Freies Zimmer? Kein Interesse: Warum Luzern Geflüchtete in Bunkern statt Privatwohnungen unterbringt
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Freies Zimmer? Kein InteresseWarum Luzern Geflüchtete in Bunkern statt Privatwohnungen unterbringt

Weil es in Luzern zu wenig Wohnraum gebe, müssen Geflüchtete in Bunkern wohnen. Allerdings bietet die Bevölkerung durchaus private Wohnungen und Zimmer an. Nur: Der Kanton will das offenbar gar nicht.

von
Matthias Giordano
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Jeden Tag kommen auch in Luzern noch immer Geflüchtete aus der Ukraine an. Aktuell geht der Bund von rund 50’000 Personen aus der Ukraine aus, die in der Schweiz Schutz suchen. 

Jeden Tag kommen auch in Luzern noch immer Geflüchtete aus der Ukraine an. Aktuell geht der Bund von rund 50’000 Personen aus der Ukraine aus, die in der Schweiz Schutz suchen. 

REUTERS
Der Kanton Luzern rechnet bisher mit der Zuweisung von etwa 2400 Flüchtenden aus der Ukraine. Diese Zahl könnte im Verlauf des Jahres noch erheblich steigen.

Der Kanton Luzern rechnet bisher mit der Zuweisung von etwa 2400 Flüchtenden aus der Ukraine. Diese Zahl könnte im Verlauf des Jahres noch erheblich steigen.

AFP
Im Inseli-Quai in Luzern gibt es seit Mitte März eine Anlaufstelle für ukrainische Geflüchtete.

Im Inseli-Quai in Luzern gibt es seit Mitte März eine Anlaufstelle für ukrainische Geflüchtete.

20min/Matthias Giordano

Darum gehts

Nie wieder Bunker – eigentlich

«Ich habe gehofft, dass wir nie mehr in die Situation geraten, unterirdische Unterkünfte für die Unterbringung von Geflüchteten nutzen zu müssen», sagte Guido Graf, Vorsteher des Gesundheits- und Sozialdepartements, Mitte März. Der Kanton hatte kurz zuvor mitgeteilt, dass Ukrainer und Ukrainerinnen in Luzern im Bunker in Utenberg einquartiert werden. Die Zivilschutzanlage (ZSA) Rönnimoos mit 140 Plätzen ist bereits bewohnt. Er könne und wolle «es nicht verantworten, dass im Kanton Luzern Schutzbedürftige ohne Dach über dem Kopf sein müssen», so Graf weiter. Er gehe sogar davon aus, dass noch weitere Zivilschutzanlagen im Kanton in Betrieb genommen werden müssen. Eine weitere Massenunterkunft mit 200 Betten wurde zeitgleich in der Allmend eingerichtet. Massenunterkünfte, wie man sie eigentlich hätte vermeiden wollen.

Auf Anfrage hiess es vom Gesundheits- und Sozialdepartement bis anhin deshalb stets, sogenannte Kollektivunterkünfte und ganz besonders jene unter der Erde seien lediglich als kurzzeitige Notunterbringung gedacht. Es stünde schlicht zu wenig Wohnraum zur Verfügung.

Doch stimmt das wirklich? 

Aktuell sind im Kanton Luzern 541 aus der Ukraine geflüchtete Personen in sogenannten Kollektivunterkünften der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF) untergebracht, 571 Personen dagegen in privaten Unterkünften (Stand 11. April). Das Verhältnis ist hier 50:50. In allen anderen Kantonen der Zentralschweiz liegt das bei etwa 70:30 zugunsten der Privatwohnungen. Recherchen dieser Zeitung zeigen zudem: Private Wohnungen und Zimmer werden von den Luzernern angeboten. Vom Kanton ist das offenbar aber gar nicht erwünscht.

In einem besonders eklatanten Fall, der der Redaktion schriftlich vorliegt, hatte eine alleinstehende Person aus Luzern ein Zimmer in ihrer 4,5-Zimmer-Wohnung kostenlos angeboten. Das Zimmer besitzt einen eigenen Balkon und Zugang zu einem privaten Badezimmer. Als die Person nach vier Wochen erneut bei der dafür eingerichteten Infostelle beim Kanton nachfragte, ob es kein Interesse gebe, kam eine überraschende Antwort: Die Situation sei schwierig einzuschätzen. «Menschen, die akut ein Zimmer brauchen, werden meist in grösseren Unterbringungsstellen angenommen. Daher empfehlen wir Ihnen, das Zimmer anderweitig unterzuvermieten.» Der Kanton will diesen Wohnraum offenbar gar nicht.

Vorteil: Bunkerplatz

Konfrontiert mit dieser Vorgehensweise, bestätigt die DAF, Geflüchtete bevorzugt in Massenunterkünften einzuquartieren: «Den Vorteil von kantonalen Strukturen sehen wir insbesondere darin, dass Schutzbedürftige in Gemeinschaften leben. Sie sind mit Personen zusammen, die dieselbe Sprache wie sie sprechen und Ähnliches erlebt haben», sagt Silvia Bolliger, Leiterin Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen. Zudem sei dadurch die Betreuung weniger aufwendig – «denn wir haben direkten Kontakt zu den Schutzsuchenden. Die Informationswege sind kürzer», sagt Bolliger.

Die Wahl, ob man in einem Bunker oder in einer privaten Wohnung schlafen möchte, haben Geflüchtete allerdings nicht. Es sei denn, die geflüchtete Person konnte sich durch private Kontakte selbst eine Unterkunft organisieren. Hinzu kommt: Geflüchtete in Massenunterkünften bekommen weniger Unterstützungsgelder. Konkret sind das maximal 11.20 Franken pro Tag. In einer individuellen Unterkunft sind es immerhin 13.80 Franken. Auf den Monat gerechnet sind das gut 80 Franken weniger. Der Kanton argumentiert damit, weil in kollektiven Unterkünften ein Teil in Naturalien wie Toilettenpapier, Hygiene-Artikel, Reinigungsmittel, gebührenpflichtige Abfallsäcke den Bewohnern zur Verfügung gestellt werde.

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Die Ansätze für den Grundbedarf für den Lebensunterhalt sind bei Personen mit Status S gemäss kantonaler Asylverordnung dieselben wie bei Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen.

Die Ansätze für den Grundbedarf für den Lebensunterhalt sind bei Personen mit Status S gemäss kantonaler Asylverordnung dieselben wie bei Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen.

Screenshot kantonale Asylverordnung
Hinzu kommen noch die Mietkosten, Gesundheitskosten (Krankenversicherung) und situationsbedingten Leistungen (z. B. Kosten für Sehhilfen, Prothesen etc.).

Hinzu kommen noch die Mietkosten, Gesundheitskosten (Krankenversicherung) und situationsbedingten Leistungen (z. B. Kosten für Sehhilfen, Prothesen etc.).

Screenshot kantonale Asylverordnung

Luzern auch bei Unterstützung von Gastfamilien ein Sonderfall

Ein Sonderfall ist Luzern auch in Bezug auf die Unterstützung für private Gastgeber. Denn es gibt keine. Nicht direkt jedenfalls. Während der Kanton Nidwalden Gastfamilien – sofern diese eine Entschädigung möchten – unkompliziert eine Pauschalabgeltung von 200 Franken monatlich pro aufgenommene Person leistet, muss in Luzern die geflüchtete Person selbst die Gelder vom Sozialamt einfordern. Dazu kann nur Geld fliessen, wenn ein gültiger Untermietvertrag vorliegt. Viele Hürden für am Ende maximal 200 Franken Zuschuss für Miet- und Nebenkosten. Wieso man es als einziger Kanton in der Zentralschweiz den Gastgebern und Geflüchteten so schwierig macht, heisst es von offizieller Stelle nur: Das diene dazu, die Kosten im Blick zu behalten, um nicht Geld an Gastgeber zu bezahlen, die womöglich gar keine Geflüchteten mehr beherbergen.

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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