«Warum war der "Taximörder" nicht in Haft?»

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«Warum war der "Taximörder" nicht in Haft?»

Marcel Bertschi, ehemaliger I. Staatsanwalt des Kantons Zürich, fordert, dass aus dem Taximord von Winterthur endlich Konsequenzen gezogen werden. Die Öffentlichkeit werde vor gemeingefährlichen Tätern ungenügend geschützt.

Der Mord an Pasquale Brumann schockierte die Schweiz. Erst recht, als die DNA-Spuren nur einen Tag später zum Täter führten – in die Strafanstalt Pöschwies. Dort sass der mehrfache Vergewaltiger Erich Hauert. 1985 wurde er wegen zahlreicher Delikte zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Hauert galt gemäss Gerichtsgutachter als nicht therapierbar. Trotzdem genoss Hauert nur fünf Jahre später unbegleiteten Hafturlaub – bis zum Mordfall an Pasquale Brumann.

Niemand fühlte sich zuständig

Vor rund zwei Wochen wird in Wetzikon ein 25-jähriger Taxifahrer von einem Schweizer tödlich verletzt. Wenige Tage später werden die ersten Details im Tötungsdelikt bekannt. Beim 53-jährigen Schweizer handelt es sich um einen psychisch gestörten Mann. Sein Lebenslauf hat sowohl Polizisten als auch Psychiater schon vor dem Mord mehrfach beschäftigt. Am 23. August erliess das Zürcher Obergericht einen Haftbefehl. Warum sich niemand zuständig fühlte, den Mann gleich abzuholen, ist Gegenstand von Untersuchungen.

Hafterleichterung nur durch Fachkommission

Die neuerliche Justizpanne im Kanton Zürich stösst nicht nur in der Öffentlichkeit auf ungläubiges Kopfschütteln. Auch der ehemalige I. Staatsanwalt Marcel Bertschi mag die Geschichte kaum glauben. Bertschi hatte damals die Justizpannen im «Mordfall Brumann» untersucht und Vorschläge zur Verbesserung unterbreitet. Der Antrag der von ihm geleiteten Kommission: Alle Straftäter von schweren Delikten müssen vor einer allfälligen Hafterleichterung von einer Fachkommission beurteilt werden. Der Zürcher Regierungsrat schwächte diese Massnahme damals ab. Grund: Zu aufwändig.

Im Zweifel für die öffentliche Sicherheit

«Im Strafverfahren sind Zweifel an der Schuld des Angeklagten zu seinen Gunsten zu berücksichtigen.», resümiert Bertschi. «Das muss sich im Strafvollzug ändern. Im Zweifel muss zugunsten der Sicherheit der Öffentlichkeit entschieden werden», sagt er gegenüber 20minuten.ch. So wäre auch der Mordfall an dem Taxifahrer mit grosser Wahrscheinlichkeit zu verhindern gewesen.

Viele Pannen und offene Fragen

Bertschi ortet den Fehler in der jüngsten Pannenserie bei den Vollzugsbehörden. «Es ist für mich unverständlich, dass dieser einschlägig bekannte Mann überhaupt in Freiheit sein konnte.» Tatsächlich wurde der Mann nicht verhaftet, «obschon man seine Adresse kannte», so Bertschi weiter. Dass zudem der Einzelrichter bei der Anhörung der Verantwortlichen der psychiatrischen Klinik Schlössli nicht hellhörig wurde, die ihm dringlich von einer Entlassung abrieten, ist für Bertschi ebenso «ungeklärt». Ganz zu schweigen davon, warum anscheinend niemand der beurteilenden Instanzen die Vorgeschichte des Mannes kannten.

«Das darf nie mehr passieren»

«Bei gemeingefährlichen Tätern muss die Überprüfung für eine Hafterleichterung durch eine Fachkommission obligatorisch sein», fordert Bertschi deshalb erneut. Ob diese Forderung diesmal auf mehr Gehör stösst, dürfte spätestens mit Abschluss der Untersuchungen im «Taximord» klar sein. Bertschi: «So etwas darf nicht mehr passieren, auch wenn das Amt für Justizvollzug eine schwierige Aufgabe hat.»

Marius Egger, 20minuten.ch

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