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TalentfalleWarum Tom Lüthi gescheitert ist

Am Freitag hat Töffstar Tom Lüthi auf den angekündigten Aufstieg in die «Königsklasse» Moto GP verzichtet (20 Minuten Online berichtete). Statt gegen Valentino Rossi & Co. muss er auch nächste Saison in den unteren Kategorien (GP2 oder 125 ccm) fahren.

von
Klaus Zaugg
Misano

Warum ist einer der talentiertesten Fahrer der Schweizer Töffgeschichte (vorerst) gescheitert. Weil er zusammen mit seinem Manager Daniel M. Epp in die Talent-Falle geraten ist

Ein Blick zurück erklärt das vorläufige Scheitern.

Die Schweiz liegt Tom Lüthi im Winter 2005 nach dem Gewinn des 125er-WM-Titels zu Füssen. Ein Bundesrat eilt hinauf nach Linden, um den jungen Helden zu beglückwünschen und Lüthi wird auch noch Sportler des Jahres 2005. Vor Roger Federer.

Diese Tage des Ruhmes tragen schon den Keim des späteren Niederganges in sich. Lüthi ist talentiert und unbekümmert, er lebt seinen Traum und hat das Glück, das nun mal dazu gehört. Der Bauernbub aus dem Emmental wird zum Sportstar, kurzzeitig auf Augenhöhe mit Roger Federer. Er wird deshalb nicht arrogant. Aber er und sein Manager überschätzen die eigenen Fähigkeiten.

Lüthi hätte nun ein intensives Fitnesstraining beginnen müssen um sein Talent zu schützen und seinen Körper für die kommenden Jahre zu härten. Denn ein Rennfahrer geht zu Boden bis er bricht. Lüthi vertraut weiter auf sein Talent, das ihn ja zu höchsten Höhen getragen hat. Weil er nicht austrainiert ist, zermürben ihn in den kommenden Jahren Stürze. Im Herbst 2008 stellt der neue Fitnesstrainer fest, dass Toms Körper eine Baustelle ist. Er verordnet endlich jenes Training, das auf diesem Niveau erforderlich ist. Und tatsächlich beginnt Lüthi die Saison 2009 fit wie nie. Aber es ist zu spät. Die vielen Unfälle haben den Weltmeister von 2005 verunsichert: Zweifel und Angst fressen Rennfahrerseelen. Die Abstimmung der 250er-Bikes gelingt ihm nie richtig und ihm fehlt der «Heilandtonner-Fakor»: Jene Fähigkeit, mal ohne perfekte Abstimmung schnell zu fahren, still in den Helm zu fluchen und eine gute Zeit zu erzwingen oder einen Gegner im Zweikampf in Grund und Boden zu fahren. Nach dem Gewinn der 125er-WM hat Lüthi nur noch ein einziges Rennen gewonnen. Bei den 250ern ist er bis heute sieglos geblieben und eine Chance auf den 250er-Titel hatte er nie.

Sein Manager Daniel M. Epp erkennt die Gefahr zu spät: Viel zu lange räumt er seinem Schützling alle Steine aus dem Weg. Ein ehemaliger Mechaniker stellte resigniert fest, dass alle aus dem Umfeld verbannt werden, die den Star in Frage stellen oder ihn zu einer Verhaltensänderung bewegen wollen.

Lüthi ist erst 23 Jahre alt. Der Weg zurück zur Weltspitze ist noch offen. Eine weitere Saison kann Epp noch finanzieren. Die Einsicht, dass sich jetzt sein Fahrer ändern muss und nicht seine Mechaniker oder Techniker, ist der erste Schritt auf dem Weg zurück nach oben. In den nächsten zwölf Monaten entscheidet sich, ob Tom als Held oder als gescheitertes Wunderkind (oder gar als Weichei) in die Geschichte eingeht.

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