Pharmariese im Impfgeschäft: Warum stellt die Pharma-Nation Schweiz nicht längst Impfstoff her?
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Pharmariese im ImpfgeschäftWarum stellt die Pharma-Nation Schweiz nicht längst Impfstoff her?

Der Schweizer Pharmariese Novartis steigt ins Impfgeschäft ein. Was heisst das für die Impfstrategie des Bundesrats? Die wichtigsten Antworten.

von
Daniel Graf
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Der Schweizer Pharmariese Novartis steigt ins Impfstoffgeschäft ein.

Der Schweizer Pharmariese Novartis steigt ins Impfstoffgeschäft ein.

REUTERS
Die EU hat derweil Exportkontrollen für den Corona-Impfstoff angekündigt.

Die EU hat derweil Exportkontrollen für den Corona-Impfstoff angekündigt.

Reuters
Gemäss Gesundheitsökonom Tilman Slebeck könnte die Schweiz theoretisch auch Impfstoffe, die hier hergestellt werden, für die eigene Bevölkerung konfiszieren.

Gemäss Gesundheitsökonom Tilman Slebeck könnte die Schweiz theoretisch auch Impfstoffe, die hier hergestellt werden, für die eigene Bevölkerung konfiszieren.

zVg

Darum gehts

  • Der Basler Pharmakonzern Novartis steigt ins Impfstoffgeschäft ein.

  • Künftig wird in den Novartis-Werken in Stein der BioNtech/Pfizer-Impfstoff abgefüllt.

  • Schon bald will Novartis auch selber Teile der Produktion übernehmen.

  • Was bedeutet das für die Impfstrategie der Schweiz?

Der Schweizer Pharmariese Novartis hat am Freitag eine Vereinbarung mit der Firma BioNTech unterzeichnet. Novartis wird in seinen Werken in Stein ab dem 2. Quartal dieses Jahres den Corona-Impfstoff von BioNtech/Pfizer abfüllen. Konkret übernimmt die Novartis Grossbehälter von BioNtech, füllt den Impfstoff unter aseptischen Bedingungen in Einzeldosen ab und liefert diese zurück an BioNTech, welche die Dosen verteilen.

Weiter hat Novartis bekannt gegeben, dass man sich in fortgeschrittenen Gesprächen mit einer Reihe weiterer Unternehmen befinde, um auch in die eigentliche Produktion einzusteigen. So will Novartis etwa die mRNA-Produktion, die therapeutische Proteinproduktion sowie die Rohstoffproduktion für Covid-Impfstoffe übernehmen. Was bedeutet das für die Versorgung der Schweiz mit Impfstoffen? Die wichtigsten Fragen.

Bekommt die Schweiz jetzt schneller mehr Impfstoff?

«Nein», glaubt der Gesundheitsökonom Tilman Slembeck von der ZHAW. «Wo die Impfstoffe produziert werden, spielt eigentlich keine Rolle. Wer sie zuerst erhält, hängt von den Verträgen der Patentinhaber und Hersteller mit den Abnehmerländern ab», sagt Slembeck. In diesem Fall sind dies BioNtech und Pfizer.

Es tobt ein weltweiter Verteilkampf um Impfstoff. Die EU verfügt jetzt gar Exportkontrollen, um die Ausfuhr des Impfstoffs von AstraZeneca zu überwachen. Könnte die Schweiz nicht einfach ein paar Grossbehälter für die eigene Bevölkerung konfiszieren – etwa bei Lonza oder dann bei Novartis?

Das wäre laut Epidemiegesetz theoretisch möglich, sagt Slembeck: «Es ist schon vorgekommen, dass Länder für Impfstoffe oder Medikamente, die knapp wurden, ein Ausfuhrverbot verhängt haben.» Derzeit sei das aber für die Schweiz wohl kein Thema: «Politisch wäre das sicher sehr heikel. Ausserdem würde der Ruf der Schweiz natürlich leiden, wenn sie in einer globalen Krise die Eigeninteressen über geltende Verträge stellen würde.»

Könnte Novartis verpflichtet werden, Impfstoff zu produzieren?

«Wohl kaum», meint Slembeck, «aber es gibt in manchen Ländern die Möglichkeit der Vergabe von sogenannten Zwangslizenzen.» Dabei erhalten Hersteller die Erlaubnis, einen Impfstoff oder ein Medikament zusätzlich zu produzieren, ohne selbst das entsprechende Patent zu besitzen. Das ist laut dem Gesundheitsökonomen aber ein noch grösseres Tabu als ein Exportverbot: «Firmen wie BioNTech haben jahrzehntelang geforscht und viel Geld in die Entwicklung des Impfstoffs gesteckt. Ihnen jetzt die Erträge dafür wegzunehmen, wäre ein No-Go.»

Die Schweiz ist eine Pharma-Nation – trotzdem kann man bislang keinen eigenen Impfstoff für die Bevölkerung herstellen. Warum?

«Der Impfstoffmarkt ist ein globaler Markt, in dem Hersteller wegen der tiefen Margen nur durch Massenproduktion überleben können», sagt Slembeck. Die Schweizer Pharma habe sich schon vor Jahren zurückgezogen und sich auf hochrentable Medikamente wie etwa Krebsmittel spezialisiert. «Die Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit Impfstoffen ist nicht deren Aufgabe», sagt Slembeck. «Wenn man eine nationale Impfstoffproduktion gewollt hätte, hätte man ab 2006 den letzten Schweizer Impfstoffhersteller, Berna Biotech, mit jährlich 15 Millionen subventionieren müssen. Das war dem damaligen Gesundheitsminister Pascal Couchepin zu teuer.»

Hat der Bund es verschlafen, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass Firmen wie Lonza oder Novartis für die Schweiz produzieren?

Davon ist GLP-Nationalrat Martin Bäumle überzeugt: «Bereits im Frühjahr hätte die Schweiz Verträge gerade mit Lonza unterzeichnen können. Die Schweiz hätte sich an den Kosten für den Aufbau weiterer Produktionslinien beteiligen können und sich dafür Impfdosen sichern können.» Bäumle glaubt, dass es möglich gewesen wäre, für ein kleines Land wie die Schweiz schneller ausreichend Impfdosen zu sichern. «Dafür ist es jetzt wohl zu spät, die Dosen, die produziert werden, sind vertraglich längst verteilt», sagt Bäumle. Anders sieht das Slembeck: «Das wäre nicht Aufgabe des Bundes gewesen. Und für Pharmariesen wie Novartis und Roche wäre eine Neuausrichtung auf die Impfstoffproduktion schon im Frühjahr 2020 zu teuer und risikoreich gewesen.» Beide Firmen hätten bis dahin selbst keine Impfstoffe hergestellt. «Niemand wusste damals, wie die Pandemie in sechs Monaten aussehen wird. Jetzt, wo der Impfstoff da ist, kann Novartis aber ohne Risiko in die Produktion einsteigen.»

Kann der Bund jetzt noch einsteigen und Impfdosen für die Schweiz sichern?

Dazu müsste laut Bäumle die Produktion hochgefahren werden. «Die Schweiz könnte immer noch finanzielle Unterstützung anbieten beim Aufbau neuer Produktionslinien. Novartis will ja offenbar in die Produktion einsteigen.» Er räumt aber ein, dass der Bund mit einer Förderung ein Risiko ist: «Wenn die Schweiz jetzt Geld in den Aufbau von Produktionslinien investiert, ist es möglich, dass wir schon genügend Impfstoff haben, wenn diese in Betrieb genommen werden.» Überschüssiger Impfstoff könnte laut Bäumle aber an andere Länder weiterverkauft oder in den Ländern verimpft werden, welche im globalen Impfplan bisher das Nachsehen hatten.

Was hat Novartis von der Vereinbarung?

Laut Slembeck geht es um Geld und den guten Ruf: «Es ist nicht unüblich, dass Unternehmen einen begehrten Stoff in Lohnarbeit herstellen oder einen Produktionsschritt übernehmen und dass dieser Stoff daraufhin unter einem anderen Label verkauft wird.» Novartis verdient an der Herstellung mit. «Sicher ist Novartis als weltweit führendem Pharma-Unternehmen aber auch daran gelegen, im Markt präsent zu sein und das eigene Image zu stärken.»

EU überwacht Export

Die EU kann künftig die Exporte von Corona-Impfstoffen überwachen und gegebenenfalls beschränken. Die EU-Kommission habe am Freitag eine entsprechende «Ausfuhrgenehmigungspflicht» beschlossen, sagte der für Aussenhandel zuständige Kommissionsvize Valdis Dombrovskis in Brüssel. Alle Pharmakonzerne, die mit der EU Lieferverträge über Corona-Impfstoffe abgeschlossen haben, müssen demnach künftig Lieferungen an Drittstaaten in Brüssel anmelden.

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