Mord in Frauenfeld: Warum köpft ein Enkel seine Grossmutter?
Aktualisiert

Mord in FrauenfeldWarum köpft ein Enkel seine Grossmutter?

Ein 19-Jähriger tötete seine Grossmutter auf brutale Weise. Ein forensischer Psychiater beantwortet die wichtigsten Fragen zur Schreckenstat.

von
B. Zanni
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Beim Tatverdächtigen handelt es sich um den 19-jährigen E. A.*

Beim Tatverdächtigen handelt es sich um den 19-jährigen E. A.*

Ethnologe Rolf Gollob hält es für überaus aussergewöhnlich, dass dieser junge Mann mit seinem südeuropäischen Hintergrund seine Grossmutter tötete. «In dieser Region ist die Hochachtung von jüngeren gegenüber älteren Menschen nach wie vor sehr hoch», sagt Gollob, der als Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich schon mehrere Studienreisen nach Mazedonien unternommen hat und dort Projekte betreut.

Ethnologe Rolf Gollob hält es für überaus aussergewöhnlich, dass dieser junge Mann mit seinem südeuropäischen Hintergrund seine Grossmutter tötete. «In dieser Region ist die Hochachtung von jüngeren gegenüber älteren Menschen nach wie vor sehr hoch», sagt Gollob, der als Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich schon mehrere Studienreisen nach Mazedonien unternommen hat und dort Projekte betreut.

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Laut Anwohnern hatte A. Drogenprobleme.

Laut Anwohnern hatte A. Drogenprobleme.

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Der angehende Elektroinstallateur E. A.* steht unter dringendem Tatverdacht, seine Grossmutter umgebracht zu haben. Dabei soll er äusserst brutal vorgegangen sein. Laut mehreren Quellen schnitt der 19-Jährige der Frau den Kopf ab, als diese in ein Gebet vertieft war. Bekannt ist zudem, dass der Täter, dessen Familie ursprünglich aus Mazedonien stammt, mit Drogenproblemen und psychischen Problemen gekämpft haben soll. Ralph Aschwanden, forensischer Psychiater, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Herr Aschwanden, wer köpft einen Menschen?

Eine erste Möglichkeit ist ein abgrundtiefer Hass auf die Grossmutter, die E. A. zum Beispiel wegen seiner Lebensführung als gescheiterte Existenz kritisierte. Der Hass ist so gross, dass der Täter nach der Tötung den Leichnam weiter schändet und köpft im Sinne eines Overkills. Eine zweite Möglichkeit ist die Tötung aus psychotischen Motiven.

Was passiert dann?

Das heisst, er tötet nicht seine Grossmutter, sondern köpft zum Beispiel einen Zombie. Eine dritte Möglichkeit ist eine radikal-religiöse Bestrafung für einen falschen Glauben, falsches religiöses Verhalten, sogenannt kulturelle Selbstjustiz. Diese archaische Bestrafungsform findet man heute jedoch meist nur noch in radikalislamischen Gruppen.

Was bedeutet es, wenn jemand bei einem Gebet getötet wird?

Dies hätte schon einen ziemlichen religiösen Anstrich. Es kann eine Kombination von der zweiten und dritten Version vorliegen. Dabei handelt es sich dann um einen religiösen Wahn. Im Gegensatz zu den kaum veränderbaren kulturellen Einstellungen könnte man dann das Wahnhafte durch Drogenabstinenz, Reizabschirmung und Antipsychotika behandeln.

Der Täter soll mit Drogenproblemen und psychischen Problemen gekämpft haben. Passt das zur Tat?

Es gibt Drogen, namentlich Cannabis, Kokain und Amphetamine, aber auch Halluzinogene wie LSD, die derart gefährliches psychotisches Erleben auslösen können. Bei einigen Konsumenten legt sich die Psychose wieder einige Zeit nach Drogenabstinenz, wobei man von einer Drogenpsychose spricht. Bei anderen bleibt die Störung erhalten, was man dann Schizophrenie nennt.

Wie fühlt jemand während einer Psychose?

Bei psychotischem Erleben ist man in einer eigenen Welt, in der eine eigene Logik gilt. Von aussen betrachtet, ist aber der Verstand komplett ausgeschaltet. Es gibt harmloses und gefährliches psychotisches Erleben. Das Innenleben ist aber von aussen oft schwierig zu erkennen, weswegen unbehandelte psychotische Menschen als gefährlich eingestuft werden müssen.

*Name der Redaktion bekannt

Ethnologe hält Fall für «überaus aussergewöhnlich»

Ethnologe Rolf Gollob hält es für überaus aussergewöhnlich, dass dieser junge Mann mit seinem südeuropäischen Hintergrund seine Grossmutter tötete. «In dieser Region ist die Hochachtung von jüngeren gegenüber älteren Menschen nach wie vor sehr hoch», sagt Gollob, der als Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich mehrere Studienreisen nach Mazedonien unternahm und dort Projekte betreut.

Die jüngere Generation begegne der älteren mit viel Respekt und Dankbarkeit. «Es ist selbstverständlich, dass Kinder bei Besuchen ihren Grosseltern beispielsweise Tee servieren, ihnen helfen und ein zärtliches Verhältnis haben», so Gollob. Migration könne aber durchaus zu einem hohen ökonomischen Erwartungsdruck führen. Bei fehlendem Erfolg entstünden Konfliktsituationen. «Das ist verständlich, denn gerade bei ökonomisch bedingter Migration muss man zeigen, dass es sich gelohnt hat, in einem anderen Land neu anzufangen.» Drohe die jüngere Generation dann beruflich und finanziell zu scheitern, laste auf ihr ein grosser Druck. «Das heisst aber überhaupt nicht, dass Menschen, wo auch immer sie herkommen, deswegen gewalttätig werden oder gar töten.»

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