Fall Ken: KESB-Experte über Drogen-Familien: «Warum schritt niemand ein?»
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Fall Ken: KESB-Experte über Drogen-Familien «Warum schritt niemand ein?»

Ken Schmitt (29) war 18, als er seine heroinabhängige Mutter erstochen auffand. Nach der Tat fühlte er sich im Stich gelassen. Christian Kistler von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Stadt Zürich erklärt, warum es so schwierig ist, Kindern von Drogenabhängigen zu helfen.

von
Simona Ritter
Video: Simona Ritter

Darum gehts

  • Ken war 18, als er seine heroinabhängige Mutter erstochen zuhause auffand.

  • Seine Kindheit war geprägt vom Drogenkonsum seiner Mutter und seiner Schwester.

  • Jahrelang schritt niemand ein.

  • Christian Kistler von der KESB Zürich sagt, wie Kindern mit suchtkranken Eltern heute geholfen wird.

  • Er betont, wie wichtig es ist, dass Nachbarn, Lehrpersonen, Verwandte und Freunde in einem Verdachtsfall Meldung erstatten.

  • In der Schweiz haben rund 23'000 Kinder unter 14 Jahren Eltern, die illegale Drogen konsumieren.

Kens Kindheit war alles andere als einfach: Seine Mutter und seine Schwester waren heroinabhängig, die Mutter dealte auch zuhause. Mehr als einmal musste Ken seiner Mutter die Spritze aus dem Arm ziehen, wenn sie zugedröhnt am Boden lag. Als Ken 18 war, wurde seine Mutter von einem Junkie erstochen. Er fand sie tot in der Wohnung. «Ich hatte nichts mehr, keine Familie, keine Lehrstelle, kein Zuhause und kein Geld. Von den Behörden wurde ich als Sozialfall eingestuft. Zum Essen schickten sie mich in die Gassenküche, obwohl sie wussten, dass ich dort auf jene Menschen treffen werde, die mit meiner Mutter Drogen konsumiert hatten.» Von den Behörden fühlte sich der heute 29-Jährige im Stich gelassen.

Wie reagieren die Behörden heute in einem solchen Fall? Wir haben mit Christian Kistler von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Stadt Zürich (KESB) gesprochen. Kistler arbeitete zuvor in der Krisenintervention mit erwachsenen Kindern von Drogenabhängigen und auf einer Drogentherapiestation.

Herr Kistler, Sie haben das Video von Ken gesehen: Weshalb schreiten Behörden in so einem Fall nicht ein?

Ich habe mich während des Beitrages selbst die ganze Zeit gefragt, warum niemand gehandelt hat. Auch dass Ken in die Gassenküche geschickt wurde, ist furchtbar und unverständlich für mich. Ich kann mir das nicht erklären und hoffe einfach, dass das heute so nicht mehr vorkommt.

Wie geht die KESB heute in so einem Fall vor?

Es gibt zum Glück einige spezialisierte Einrichtungen, in denen die Kinder je nach Situation mit der Mutter oder den Eltern leben – manchmal auch getrennt. Viele opiatabhängige Mütter haben nicht nur selbst Suchtprobleme, sondern sind auch traumatisiert, psychisch schwer gezeichnet oder psychisch krank. Sie müssen gleichzeitig lernen, für sich zu sorgen und für ihr Kind. Das ist eine grosse Herausforderung. Ein Beispiel: Sie müssen lernen, dass sie ihr Baby beim Shoppen-Gehen und Wickeln anschauen und mit ihm sprechen, damit es eine sichere Bindung aufbauen kann. Das braucht Zeit. Manchmal gibt es aber auch Fälle, in denen schnell gehandelt werden muss und klar ist, dass die Kinder nicht bei ihren Eltern leben können. In einem solchen Fall suchen wir für sie eine Pflegefamilie. Die fremdplatzierten Kinder werden von ihren Pflegeeltern und von Fachpersonen sehr eng begleitet, manchmal erhalten sie auch Unterstützung durch eine Kinderpsychologin oder einen Kinderpsychologen. Wenn es irgendwie geht, gibt man den suchtkranken Eltern die Möglichkeit, ihre Kinder zu besuchen. Niemand will, dass die Bindung und Beziehung zwischen Kindern und Eltern ganz abreisst. Der Schutz der Kinder vor dem krankheitsbedingten Verhalten der Eltern und dem Recht der Eltern und Kinder auf Kontakt muss dann gegeneinander
abgewogen werden. Im Vordergrund steht aber immer das Wohl des Kindes.

Und dennoch gibt es Fälle, wie jener von Ken, in denen niemand einschreitet…

Schwierig sind die Fälle, die nicht entdeckt werden. Wenn die Situation nicht bereits in der Schwangerschaft oder im Babyalter entdeckt wird, sondern erst bei Schuleintritt oder schlimmstenfalls gar nicht. Suchtkranke Eltern sind meist sehr geübt darin, ihre Sucht zu verheimlichen. Oft sind die Kinder geprägt von Scham- und Schuldgefühlen, ausserdem werden sie von ihren Eltern unter Druck gesetzt, damit sie lügen. Kinder würden alles für ihre Eltern tun, das macht das Ganze so schwierig und gefährlich. Meist wird die KESB erst aufmerksam, wenn Spitäler oder gynäkologische Praxen Fälle melden, bei denen sie massiven Drogenkonsum von Eltern oder Schwangeren vermuten oder festgestellt haben. Oder dann erst wieder durch die Schulen.

«Die KESB ist angewiesen auf Kindesschutz-Meldungen von Personen im Umfeld, nur so können wir den betroffenen Kinder Schutz bieten.»

Christian Kistler, Behördenmitglied KESB der Stadt Zürich

Kommt die KESB an ihre Grenzen mit dieser Thematik?

Die Behörden können erst dann einschreiten, wenn sie Kenntnis von der Situation haben. Das dauert oft sehr lange – zu lange. Es ist anspruchsvoll und vor allem selten, dass suchtkranke Eltern therapeutische Unterstützung für sie und die Kinder, einer Familienbegleitung, das Angebot eines betreuten Wohnens oder andere Hilfestellungen annehmen. Zusätzlich verhindert das Schweigen der Eltern, der Kinder, der Nachbarn, der weiteren Verwandten oft, dass Hilfe möglich wird. Wichtig ist, dass Fachpersonen in der Kinderbetreuung, im Schulwesen, im Sozialwesen und bei der Polizei noch besser geschult werden: Sie alle könnten erkennen, wenn Kinder von Gewalt, von Missbrauch oder Verwahrlosung betroffen sind. Nur so können die Kindesschutzbehörden entsprechende Massnahmen ergreifen, damit die Kinder den Schutz erhalten, auf den sie auch ein Anrecht haben.

«Kinder würden alles für ihre Eltern tun und genau das ist das Gefährliche daran.»

Christian Kistler, Behördenmitglied KESB der Stadt Zürich

Was kann man als aussenstehende Person tun bei einem Verdacht?

Viele aussenstehende Personen im weiteren sowie im näheren Umfeld trauen sich nicht, sich an die Behörden zu wenden. Oft liegt das an einem verstaubten und veralteten Bild der Kindesschutzbehörden. Es bestehen Vorstellungen, dass man die Kinder dann den Eltern gleich entzieht und in ein Heim steckt. Oder dass man auf die Eltern hört und dann eh nichts tut. Heute sind die Kinderrechte viel höher gerichtet als vor 20 Jahren und der Wille und das Wohl des Kindes steht für die KESB zu jeder Zeit an erster Stelle. Ein Kind, das ausserhalb der Familie platziert werden soll, bekommt eine Kinderanwältin gestellt, welche die Rechte des Kindes im Verfahren bei der Kindesschutzbehörde vertritt. Wie gesagt, können wir die Kinder erst dann schützen, wenn wir von einer Situation erfahren. Vorher aber kann man sich in der Sorge um ein Kind an die Lehrpersonen, Verwandte der Eltern und immer auch die regionale Kinderschutzgruppe wenden.

Unter welchen Langzeitfolgen leiden Kinder, die bei drogensüchtigen Eltern aufwachsen?

Solche jungen Erwachsenen sind gefährdet, dem Beispiel ihrer Eltern zu folgen und selber süchtig zu werden. Auch sind sie oft traumatisiert, weil sie als Kind Gewalt, Bedrohung, Vernachlässigung oder psychischen Missbrauch erlebt werden. Meist sind diese Jugendlichen sozial isoliert und sie schämen sich. Im Erwachsenenleben fällt es ihnen schwer, in Beziehungen Nähe auszuhalten und Vertrauen aufzubauen. Viele brauchen Unterstützung durch Jugendberatung, Sozialstellen und eine längere psychotherapeutische Begleitung. Daneben gibt es auch sehr widerstandsfähige, so genannt resiliente Kinder, die für ihre Eltern sorgen, nicht kaputtgehen, vielleicht sogar daran wachsen. Sie arbeiten später oft in der Pflege, Kinderbetreuung oder in einem sozialen Beruf.

«Drogenabhängige sind sehr talentiert darin, so zu tun als wäre alles normal und manipulieren auch ihre Kinder, dies zu tun.»

Christian Kistler, Behördenmitglied KESB der Stadt Zürich

An welche Stellen können sich betroffene Kinder wenden?

Schulsozialarbeiterinnen und Schulpsychologinnen sind für Kinder ab der Primarschule gut erreichbar. Sie wissen, wo deren Büro im Schulhaus ist und wie sie aussehen. Auch können sie sich rund um die Uhr beim Sorgentelefon für Kinder melden. Junge Erwachsene können sich bei der Jugendberatung der Gemeinde oder der Region melden. Das Wichtigste ist jedoch, dass Erwachsene im Umfeld Hilfe anbieten und hinschauen, da Kinder und Jugendliche aus Angst selten von alleine diesen Schritt gehen.

Ken ist kein Einzelfall.

Nach Schätzungen leben in der Schweiz rund 15’000 bis 20'000 Heroin-Konsumierende. Laut einer Studie haben rund 23'000 Kinder unter 14 Jahren Eltern, die illegale Drogen konsumieren. Die Dunkelziffer dürfte laut Markus Meury von Sucht Schweiz einiges höher sein. «Die Datenerhebung ist schwierig. Oft wollen abhängige Eltern ihren Konsum nicht zugeben.» Heroin ist eine der am stärksten süchtig machenden Substanzen überhaupt. Ein Ausstieg sei daher sehr schwierig. «Aufgrund verschiedenster Zahlen in der Behandlungsstatistik kann deshalb davon ausgegangen werden, dass weit unter einem Viertel der Süchtigen einen langfristigen Ausstieg schafft», so Markus Meury. Um ihren Gesundheitszustand und ihre Lebensumstände zu verbessern, nehmen laut einer neuen Studie rund 16’000 opiatabhängige Menschen ärztlich verschriebene Ersatzstoffe wie Methadon oder Buprenorphin.

Hast du oder jemand, den du kennst, ein Problem mit illegalen Drogen?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Safezone.ch, Onlineberatung

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Infodrog, Informationen und Substanzwarnungen

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