Fünf vor zwölf: Warum Obama massiv gegen Ebola einfährt
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Fünf vor zwölfWarum Obama massiv gegen Ebola einfährt

Lange zögerte der US-Präsident mit griffigen Massnahmen zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Afrika. Und plötzlich wirft er 750 Millionen Dollar auf. Weshalb?

von
sut

Es dauerte Monate, bis US-Präsident Barack Obama auf die dringlichen Hilfsgesuche aus der betroffenen Region reagierte. Doch jetzt rührt er mit der grossen Kelle an.

Wie Obama am Dienstagnachmittag in Atlanta ankündigte, sollen US-Truppen in den nächsten Wochen in Liberia 17 Feldspitäler mit je 100 Betten für Ebola-Kranke aufstellen. Es ist geplant, in der Region bis zu 500 Personen in der Pflege von Angesteckten auszubilden. 400'000 «home health kits» - Heimpflege-Sets - sollen an die drastisch unterversorgte Bevölkerung abgegeben werden. Insgesamt ist der Einsatz von 3000 Militärpersonen und Sanitätspersonal zu Kosten von 750 Millionen Dollar vorgesehen.

Die USA sind Paten-Nation von Liberia

Die USA wollen sich speziell um Liberia kümmern, das von ehemaligen amerikanischen Sklaven gegründete ärmste Land Westafrikas. Ihm gegenüber fühlen sich die USA besonders verantwortlich. In Guinea und Sierra Leone, den anderen zwei am stärksten betroffenen Ländern, sind die einstigen Kolonialmächte Frankreich und Grossbritannien engagiert.

Experten wie die Fachautorin Laurie Garrett loben die Initiative. «Das ist eine substanzielle Antwort seitens des Militärs», sagte Garrett zur «Washington Post». «Es sieht langsam so aus, als sei dies wirklich bahnbrechend.»

Wirtschaftlich im Hintertreffen

Warum lancieren die USA unvermittelt eine so grosse Anstrengung? Argwöhnische verdächtigen Obama, er könnte auf mehr Einfluss in Afrika schielen. Der erste schwarze US-Präsident habe zweifellos realisiert, dass Amerika im schwarzen Kontinent wirtschaftlich und auch politisch «in Verzug geraten ist», erläuterte unlängst der deutsche Afrika-Kenner Robert Koppel dem Newsradio SRF 4. Nicht zuletzt, um Amerikas Rückstand gegenüber Europa und vor allem China wettzumachen, habe Obama im August in Washington einen einwöchigen Afrika-Gipfel abgehalten.

Bei der Ebola-Hilfe scheinen jedoch unmittelbare Beweggründe wichtiger. Die Epidemie breitet sich gegenwärtig exponentiell aus und hat mindestens 2400 Todesopfer gefordert. Wird sie nicht sehr schnell eingedämmt, droht in den kommenden Monaten die Mega-Katastrophe.

Im schlimmsten Fall eine Viertelmillion Tote

Die Warnungen von Epidemiologen könnten klarer nicht sein. «Wired» stellt den Titel «Handle jetzt, oder bereue es» über einen Artikel, der die Berechnungen europäischer Gesundheitsexperten zitiert. In einem Artikel in der Zeitschrift «Eurosurveillance» schreiben die EU-Fachleute: «Bei gegenwärtigen Trends könnte im schlimmsten hypothetischen Szenario die Last der Fälle bis Ende 2014 um zusätzliche 77'181 bis 277'124 Fälle ansteigen.»

Träfe dieser schlimmste Fall ein, könnte die Epidemie kaum mehr auf die drei gegenwärtig heimgesuchten Länder beschränkt werden. Womöglich könnte sich das Virus in Nigeria ausbreiten, dem mit 177 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Das wäre, in den Worten des Kolumnisten Michael Gerson in der «Washington Post», «ein regionaler und globaler Alptraum».

Und wenn das Virus mutiert?

Präsident Obama ist sich dieser Gefahren sehr wohl bewusst. Er weiss: Je weiter sich das Virus ausbreitet, desto eher kann es mutieren. Dann werde es womöglich viel ansteckender, könnte durch blosses Husten übertragen werden wie eine normale Grippe, deutete Obama am 7. September in einem Interview mit dem NBC-Fernsehen an. «Und dann könnte es eine ernste Gefahr für die Vereinigten Staaten werden.»

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