Eat this!: Warum Sie sich mit Cheat Days selbst belügen
Aktualisiert

Eat this!Warum Sie sich mit Cheat Days selbst belügen

Schummeln ist an diesem Tag erlaubt: Wer sich an einen strikten Essensplan hält, langt am Cheat Day hemmungslos zu. Ein reiner Selbstbetrug.

von
Jürg Hösli
Der Cheat Day ist Fresstag: Viele greifen nur dann zu Süssigkeiten und Fastfood.

Der Cheat Day ist Fresstag: Viele greifen nur dann zu Süssigkeiten und Fastfood.

Lisegagne, iStock

Der Cheat Day (zu Deutsch Mogeltag), ist der gefeierte Tag vieler Diäten. Unter der Woche hält man sich exakt an einen strikten Plan, damit man endlich sein Wunschgewicht erreichen kann, damit es endlich mit dem Sixpack klappt oder die Waage endlich wieder nett zu einem ist. Die Kohlenhydrate werden reduziert, jegliche Sinnlichkeit geht den Bach runter und die Lust auf Süsses, Salziges oder Brot schreit immer mehr nach dem Frontalangriff auf den Kühlschrank.

Am Wochenende kommt dann «der Genuss» zum Zug. Hier darf man alles, was man sich unter der Woche selber verwehrt, in sich reinstopfen. Es werden Unmengen an Kuchen, Glace, Junkfood verzehrt, frei nach dem Motto «Wenn ich unter der Woche schon Enthaltsamkeit übe, dann darf ich mich auch am Wochenende auch der Völlerei hingeben.» Darum sollten wir dieses Konzept etwas näher betrachten.

Der Körper möchte in einem Gleichgewicht sein. Trainieren wir, dann stressen wir den Körper, weil er überbeansprucht wird. Er baut mehr Muskulatur, um sich gegen den auftretenden Stress zu schützen. Diese Anpassungsprozesse sind natürlich nicht kostenlos, sondern brauchen richtig viel Nährstoffe, also Energie, Bau- und Hilfsstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe. Haben wir einen Infekt, ist es draussen kalt oder haben wir am Arbeitsplatz einen grossen psychischen Druck, verschieben sich ebenfalls die Bedürfnisse des Körpers. Der Anteil an Kohlenhydraten und verschiedenen Vitaminen steigt.

Viele essen aber gerade unter der Woche nach einem strikten Plan, erlauben sich kaum einen «Ausrutscher» und versuchen die selbst gemachte Hungersnot durchzuziehen. Die Frage erübrigt sich, ob dies wirklich Sinn ergibt. Ein Mensch, der nach Lebensmittel – Wage isst, unterdrückt sein körpereigenes Sensorium für den Bedarf und die Bedürfnisse des Körpers, die je nach Training oder Alltag sehr unterschiedlich ausfallen können. Die bedarfsgerechte Ernährung ist gerade für einen Sportler so unmöglich zu erreichen. Die Regeneration wird immer schlechter und der Körper versucht nun, über die Lust auf Süsses, Salziges und Junkfood, seinen Bedarf an Makronährstoffen, vor allem Kohlenhydraten, zu decken. Wir haben Bedarfsmessungen bei Kraftsportlern gemacht. Wenn jemand ein hartes Beintraining mach,t ist der Umsatz gegenüber einem Arm- und Rumpftraining bis zu 800 kcal höher (!) aufgrund von viel stärkeren Reparaturprozessen.

Was hat das alles mit einem Cheat Day zu tun? Wer den Zugang zu seinen inneren Bedürfnissen so kastriert, dass er keine Ahnung mehr hat, was der Körper braucht, wer versucht, strikt darauf zu achten, dass der Körper unter der Woche komplett unterernährt ist, gerät so massiv aus dem Gleichgewicht. Wenn der Kopf jedoch auf die falschen Nährstoffe setzt, dann hat der Körper verloren. Darum verlangt der Körper sein Recht auf mehr Essen zurück und produziert immer stärker werdende innere Gelüste, und es braucht demzufolge einen Cheat Day als Ventil für den Kopf. Der Körper hat also schon wieder verloren, denn Zucker und Junk ist nun definitiv nicht das, was er wirklich brauchen würde.

Die Quintessenz daraus ist: Wer wirklich den inneren Drang nach einem Cheat Day hat, der müsste sich eigentlich im Klaren sein, dass er dem Körper nicht das gibt, was er wirklich braucht, und damit grössere Fehler macht. Der Name Cheat Day sagt es eigentlich nicht richtig, denn man «bescheisst» sich nicht einen Tag lang, sondern den Rest der Woche. Man kann nicht an einem Tag ausgleichen, was man sich unter der Woche vorenthält, schon gar nicht mit Junkfood.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler, Querdenker und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist seit 30 Jahren im Leistungssport, hat Weltmeister und Olympiasieger betreut. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur. Hösli betreut hier vor allem übergewichtige Klienten und Menschen mit Reizdarm oder Erschöpfungszuständen. Für 20 Minuten schreibt er unter dem Namen Futterpapst Kolumnen.

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