Patenkind-Organisation: Warum musste Hawa sterben?
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Patenkind-OrganisationWarum musste Hawa sterben?

Nachdem ihr Patenkind in Mali verstarb, liess die SF-Reporterin Andrea Pfalzgraf eine Frage nicht mehr los: Wieso konnte dem fünfjährigen Kind nicht geholfen werden?

von
Runa Reinecke
Andrea Pfalzgraf in Mali. (Bild: SRF)

Andrea Pfalzgraf in Mali. (Bild: SRF)

Traurige Kinderaugen, unendliche Armut: Als Andrea Pfalzgraf ein Prospekt des Hilfswerks Plan International in den Händen hielt, war es um sie geschehen. «Warum eigentlich nicht?», sagte sich die SF-Reporterin. Sie übernahm die Patenschaft für ein Kind in Mali und überwies monatlich 45 Franken an die Organisation. Dass Pfalzgraf mit dem Geld nicht nur die kleine Hawa und ihre Familie, sondern auch infrastrukturelle Projekte im Dorf des Kindes unterstützte, war für die Patin ein durchaus erwünschter Nebeneffekt. Wenig später begann sich die Zürcher Redaktorin, mit Hawas Familie auszutauschen: Bilder wurden verschickt, Briefe von Plan International übersetzt. Ein grosser Aufwand, denn die Wege zwischen Zürich und Mali sind lang.

Ein Brief, der eine besonders traurige Nachricht beinhaltete, war drei Monate von Westafrika bis in die Schweiz unterwegs: «Ich erfuhr im Februar, dass Hawa bereits im November an Malaria verstorben war», erzählte sie 20 Minuten Online. Sie fragte sich: «Warum musste Hawa sterben, obwohl ihre Familie und ihr Dorf von einem Hilfswerk unterstützt werden?»

«Ich war berührt und beschämt»

Um sich ein Bild von der Situation der Menschen in Hawas Dorf zu machen, besuchte sie zusammen mit einem SF-Kamerateam den kleinen abgelegenen Ort im westafrikanischen Staat. Tatsächlich leben Pfalzgrafs Recherchen zufolge 1800 Menschen dort, darunter 160 Patenkinder von Plan International. Die Gemeinde generiert also 7200 Franken monatlich. «Viel Geld für ein Dorf, das aus Lehmhütten besteht und weder über fliessendes Wasser noch über Elektrizität verfügt», wie die Reporterin bemerkt. Als Pfalzgraf mit ihren Arbeitskollegen im Dorf eintraf, wurde sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln empfangen: «Ich war berührt und zugleich beschämt», erinnert sie sich. Damals, im vergangenen Juli, sei «das ganze Dorf auf den Beinen» gewesen, ihr zu Ehren gab es eine grosse Zeremonie. Für sie sei allerdings unklar, «ob und inwieweit der Empfang vom Hilfswerk instrumentalisiert wurde».

Malaria wurde Hawa zum Verhängnis

Für die Reporterin stand bei der Reise vor allem Hawas Schicksal im Vordergrund. Die Mutter des Kindes erzählte, das Mädchen sei wenige Tage nach Ausbruch der Malaria verstorben. Damals war die Kleine bei ihrer Grossmutter gewesen, 60 Kilometer vom Wohnort entfernt. Dort wurde das Mädchen begraben. Doch selbst wenn Hawa zuhause bei ihren Eltern gewesen wäre, hätte ihr das vermutlich nicht geholfen: Das nächste Gesundheitszentrum liegt rund eine Autostunde vom Dorf entfernt und von einem fahrbaren Untersatz können die Menschen in der abgelegenen westafrikanischen Gemeinde nur träumen.

Geld gegen Beschneidungen und für Moskito-Netze

Mit dem Geld tut Plan International viel Gutes, ist Pfalzgraf dennoch überzeugt. Zu den unterstützten Projekten gehört der Bau von Schulhäusern und das Verteilen von Moskito-Netzen, um die Menschen zumindest nachts vor einer Malaria-Infektion schützen zu können. Auch Aufklärungskampagnen gegen Genitalverstümmelungen gehören zu den finanzierten Projekten. Doch wie viel vom gespendeten Geld für was verwendet wird, bleibt unklar: «Plan International hat mir nicht genau erklärt, wohin das Geld fliesst», sagt sie. Die Reporterin vermutet, dass der Verwaltungsapparat der Organisation zu viele finanzielle Mittel verschlingt.

ZEWO kritisiert Sammelmethoden

Bei der Schweizerischen Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Organisationen (ZEWO) ist Plan International nicht registriert - obwohl seit 2006 hierzulande aktiv. ZEWO setzt sich in der Schweiz für die Förderung von Transparenz und Lauterkeit im Spendenwesen ein. Sie überprüft Hilfsorganisationen auf ihren gewissenhaften Umgang mit Spendengeldern und verleiht auf Antrag jenen, die den Kriterien der Stiftung standhalten, ein Zertifikat.

Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der ZEWO, kritisiert die Sammelmethoden von Plan International: «ZEWO lehnt Einzelkinderpatenschaften ab.» Ihrer Meinung nach dürfe «der direkte Kontakt zu den Kindern nicht zu Werbezwecken instrumentalisiert werden.» Das sei der Hauptgrund dafür, dass Plan International kein Gütesiegel der Stiftung trage.

Andreas Rösch, Projekt-Manager bei Plan International, bestätigt auf Anfrage von 20 Minuten Online, dass der Hilfsorganisation aufgrund der Werbung mit Einzelkinderpatenschaften das ZEWO-Zertifikat bislang verweigert wurde. Rösch bekräftigt zwar, dass die Organisation sehr daran interessiert sei «möglichst viele finanzielle Mittel in die Projekte fliessen zu lassen». Von Werben mit Einzelkinderpatenschaften will er aber nicht konkret Abstand nehmen: «Wir wägen Vor- und Nachteile ab. Wenn wir zum Schluss kommen würden, dass wir mit Projektpatenschaften mehr erreichen, werden wir dazu übergehen.»

Andrea Pfalzgrafs Reportage wird heute auf SF 1 gezeigt (siehe TV-Tipp).

TV-Tipp:

«Reporter - Mein Patenkind in Mali - Vom Geschäft mit den grossen Kinderaugen», heute um 22:20 Uhr auf SF 1.

Wiederholungen:

Donnerstag, 25. November 2010, 05.30/14.25 Uhr auf SF1

Sonntag, 28. November 2010, 07.30 / 09.20 Uhr auf SFinfo

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