EU-Krise: Warum Osteuropa keine Flüchtlinge aufnehmen will
Publiziert

EU-KriseWarum Osteuropa keine Flüchtlinge aufnehmen will

In Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei ist Willkommenskultur rar. Wieso ist das so?

von
Martin Suter
Ein Mann hält sich beim serbischen Grenzübergang Horgos am Stacheldrahtzaun fest.

Ein Mann hält sich beim serbischen Grenzübergang Horgos am Stacheldrahtzaun fest.

Vorerst bleiben sie hart: Vier osteuropäische EU-Mitglieder wollen keine Flüchtlingsquoten akzeptieren. Vertreter von Tschechien, Polen, Ungarn und der Slowakei haben am Montag an einem Aussenministertreffen in Prag bekräftigt, dass sie das von Brüssel vorgeschlagene System zur Umverteilung von 120'000 Flüchtlingen innerhalb der Europäischen Union ablehnen.

Es dürfe keinen Automatismus geben, sagte der polnische Aussenminister Grzegorz Schetyna. Europa müsse seine südlichen Grenzen mit Blick «auf die nächsten Flüchtlinge sichern, die nach Europa kommen». Ungarn hat seine Grenze zu Serbien bereits mit einem Stacheldrahtzaun gesperrt und baut an weiteren Grenzbefestigungen zu Kroatien und Rumänien.

Die abweisende Haltung der vier osteuropäischen Staaten fusst auf mehreren Erfahrungen:

1. Sie sind ethnisch homogen und waren lange isoliert

Die Länder am östlichen Rand Europas zählten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs zu den «kosmopolitischsten und kulturell vielfältigsten Regionen des Kontinents», schreibt der britische Historiker Keith Lowe in der «NZZ am Sonntag». Unter der Nazi-Besetzung litten die Staaten unter Vertreibungen und vertrieben nach dem Krieg ihrerseits Deutsche und andere ethnische Minderheiten, insgesamt 12 bis 14 Millionen Menschen. «Fast alle glaubten, der einzige Weg zum Frieden setze voraus, dass die Region mehr oder weniger ethnisch homogen werde», schreibt Lowe. Als Teile des Ostblocks seien die Staaten zudem von den Einwanderungswellen unberührt geblieben, die Westeuropa verändert hätten. «Es kann darum nicht erstaunen, dass Ungarn und Polen heute ihre ethnische und kulturelle Identität schützen.»

2. Weil sie nie Kolonien hatten, fehlen Schuldgefühle

Jahrzehnte der Unterdrückung durch die Sowjetunion erzeugten in der Region ein Opferbewusstsein. «Wir sind die, die immer unter der Ungerechtigkeit litten», erklärt in der «New York Times» der tschechische Soziologe Csaba Szaló. «Die Menschen finden es sehr schwer zu akzeptieren, dass jemand anderer mehr leidet als sie.» Das für die grossen westeuropäischen Länder typische Schuldbewusstsein fehlt auch, weil die osteuropäischen Staaten nie Kolonialmächte waren. «Die Haltung ist: Wir haben uns nicht in die Länder eingemischt, die jetzt die Flüchtlinge schicken», sagt der polnische Politologe Marcin Zaborowski zur «Times». «Deshalb spüren wir keine Verpflichtung, uns um sie zu kümmern.»

3. Sie waren einst Frontstaaten gegen den Islam

Die Regierung der Slowakei weist fast stolz darauf hin, dass in dem Land keine einzige Moschee stehe. Ungarns Premierminister Viktor Orbán sagte Anfang Monat kategorisch: «Wir haben das Recht zu entscheiden, dass wir keine grosse Zahl von Muslimen in unserem Land möchten.» Er fügt hinzu: «Dies ist für uns eine historische Erfahrung.» Orbán spielt darauf an, dass Ungarn von 1526 bis 1699 vom ottomanischen Reich besetzt war. Polen sei immer wieder im Osten von Muslimen angegriffen worden, von Türken und Krimtataren, schreibt die polnisch-amerikanische Autorin Danusha Goska auf Frontpagemag.com. Aufgrund dieser historischen Erfahrung fühlten sich osteuropäische Länder wie Polen als «Vormauer des Christentums», schreibt «Die Welt».

4. Sie haben eine kämpferische Kirche

Während der verschiedenen Besetzungen – vom ottomanischen Reich bis zur Sowjetunion – spielte die Kirche Osteuropas eine wichtige Rolle. Anders als das «beschämte, entschuldigende, zögernde» Christentum des Westens gebe es in Polen und anderen osteuropäischen Ländern eine «kämpfende Kirche», schreibt Goska. Während Kirchenleute im Westen Toleranz predigen, warnt der polnische Erzbischof Henryk Hoser laut der «Welt» vor der Islamisierung Europas. Politiker reden es ihm nach – und versuchen, muslimische Flüchtlinge fernzuhalten.

Deine Meinung