Corona-Lockerung: Warum Risikogruppen jetzt den Baumarkt stürmen
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Corona-LockerungWarum Risikogruppen jetzt den Baumarkt stürmen

Es sind kuriose Szenen. Eingeklemmte Menschen auf Rolltreppen, riesige Warteschlangen. Und mittendrin: Die Risikogruppe der Senioren.

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Oben stehen bereits dicht gedrängt Kunden mit Einkaufswagen nebeneinander, von unten kommen immer mehr über die Rolltreppe dazu. Das unausweichliche geschieht, Kunden stehen eingeklemmt zwischen Einkaufswagen auf der Rolltreppe. Zwei Meter Abstand halten, ist dabei nicht möglich. Diese Szene spielte sich am Montag im Jumbo in Bachenbülach ab.

Vor anderen Baumärkten gab es lange Schlangen, auch viele ältere Personen standen an, um am ersten Tag der Lockerung in einen Baumarkt einkaufen zu gehen. Es ist ein Thema, dass immer wieder kontrovers in den Kommentarspalten diskutiert wird.

Peter Burri von Pro Senectute warnt davor, ältere Personen zu verurteilen: «Auch wer Teil der Risikogruppe ist, darf sich ohne Einschränkungen bewegen.» Es gebe durchaus Gründe, wieso Senioren zur Risikogruppe gehören: «Ältere Personen müssen aufpassen, da ein Krankheitsverlauf schlimmer sein kann, als bei jüngeren Personen.» Es sei daher wichtig, dass die Distanzregeln eingehalten werden - von Jung und Alt. Ausserdem appelliert Burri daran, nicht alle älter aussehende Personen zu verurteilen: «Erstens lässt sich das Alter nur sehr schwer anhand des Aussehens abschätzen.» Zweitens könne auch eine 70-jährige Person fitter sein, als ein 50-Jähriger mit Vorerkrankungen. «Nur auf die grauen Haare zu schauen, ist zu kurz gegriffen.»

Die Gründe sind vielfältig

Die Gründe für den Baumarktbesuch sind vielfältig. «Mir geht es wahrscheinlich wie vielen Menschen, wir können endlich wieder in den Baumarkt und dann zu Hause die Terrasse schmücken», sagt ein Mann zu 20 Minuten, der in Schlieren vor einem Baumarkt ansteht. Ja, das Warten sei ein wenig lästig, «aber ich habe damit gerechnet.» So wie der Mann sind auch viele Senioren bereit, am ersten Tag der Lockerungsmassnahmen für eine Besorgung im Baumarkt anzustehen.

Das Präventionsparadox

Jakub Samochowiec, Konsumpsychologe, sagt, es gebe mehrere mögliche Erklärungen, weshalb die Leute bereitwillig für Töpfe, Farbe und Blumenerde anstehen. «Es gibt viele Motivationen, sei dies, weil man einfach nicht mehr warten mag, weil man momentan viel Freizeit hat oder aus Angst, dass der gewünschte Artikel morgen nicht mehr zu haben ist.»

Mit einfliessen in das Gefühl der Sicherheit könne das sogenannte Präventionsparadox, so Samochowiec. «Viele haben das Gefühl, dass die Situation gar nicht so schlimm war, wie erwartet», sagt Samochowiec. Und weiter: «Die Präventionsmassnahmen an die wir uns gehalten haben, von Lockdown bis Social Distancing, scheinen im Nachhinein übertrieben, weil sie vermutlich funktioniert haben. Gerade wenn man im Umfeld niemanden mit schlimmen Krankheitsverlauf hatte, ist die Angst weg und die Bedrohung relativ abstrakt.» Dadurch würden Menschen weniger vorsichtig.

«Es funktioniert nur, wenn jeder vernünftig ist»

Epidemiologe Andrea Cerny betont, wie wichtig es nun sei, die Lockerungsmassnahmen konsequent einzuhalten. Es gehe nicht darum, bestimmte Personengruppen anzugreifen. «Die Massnahmen funktionieren nur, wenn jeder vernünftig ist und sie einhält.» Nur wenn der Selbschutz und der Schutz von anderen ernst genommen werde, könne die Ansteckung eingedämmt werden. «Die Lockerungsmassnahmen appellieren an die Eigenverantwortung, nur dann funktionieren sie auch.»

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