Aktuelle Corona-Situation - Warum ist die Situation trotz freier Betten akut?
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Aktuelle Corona-SituationWarum ist die Situation trotz freier Betten akut?

Das Coronavirus hat die Schweiz immer noch fest im Griff. Hier erfährst du das Wichtigste zur vierten Welle.

von
Bettina Zanni
Anja Zingg
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Die Intensivpflegestationen (IPS) sind aktuell schweizweit zu rund 30 Prozent mit Covid-19-Erkrankten belegt.

Die Intensivpflegestationen (IPS) sind aktuell schweizweit zu rund 30 Prozent mit Covid-19-Erkrankten belegt.

20min/Marvin Ancian
«Erreichen wir in der Schweiz nicht eine Impfquote von 90 Prozent, dann folgt Welle auf Welle. Die Pandemie wird so nie aufhören», sagt Martin Tramèr, Chefarzt der Anästhesie am Universitätsspital Genf.

«Erreichen wir in der Schweiz nicht eine Impfquote von 90 Prozent, dann folgt Welle auf Welle. Die Pandemie wird so nie aufhören», sagt Martin Tramèr, Chefarzt der Anästhesie am Universitätsspital Genf.

20min/Marvin Ancian
«Das Beispiel Israel lässt mich nicht hoffen, dass eine Durchimpfung die viel besungene Lösung ist», sagt SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel.

«Das Beispiel Israel lässt mich nicht hoffen, dass eine Durchimpfung die viel besungene Lösung ist», sagt SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel.

rolandbuechel.ch

Darum gehts

  • Aktuell sind in der Schweiz rund 50 Prozent vollständig gegen Covid geimpft.

  • Die Spital- und Intensivbeten sind zu 80 Prozent ausgelastet.

  • «Erreichen wir in der Schweiz nicht eine Impfquote von 90 Prozent, dann folgt Welle auf Welle», sagt ein Chefarzt.

Fallzahlen im vierstelligen Bereich und überlastete Intensivstationen: In der Normalisierungsphase kämpft die Schweiz mit der vierten Welle. Das Wichtigste dazu im Überblick:

An welchem Punkt stehen wir in der Pandemie?

Man könne die aktuelle Situation durchaus auch als vierte Welle (siehe Box) bezeichnen, sagte BAG-Krisenmanager Patrick Mathys Ende August. Für Martin Tramèr, Chefarzt der Anästhesie am Universitätsspital Genf, steht fest: «Erreichen wir in der Schweiz nicht eine Impfquote von 90 Prozent, dann folgt Welle auf Welle. Die Pandemie wird so nie aufhören.»

SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel hingegen hält eine höhere Impfquote nicht für zielführend. «Das Beispiel Israel lässt mich nicht hoffen, dass eine Durchimpfung die viel besungene Lösung ist.» In Israel sind über 60 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft. Die Ansteckungen blieben im Frühling zwar tief, seit einigen Wochen schnellen sie jedoch wieder in die Höhe. Ausserdem solle man aufhören, den Impfdruck über eine Ausweitung der Zertifikatspflicht zu erhöhen, findet Büchel. «Stattdessen sollten wir gezielt Einreisende an den Grenzen testen und bei einem positiven Resultat isolieren.»

Wie hoch ist die Impfquote in der Schweiz?

Aktuell sind in der Schweiz rund 50 Prozent vollständig gegen Covid geimpft. Knapp 60 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten. Damit hinkt die Schweiz den Nachbarländern hinterher. In Deutschland, Italien und Frankreich sind rund 60 Prozent vollständig geimpft.

Wie hoch ist die Zahl der Hospitalisierten?

287 Betten auf Schweizer Intensivstationen waren zuletzt mit Covid-Patienten besetzt, 831 Covid-Patienten waren laut dem Bund in Spitalpflege. Die Intensivpflegestationen (IPS) sind schweizweit zu rund 30 Prozent mit Covid-19-Erkrankten belegt. Werden andere Patientinnen und Patienten dazugezählt, beträgt die totale Auslastung 80 Prozent. In den Spitalbetten liegen rund vier Prozent Covid-Patientinnen und -Patienten. Zusammen mit anderen Patientinnen und Patienten ist die gesamte Spitalkapazität zu rund 80 Prozent ausgelastet.

Warum ist die Lage trotz der noch freien Betten akut?

Die Pflegeverbände betonen immer wieder, dass es nicht um Betten gehe, sondern um Fachpersonal. Insbesondere auf den Notfall- und Intensivstationen herrscht ein massiver Mangel an Pflegepersonal. Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) werden die Behandlungsteams der Intensivstationen, die seit eineinhalb Jahren ausserordentlich stark gefordert sind, erneut einem erhöhten Druck ausgesetzt. «Die SGI kann deshalb eine weitere Verschärfung des bereits bestehenden Personalmangels in der Intensivmedizin nicht ausschliessen, durch die sich wiederum die Situation auf den Intensivstationen zuspitzen würde.»

Etwa das Universitätsspital Zürich bereitet sich bereits auf eine Triage vor. Prioritär behandelt würden dann Patientinnen und Patienten mit den besten Aussichten auf Genesung. Punktuell kann es zudem zu prekären Situationen kommen, weil gewisse Spitäler stärker ausgelastet sind als andere.

Wer vor allem liegt mit Covid-19 im Spital?

Betroffen sind vor allem ungeimpfte Patientinnen und Patienten. Auch fällt auf, dass viele Hospitalisierte die Sommerferien im Kosovo und Mazedonien verbrachten. Bei 80 Prozent der Patientinnen und Patienten aus dem Balkan, die am 30. August auf eine Repatriierung in die Schweiz warteten, handelte es sich um solche mit Covid. Im Vergleich zur zweiten Welle sind die Betroffenen jünger.

Laut BAG liegt das momentane Durchschnittsalter auf der IPS bei 54 Jahren. Epidemiologinnen und Epidemiologen machen die stärker ansteckende und aggressivere Delta-Variante verantwortlich. Auch Martin Tramèr, Chefarzt der Anästhesie am Universitätsspital Genf, sagt: «Hier liegen Patientinnen und Patienten zwischen 29 und 60 Jahren.» Sie seien sportlich und gesund. Aber ungeimpft.

Werden Operationen verschoben?

Seit der Pandemie müssen die Spitäler rund 30’000 intensivpflichte Eingriffe nachholen. Bereits berichten die Spitäler aber von nicht dringlichen Eingriffen, die verschoben werden müssen oder bereiten sich darauf vor. Etwa am Universitätsspital Zürich mussten auch dringende Operationen wie Eingriffe am Herzen, Hirn oder die Entfernung von Tumoren verschoben werden. Gleichzeitig sollen Schweizer Spitäler rund 80 Covid-Patienten aus dem Ausland aufnehmen.

Corona-Wellen

Phasen von Massnahmen aufgrund steigender Fallzahlen und Phasen von Lockerungen wechselten sich seit dem Ausbruch der Pandemie im März 2020 ab. Spitzte sich die epidemiologische Lage wieder zu, war die Rede von einer erneuten Welle.

Erste Welle: Am 16. März 2020 erklärte der Bundesrat nach einem Treffen mit den Kantonen die ausserordentliche Lage gemäss Epidemiengesetz. Die Schweiz ging in den Shutdown. Mit ersten Lockerungen startete der Bund am 27. April 2020.

Zweite Welle: Mitte Oktober explodierte die Zahl der neuen Corona-Fälle. Täglich wurden über 1000 neue Fälle gemeldet. Am 18. Oktober ergriff der Bundesrat erstmals wieder schweizweite neue Massnahmen. Am 1. März 2021 erfolgte der erste Öffnungsschritt.

Dritte Welle: Nach den Öffnungsschritten nahmen die Fallzahlen im März wieder zu. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hielt es Mitte März für möglich, dass die Schweiz an der Schwelle zu einer dritten Welle stand.

Vierte Welle: Im August und Anfang September meldete das BAG täglich rund 3000 neue Corona-Fälle; auch kam es zu mehr Spitaleinweisungen. Die Spitäler und Intensivstationen füllten sich mit ungeimpften Corona-Patientinnen und -Patienten. Man könne die aktuelle Situation durchaus auch als vierte Welle bezeichnen, sagte BAG-Krisenmanager Patrick Mathys. Dem widerspricht das ehemalige Taskforce-Mitglied Marcel Tanner. Die vierte Welle sei eigentlich gar keine klassische, gleichmässige Welle mehr, sagte er zur «NZZ». Es gebe kein flächendeckendes Infektionsgeschehen mehr, von dem die ganze Bevölkerung betroffen sei. Man wisse, wer gefährdet sei, womit viel gezielter gehandelt werden könne.

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