Aktualisiert 15.08.2014 11:59

Nicht nur in FergusonWarum Schwarze in den USA Polizisten hassen

Nach der Tötung eines Schwarzen durch einen Cop kommt Ferguson nicht zur Ruhe. Vier Gründe für das kaputte Verhältnis zwischen Afroamerikanern und der Polizei.

von
M.Suter, New York

Nach der Tötung des unbewaffneten schwarzen Teenagers Michael Brown durch einen weissen Polizisten am Samstag ist in Ferguson bei St. Louis am frühen Mittwochmorgen ein zweiter junger Afroamerikaner von der Kugel eines Cops getroffen und schwer verletzt worden.

Die nächtlichen Kundgebungen aufgebrachter Afroamerikaner werden von Polizisten in Kampfmontur nur mit Mühe unter Kontrolle gehalten. Vor dem Hintergrund der hohen Gewaltbereitschaft geben die Ermittlungsbehörden den Namen des Polizisten, der den 18-jährigen Highschool-Abgänger Brown erschoss, vorerst nicht bekannt. Bürgerrechtsgruppen erwägen, die Veröffentlichung des Namens mit einer Gerichtsklage zu erzwingen.

Michael Browns Tod und die darauffolgenden gewalttätigen Proteste sind das jüngste Beispiel in einer langen Reihe von Zusammenstössen zwischen Gesetzeshütern und Afroamerikanern in den USA (siehe Bildstrecke). Mindestens vier Gründe lassen erwarten, dass die Kette nicht so rasch abbrechen wird:

1. Bürger schwarz, Polizisten weiss: Von den 21'000 Einwohnern des Vororts Ferguson sind 67 Prozent Afroamerikaner. Aber unter den 53 Mitgliedern des Polizeikorps sind fast alles Weisse und nur 3 Schwarze - nicht einmal 6 Prozent. Die dominierende Bevölkerungsgruppe ist in den Institutionen der Macht nicht repräsentiert. Das Gefühl, von «anderen» kontrolliert zu werden, schürt Misstrauen. Nach einer Pew-Umfrage glauben 70 Prozent von Amerikas Afroamerikanern, sie würden von der Polizei weniger fair behandelt als Weisse. Stirbt ein Schwarzer durch die Waffe eines weissen Polizisten, gehen viele seiner Mitbürger schnell davon aus, der Cop habe böswillig geschossen.

2. Rassentrennung hält sich beharrlich: Vor der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre waren in vielen Gliedstaaten Beamtenjobs für Schwarze gesperrt. Das hat sich dank der Civil Rights geändert. Aber in den letzten Jahren sind Minderheiten mancherorts wieder zurückgefallen. Nach einer Studie des Urban Institute halten Afroamerikaner in städtischen Zentren seit 1990 einen sinkenden Anteil an Jobs mit gutem Lohn, etwa bei der Feuerwehr oder der Polizei. Nach einer Studie der Brown-Universität hat die Rassentrennung in Missouri und anderen Gliedstaaten des Mittleren Westens im Landesvergleich am wenigsten abgenommen.

3. Wirtschaftskrise nicht überwunden: Von allen Bevölkerungsgruppen wurden Afroamerikaner am schwersten von der Wirtschaftskrise von 2008 getroffen. Ihre Arbeitslosigkeit, die mit 8 Prozent schon vor der Krise am höchsten war, erreichte 2011 über 16 Prozent. Noch diesen Juli waren 11,4 Prozent US-Schwarze ohne Job, ein praktisch doppelt so hoher Anteil wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Arbeitslosigkeit mündet in Hoffnungslosigkeit und erzeugt Wut, die sich in Auseinandersetzungen mit der Polizei entladen kann.

4. Es fehlen die Führer: Die Bürgerrechtsbewegung brachte Martin Luther King und andere moralisch integre Führungsfiguren hervor, die Amerikas Schwarze zur Gewaltlosigkeit anhielten und ihnen Hoffnung einzuflössen vermochten. Wie das «Wall Street Journal» schreibt, nützen die zwei dominierenden Leitfiguren heute - Jesse Jackson und Al Sharpton - Beschwerdekampagnen oft zum eigenen Vorteil aus.

Auf Jackson oder Sharpton hat sich Präsident Barack Obama bisher nie abgestützt. Hätte er bessere Partner unter Schwarzenführern, könnte er das Los der Afroamerikaner und ihr Verhältnis zur Polizei eher verbessern.

UNO kritisiert Diskriminierung in den USA

Afroamerikaner seien stark überrepräsentiert unter jenen US-Bürgern, die «festgenommen, angeklagt, verurteilt, eingesperrt und mit lebenslanger Haft verurteilt werden, besonders für gewaltlose Verbrechen».

Auch würden sie auffällig häufig zum Tode verurteilt und - ebenso wie andere Minderheiten - überdurchschnittlich oft zum Opfer exzessiver Polizeigewalt, kritisierte der stellvertretende Vorsitzende des UNO-Komitees zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung, Noureddine Amir, am Mittwochabend in Genf.

Die Befragung von US-Regierungsvertretern durch das Komitee fällt zeitlich zusammen mit den Krawallen nach dem Tod eines unbewaffneten schwarzen Teenagers, der im Bundesstaat Missouri von einem Polizisten erschossen worden war.

Vor der Befragung seiner 24-köpfigen Delegation am Donnerstag in Genf verteidigte Leiter Keith Harper, der selbst indianischer Abstammung ist, die Vereinigten Staaten als «lebendige, vielrassige, multiethnische und multikulturelle Demokratie».

Das Land habe in den vergangenen Jahrzehnten grosse Fortschritte gemacht, sagte der US-Botschafter im UNO-Menschenrechtsrat. Ein afroamerikanischer Präsident wie Barack Obama etwa wäre vor 30 Jahren «nicht denkbar gewesen - und heute ist das Realität».

Schwarze sind Opfer in jedem zweiten Mordfall

Das UNO-Komitee liess diese Darstellung nicht gelten und zitierte anderslautende Statistiken. So machten Afroamerikaner nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung in den USA aus, seien aber Opfer in jedem zweiten Mordfall. Darüber hinaus sei die Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden, für schwarze Männer sieben Mal höher als für weisse. (sda)

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