Warum waren die Prognosen bei der Wahl falsch?
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Warum waren die Prognosen bei der Wahl falsch?

In Italien hat sich auch am frühen Dienstagmorgen noch kein klares Ergebnis der Parlamentswahl abgezeichnet - darüber herrschte unter den sonst zerstrittenen politischen Lagern ausnahmsweise Einigkeit.

Doch warum haben die führenden Meinungsforschungsinstitute des Landes unmittelbar nach Schliessung der Wahllokale am Mittag einen relativ klaren Sieg für die Mitte-links-Opposition unter Exministerpräsident Romano Prodi vorhergesagt? Die rechtskonservative Regierungskoaltion von Ministerpräsident Silvio Berlusconi lag in ihren Wählernachfragen deutlich unter 50 Prozent.

«Das ist wirklich sehr merkwürdig», sagt Serafina Ruperto, Sprecher des Nexus-Institutes, sichtlich zerknirscht. Eine Minute nach dem Ende der Wahl zeigten die Sender des staatlichen Fernsehens sowie die Kanäle von Berlusconis Netzwerk die Nexus-Prognosen. Das Prodi-Lager lag demnach mit 50-54 Prozent klar vor Berlusconis Haus der Freiheiten mit 45-49 Prozent. 45 Minuten später bestätigte eine zweite Prognose den Trend. Als Standardabweichung wurde ein Fehler von zwei Prozentpunkten angegeben. Wenige Stunden später hiess es dann, das Regierungslager könne in beiden Parlamentskammern eine knappe Mehrheit behaupten.

«Wir sind ein bisschen perplex», sagt Ruperto. Er verwies darauf, dass die ersten Wählernachfragen die Ergebnisse der letzten Umfragen vor der Wahl bestätigten. Auch dabei hatte Prodis Lager knapp vorn gelegen. Allerdings war sein Vorsprung in den Tagen vor der letzten Umfrage Ende März geschrumpft.

Auch eine Telefonumfrage unter 10.000 Wahlberechtigten im Auftrag des Senders Sky TG24 bestätigte am Montag zunächst die Nexus-Zahlen. Laut Piepoli-Institut stimmten 52 Prozent für einen Regierungswechsel, während Berlusconis Koalition nur mit 47 Prozent rechnen konnte. «Wir werden eine Weile brauchen, bis wir den Grund für die Fehler analysiert haben», sagte Piepoli-Präsident Nicola Piepoli.

Nexus-Sprecher Ruperto sieht im neuen italienischen Wahlrecht einen möglichen Grund für die Fehlprognosen. Offenbar habe das Modell für die Prognosen die Implikationen noch nicht hinreichend integriert. Die Reform stärkte die Elemente des Verhältniswahlrechts und gibt dem Sieger einen Bonus, um eindeutigere Regierungsmehrheiten zu schaffen.

Die Fehlprognosen könnten aber auch schlicht darauf zurückzuführen sein, dass die Wähler in den Befragungen falsche Angaben gemacht haben. Nexus befragte die Menschen vor 1.050 von landesweit 60.977 Wahllokalen. Dabei wurden die Standorte sorgfältig ausgewählt, um ein repräsentatives Ergebnis zu bekommen. Eine mögliche Fehlerquelle sei, dass sich nicht jeder, der aufgefordert werde, auch tatsächlich an der Nachwahlbefragung beteilige, sagt Ipsos-Mitarbeiter Aldo Pagnoncelli. Dies könne dazu führen, dass Frauen, ältere Menschen und weniger Gebildete in den Prognosen unterrepräsentiert seien.

Auch die hohe Wahlbeteiligung könne ein Grund für die Abweichungen gegenüber den Prognosen sein, meint der Politikredakteur Ferruccio de Bortoli von der Zeitung «Il Sole-24 Ore». Berlusconi hatte jedenfalls behauptet, eine hohe Wahlbeteiligung werde seine Chancen auf eine zweite Amtszeit erhöhen. Tatsächlich gaben 84 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. (dapd)

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