Massive Proteste: Warum sind die Brasilianer gegen die WM?
Aktualisiert

Massive ProtesteWarum sind die Brasilianer gegen die WM?

In Brasiliens Grossstädten kommt es seit Tagen zu Massenprotesten. Wieso richtet ein fussballbegeistertes Volk seine Wut ausgerechnet gegen die WM?

von
Karin Leuthold
Buenos Aires

Die jüngsten Massenproteste in Brasiliens Grossstädten haben im Ausland vor allem eines erzeugt: Ratlosigkeit. In Brasilia, São Paulo, Rio de Janeiro, Salvador, Belém, Recife, Fortaleza und Belo Horizonte waren am Montagabend mehr als 200'000 Menschen auf die Strasse gegangen, und auch gestern Abend demonstrierten in mehreren Städten wieder Zehntausende. Sie protestierten gegen die hohen Kosten für die Fussball-WM 2014, die Korruption und die Misswirtschaft der Regierung von Dilma Rousseff.

Wieso demonstrieren die Leute in einem Land, dessen Wirtschaft in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 3,8 Prozent gewachsen ist? Was haben sie gegen eine Regierung, die es möglich machte, dass Kinder aus den ärmeren Schichten Zugang zu höheren Schulen haben? Warum diese Aggression gegen ein System, das mit Sozialhilfe erstmals in der Geschichte des Landes etwas gegen die Ungleichheit unternommen hat und knapp 28 Millionen Menschen von der Armut befreite?

Budgets wurden nicht gekürzt

«Brasilien ist seit langem ein Pulverfass, dessen Zündschnur immer kürzer wurde. Früher oder später musste es zu einem Knall kommen. Das Bildungswesen ist ein Witz, ein Gesundheitswesen ist praktisch nicht vorhanden, und zu allem Übel verhungern Menschen auf den Strassen», sagt der Schweiz-Brasilianer Sebastian Hofer gegenüber 20 Minuten. Hofer studiert Journalismus an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich und weilt derzeit in Rio. «Man fragt sich, wieso eine Regierung lieber Stadien baut, als Kinder in die Schule zu schicken. Wieso kürzen sie das Budget für das Bildungswesen?», ergänzt er.

Eduardo Erijimovich, Finanzchef in einem brasilianischen Grossunternehmen, relativiert diese Aussage: «Die Budgets für Bildung und Gesundheit wurden nicht gekürzt. Die Demonstranten fordern jedoch, dass die Milliarden, die in den Stadienbau gesteckt werden, lieber in Kultur und Gesundheit fliessen», so der 40-Jährige. Ein weiteres Problem seien die rund 700'000 Arbeitsplätze, die durch die Bauarbeiten im ganzen Land geschaffen wurden. «Die WM-Kritiker fragen sich, was mit diesen Leuten passieren wird, wenn das Ganze vorbei ist. Sie erwarten jetzt schon eine Lösung dafür.»

Demonstranten kommen aus der neuen Mittelklasse

Erijimovich zeichnet ein Bild der Demonstranten: «Es sind mehrheitlich Studenten oder junge, gut ausgebildete Erwerbstätige. 77 Prozent haben ein Studium abgeschlossen.» Die Demos seien spontan über soziale Plattformen entstanden. «Es gibt keine politische Partei, die sie begleitet. Auch keinen intellektuellen Diskurs.» Bei der ersten Demo vergangene Woche haben sich die Paulistas, die Einwohner der Stadt São Paulo, über die Erhöhungen der Busfahrpreise empört. Wenige Tage später waren es die Eintrittspreise im Maracanã-Stadion von Rio.

Sebastian Hofer schildert das Problem: «Das Maracanã-Stadion, welches bis vor einigen Jahren mit 200'000 Plätzen das grösste der Welt war, vereinte jedes Wochenende Menschen aus allen Klassen. Die Fifa verlangte die Verkleinerung des Stadions und die Auflösung der Stehplätze, was Investitionen in Millionenhöhe nach sich zog und somit eine erhebliche Erhöhung der Eintrittspreise. Der Regierung ist dies egal, denn solche Investitionen dienen ihr stets zur Selbstbereicherung; so verschwinden immer wieder einige Millionen. Nun ist der Fussball in Rio ironischerweise nur noch für die wohlhabende Gesellschaftsschicht erreichbar.» Tatsächlich - und paradoxerweise zugleich - wurde Präsidentin Dilma Rousseff bei der Eröffnung des Confed-Cups von 80'000 Fussballfans ausgepfiffen, die sich einen Eintritt von 400 Franken geleistet hatten. Nicht gerade etwas für Hungernde.

«Die neue brasilianische Mittelschicht, die in den letzten zehn Jahren aus der Armut aufgestiegen ist, ist sehr anspruchsvoll geworden», analysiert der Journalist Juan Arias in einem Artikel der spanischen Zeitung «El País». Das Gesundheitssystem sei zwar alles andere als optimal, gibt er zu, aber «diese Menschen erwarten Spitzenmedizin. Sie erwarten vom Volksschulsystem, dass es nicht nur ihre Kinder aufnimmt, sondern dass die Bildung erstklassig ist und ihre Sprösslinge auf die Zukunft vorbereitet. Sie fordern grundsätzlich ein besseres Brasilien.» Diese Ansprüche könnten sie allerdings nur «dank der erhaltenen Bildung und einer erwachsenen Demokratie erstmals klar artikulieren».

Regierung schickt Truppen los

In Brasilien haben in der Nacht auf Dienstag erneut Zehntausende gegen Misswirtschaft, Korruption und steigende Kosten protestiert. Nun entsandte Brasiliens Regierung paramilitärische Spezialeinheiten in mehrere Städte. Wie das Justizministerium am Mittwoch mitteilte, solle die «Fuerza Nacional» in der Hauptstadt Brasilia sowie in Rio de Janeiro, Fortaleza, Salvador de Bahia und Minas Gerais helfen, für Sicherheit bei den Spielen des laufenden FIFA Confederations Cup zu sorgen. Das Turnier gilt als Hauptprobe für die Fussball-WM im kommenden Jahr. (SDA)

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