Aktualisiert 14.05.2020 15:41

Einfallstor Körperfett

Warum ist Übergewicht bei Corona so gefährlich?

Punkto schwerer Covid-19-Verläufe gelten zu viele Kilos auf den Rippen als gewichtiger Risikofaktor – unabhängig von Begleitfaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Starkes Übergewicht soll die Gefahr für schwere Verläufe bei einer Coronavirus-Infektion deutlich erhöhen. Das zeigen mehrere Studien.

Starkes Übergewicht soll die Gefahr für schwere Verläufe bei einer Coronavirus-Infektion deutlich erhöhen. Das zeigen mehrere Studien.

KEYSTONE
Gleich zwei stammen aus den USA, von Forschern der New York University: Nach der einen stellt Fettleibigkeit ein grösseres Risiko für schwere Verläufe und Spitalaufenthalte als Bluthochdruck, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen dar.

Gleich zwei stammen aus den USA, von Forschern der New York University: Nach der einen stellt Fettleibigkeit ein grösseres Risiko für schwere Verläufe und Spitalaufenthalte als Bluthochdruck, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen dar.

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Laut einer zweiten Studie war bei jungen Covid-19-Patienten mit einem BMI über 30 doppelt so oft eine Behandlung auf der Intensivstation nötig als bei Patienten mit einem niedrigeren BMI. Lag der BMI über 35 mussten die Betroffenen 3,6-mal so oft intensiv behandelt werden.

Laut einer zweiten Studie war bei jungen Covid-19-Patienten mit einem BMI über 30 doppelt so oft eine Behandlung auf der Intensivstation nötig als bei Patienten mit einem niedrigeren BMI. Lag der BMI über 35 mussten die Betroffenen 3,6-mal so oft intensiv behandelt werden.

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Darum gehts

  • Laut Studien aus China, Frankreich und den USA erhöht starkes Übergewicht das Risiko für schwere Verläufe bei Covid-19.
  • Auch Pathologen aus Basel kommen zu dem Schluss: Die grosse Mehrheit der obduzierten Sars-CoV-2-Toten war stark übergewichtig.
  • Was Übergewicht so riskant macht, war bislang unklar.
  • Nun gibt es Hinweise, wonach sich an den Zellen im Fettgewebe die sogenannten ACE2-Rezeptoren befinden, über die das Virus braucht, um in den Körper zu gelangen.

Nicht nur Vorerkrankungen, Alter, Rauchen und das männliche Geschlecht scheinen das Risiko für schwere Verläufe bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 zu erhöhen, sondern auch starkes Übergewicht. Das berichten Fachleute aus aller Welt in verschiedenen Studien.

Auch von den zwölf am Universitätsspital Basel (USB) obduzierten Personen, die an den Folgen von Covid-19 verstorben sind, waren 82 Prozent «sehr stark übergewichtig», wie Alexandar Tzankov, Fachbereichsleiter Histopathologie und Autopsie am USB, sagte. Sie hätten einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 29 und 45 gehabt (siehe Box unten).

Corona und Übergewicht

In einer noch nicht publizierten Studie kommen Forscher der New York University zu dem Schluss, dass Fettleibigkeit ein grosses Risiko für schwere Verläufe darstellt. «Für einen Spitalaufenhalt ist sie ausschlaggebender als Bluthochdruchdruck, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen», so Hauptautorin Leora Horwitz in einer Mitteilung.

Laut einer zweiten Studie von Mitarbeitern der New Yorker Universität war bei jungen Covid-19-Patienten mit einem BMI über 30 doppelt so oft eine Behandlung auf der Intensivstation nötig als bei Patienten mit einem niedrigeren BMI. Lag der BMI über 35 mussten die Betroffenen 3,6-mal so oft intensiv behandelt werden.

Im Fachjournal «Obesity» berichten Forscher des Unispitals von Lille, dass von 124 untersuchten Patienten mit schwerem Verlauf 85 künstliche Beatmung benötigten. Unter diesen hatten 56 Prozent einen BMI über 30, 38 Prozent sogar einen über 35. Bei den nicht beatmeten Patienten war der Anteil mit 12,8 deutlich niedriger.

In China haben YD Peng und sein Team die Daten von 112 Covid-Patienten ausgewertet, die zwischen dem 20. Januar und 15. Februar 2020 ins Union Hospital in Wuhan eingeliefert worden waren. Von den Patienten, die die Infektion nicht überlebten, hatten 88,2 Prozent einen BMI von mehr als 25. Bei den Überlebenden lag der Anteil der Übergewichtigen dagegen nur bei 18,9 Prozent.

Erste Hinweise auf Zusammenhang

Trotz der Häufung von Beobachtungen war bislang unklar, warum schwere Personen stärker betroffen sind. Ist es deshalb, weil sie aufgrund ihres Übergewichts häufig auch unter Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden? Oder ist ein höherer Körperfettanteil per se ein Risikofaktor?

Eine erste Antwort liefern nun Forscher um Xiaodong Jia vom Generalkrankenhaus Peking. In einer noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachteten Studie konnten sie nachweisen, dass das Fettgewebe selbst dem Coronavirus potenzielle Andockstellen bietet. Ihre Studie habe gezeigt, dass sich die Andockstellen des Virus, die sogenannten ACE2-Rezeptoren, nicht nur in Lunge, Herz und Gefässen, sondern auch in Fettzellen und deren Vorläuferzellen vorkommen.

Und nicht nur das: «Die ACE2-Expression war im Fettgewebe höher als im Lungengewebe», so die Forscher weiter. Weil stark übergewichtige Menschen mehr Fettgewebe besitzen, könnte sie dies anfälliger für das Virus machen, so die Folgerung der Wissenschaftler.

Stark Übergewichtige sollten sich schützen

Bereits bekannt ist, dass ein hoher Körperfettanteil dazu führt, dass Botenstoffe freigesetzt werden, die Entzündungen fördern und die Immunreaktionen des Körpers negativ beeinflussen. Zudem weiss man, dass das Bauchfett die Atemtätigkeit der Lunge stört und offenbar auch physiologische Effekte auf Bronchien und Lungengewebe hat. Entsprechend wurde Adipositas auch schon bei der vom Virus H1N1 ausgelösten Schweinegrippe als unabhängiger Risikofaktor gewertet.

Auch wenn die genaue Rolle des Körperfetts für den Verlauf von Covid-19 noch nicht abschliessend geklärt ist, raten Forscher wie Arthur Simonnet vom Universitätsspital Lille: «Menschen mit Übergewicht und besonders mit Adipositas sollten in dieser Pandemie zusätzliche Massnahmen ergreifen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.»

Body-Mass-Index

Der BMI ergibt sich aus dem Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergrösse. Bei der Auswertung wird zwischen Untergewicht (unter 18,4), Normalgewicht (18,5–24,9), Übergewicht (25–29,9) und starkes Übergewicht (Adipositas, über 30) unterschieden. Der BMI ist allerdings nur ein grober Richtwert, da er weder Statur und Geschlecht noch die individuelle Zusammensetzung der Körpermasse aus Fett- und Muskelgewebe eines Menschen berücksichtigt. Das heisst: Wer viel Sport treibt und damit auch viel schwere Muskelmasse besitzt, kann mit der Berechnung des BMI fälschlicherweise als übergewichtig angesehen werden.

Der BMI berechnet sich aus dem Körpergewicht (kg) dividiert durch das Quadrat der Körpergrösse (m2). Die Formel lautet: BMI = Körpergewicht : (Körpergrösse in m)2.

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92 Kommentare
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Betreuer

15.05.2020, 08:10

Dümmster Spruch aller Zeiten: Lieber rund und gesund als schlank und krank! Den benutzen nur Menschen, die keine Einsicht haben und nicht wissen, was sie ihrem Körper antun. In ein paar Jahren sieht es dann bei ihnen ganz anders aus und sie jammern über Gelenke, Herz, Kreislauf, Schweissausbrüche, Leber und Nieren. Und der Rollator wird ständiger Begleiter. Dann fordern sie spezielle Sitze überall und Rücksicht von den anderen.

Wutbürger

15.05.2020, 06:25

"Auch von den zwölf am Universitätsspital Basel (USB) obduzierten Personen, die an den Folgen von Covid-19 verstorben sind, waren 82 Prozent «sehr stark übergewichtig»" Hat der Unispital oder der Schreiber des Artikels jemals hinterfragt das bei 82% bei 12 Personen keine gerade Personenanzahl herauskommt? Waren 9.84 Personen übergewichtig? xD Ist das Qualität?

Tindara

15.05.2020, 05:52

also, rauchen ist gefährlich, hohes Alter ist gefährlich, Übergewicht ist gefährlich........ ganz vergessen..... ATMEN UND LEBEN IST TÖTLICH !!! Hier kommt keiner lebend raus