22.01.2017 15:47

Futterpapst

Warum Sie Intervall-Fasten besser Mäusen überlassen

Alle reden von intermittierendem Fasten. Ein zahnloses Konstrukt, das auf Studien an Mäusen beruht – Jürg Hösli spricht in seiner Kolumne Klartext.

von
Jürg Hösli
Ein Fastentag pro Woche ist nicht so gesund, wie uns Studien weismachen wollen.

Ein Fastentag pro Woche ist nicht so gesund, wie uns Studien weismachen wollen.

iStock

Es gibt einen neuen Star in der Diät-Szene, gut fundiert durch Studien, die allesamt zeigen, was wir von einer optimalen Ernährung erwarten: Intermittierendes Fasten macht weniger krank, verlängert das Leben, verbessert das Überleben nach schweren Erkrankungen, Sportler bringe es ins Nirvana der Leistungssteigerung und der Fettreduktion und vieles mehr. Tönt fantastisch. Darum ist es an der Zeit, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Das intermittierende Fasten besagt, dass der natürliche Ernährungsrhythmus unserer Vorfahren nachvollzogen werden sollte: pro Woche ein Fastentag und pro Tag maximal zwei Mahlzeiten mit rund 18 Stunden Abstand dazwischen. Der Blutzuckerspiegel werde dadurch nicht dauernd erhöht. Das Frühstück wird weggelassen, die Mahlzeiten finden mittags und abends statt, die dazwischenliegende Fastenzeit habe grosse gesundheitliche Vorteile. Die Studien dazu sind erdrückend. Ein Sammelsurium von positiven Aussagen, tönt absolut fantastisch. Doch das alles hinkt gewaltig.

Die so wunderbar klingenden Studien wurden alle mit Mäusen gemacht, doch ein grosser Unterschied zwischen Mäusen und Menschen ist nicht zu übersehen. Wir haben ein Bewusstsein, Mäuse haben dies nach unserer Definition nicht. Gerade dieses Bewusstsein bringt uns aber oft in Teufels Küche. Wir alle kennen dies, wenn der Kopf in eine Richtung will und der Körper in die andere. Wir stehen am Arbeitsplatz unter Druck, haben Stress in der Beziehung oder schlicht zu wenig geschlafen. Dann beginnt die Lust auf Süsses zu steigen, bei vielen auch die Mengen der Mahlzeit. Einige konsumieren automatisch mehr Alkohol und rauchen damit mehr.

Genau dieses Verhalten führt zu unseren grössten gesundheitlichen Problemen. Mäuse können in Studien nie unter denselben Stress gestellt werden, darum ist jeglicher Vergleich mit dem Menschen unzulänglich, denn die Psyche und deren Kompensationsmuster haben einen wichtigen Einfluss auf den Menschen und seine Gesundheit.

Gehen wir zum nächsten Argument. Der Blutzuckerspiegel sollte möglichst konstant gehalten werden, somit sollte auch über längere Zeit nichts gegessen werden. Auch diese Aussage ist Quatsch. Wenn wir als Zwischenmahlzeit ein paar Nüsse und Tomaten essen, steigt der Blutzucker nicht. Essen Sie aber längere Zeit nichts und haben an diesem Tag massiven psychologischen Stress, dann kann der Blutzuckerspiegel auch massiv über die Norm geraten, bei weitem mehr, als ein kleiner Teller Pasta dies auslösen würde. Mein Tipp: Selber ausprobieren mit kostenlosen Blutzuckergeräten aus dem Internet.

Wir haben in den letzten Monaten ein paar Dutzend Anhänger des intermittierenden Fastens bei uns betreut, viele mit den Symptomen Schlafstörung, Stagnation im Training, Dünnhäutigkeit und Darmprobleme. Wir haben dann ein revolutionäres Ernährungskonzept gewählt: die «Oma–Diät». Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König, abends wie ein Bettler, und alles in Massen. Die Quintessenz war, dass der Stoffwechsel durchschnittlich um rund 15% hochging. Die Schlafqualität und -quantität gingen ebenfalls hoch, das Körperfett runter, deutlich weniger Symptome.

Unsere Omas wussten zwar nicht, was Youtube und Ernährungsforschung sind, doch im Vergleich zu BroScience und Youtubern kannten sie das Leben und wussten, dass Essen nicht nur durch den Kopf gehen sollte, sondern auch durch den Magen. Intermittierendes Fasten ist ein zahnloses Konstrukt für Mäuse, das zwar logisch tönt, doch dem Menschen mit einer komplexen Interaktion von Kopf und Körper nicht gerecht wird.

«Wissen rund ums Essen» heisst die Vortragsreihe von Jürg Hösli in Winterthur. Am 8. Februar sind «Kohlenhydrate und andere Nährstoffe/Einflüsse auf den Körper» sein Thema. Alle Details finden Sie auf erpse, Institut für Ernährungsdiagnostik.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler, Querdenker und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist seit 30 Jahren im Leistungssport, hat Weltmeister und Olympiasieger betreut. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur. Hösli betreut hier vor allem übergewichtige Klienten und Menschen mit Reizdarm oder Erschöpfungszuständen.

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