sie sehr auf die Gegenwart und Selbstfindung fokussiert sind. Was mir dabei Sorgen macht, ist, dass offenbar sehr viele Junge auf eine Karriere hoffen, die für sie nicht realistisch ist.

Was meinen Sie damit?

Die Jugend ist eine Zeit, in der man träumen darf. Das finde ich absolut wichtig. Und offenbar üben das Image und das Prestige von Akademiker-Jobs eine grosse Anziehungskraft aus. Dieser Wunsch wird auch von den Eltern befeuert. Aber die Schweiz ist ein Land, in dem viele Junge eine Lehre machen und auch eine Berufslehre mittelfristig zu finanzieller Sicherheit führen kann. Dass 50 Prozent der 19-Jährigen mit 35 als Akademiker oder Manager arbeiten werden, ist eine Illusion. Wir müssen deshalb aufpassen, dass sich die Jungen nicht Hoffnungen machen, die sich dann zerschlagen.

Luca Bertossa.

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