Lohnschere: «Warum werden noch Männer eingestellt, wenn Frauen weniger verdienen?»
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Lohnschere«Warum werden noch Männer eingestellt, wenn Frauen weniger verdienen?»

In der Schweiz gibt es eine Lohnschere – haben Frauen darum bessere Chancen bei der Jobsuche? Und müssten Frauen einfach besser verhandeln, damit sie den gleichen Lohn bekommen wie Männer? Expertinnen reagieren auf Leserkommentare.

von
Raphael Knecht
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Viele 20 Minuten Leserinnen erleben die Lohnungleichheit in der Schweiz.

Viele 20 Minuten Leserinnen erleben die Lohnungleichheit in der Schweiz.

20min/Simon Glauser
«Ich erhalte 18 Prozent weniger Lohn als mein 8 Jahre jüngerer Arbeitskollege mit geringerer Ausbildung und weniger Fachwissen», sagt etwa eine HR-Spezialistin.

«Ich erhalte 18 Prozent weniger Lohn als mein 8 Jahre jüngerer Arbeitskollege mit geringerer Ausbildung und weniger Fachwissen», sagt etwa eine HR-Spezialistin.

20min/Michael Scherrer
Im Schnitt hat eine Frau in der Schweiz 1512 Franken weniger Bruttolohn als ein Mann.

Im Schnitt hat eine Frau in der Schweiz 1512 Franken weniger Bruttolohn als ein Mann.

20Min

Darum gehts

  • Viele Frauen in der Schweiz erhalten weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen.

  • Auch Leserinnen von 20 Minuten erleben diese Diskriminierung.

  • Einige fragen sich, wie das sein kann und ob es andere Gründe für die Lohnschere geben könnte.

Im Schnitt hat eine Frau in der Schweiz 1512 Franken weniger Bruttolohn als ein Mann. Ein grosser Teil der Lohndifferenz lässt sich nicht mit Faktoren wie Position oder Dienstalter erklären. Auch viele 20 Minuten Leserinnen erleben die Lohnungleichheit.

Zum Teil kommen aber auch Fragen auf: Wie zuverlässig sind die Vergleiche? Verhandeln Frauen schlechter? Und wieso finden Männer überhaupt noch Jobs, wenn es für Arbeitgeber günstiger wäre, Frauen einzustellen? Gewerkschaftlerinnen und ein Lohnexperte nehmen Stellung zu den Reaktionen der Leser und Leserinnen:

«Ist Leistung wirklich vergleichbar?»

Ist Leistung überhaupt vergleichbar? Aus-, Weiterbildung und Anforderungen sind ja nirgends exakt identisch. Zudem kann man Faktoren wie etwa freundlichen Umgang bei der Leistung doch kaum berücksichtigen.
Das sagen Leser und Leserinnen

Ist Leistung überhaupt vergleichbar? Aus-, Weiterbildung und Anforderungen sind ja nirgends exakt identisch. Zudem kann man Faktoren wie etwa freundlichen Umgang bei der Leistung doch kaum berücksichtigen.

Die Gewerkschaften weisen daraufhin, dass die Analyse des Bundesamts für Statistik Faktoren wie Ausbildung, Erfahrung und Anforderungsprofile berücksichtigt. «Lohnvergleiche werden nicht über den Daumen gepeilt», sagt Mandy Zeckra, Leiterin Recht und Vertragsvollzug bei der Gewerkschaft Syna. Der Bund nutzt das Analyse-Tool Logib, das auf einer wissenschaftlichen und rechtskonformen Methode basiert und international anerkannt ist. Urs Klingler, Vergütungsexperte bei Klingler Consultants, fügt hinzu, dass man mit engen Lohnbändern selbst Faktoren wie Freundlichkeit berücksichtigen kann.

Grosse Unterschiede

«Recht auf gleichen Lohn ist eine Fata Morgana»

Obwohl analytisch bewertete Funktionen gleich bezahlt werden müssen, gibt es laut Vergütungsexperte Urs Klingler teils grosse Unterschiede. So bestimme bei Lehrpersonen das Alter der unterrichteten Kinder den Lohn mit – je älter, desto mehr Lohn. Bei Ärztinnen und Ärzten sei es ähnlich mit dem Patientenalter. «Das im Gesetz geschriebene Recht auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit ist eine Fata Morgana, die in der Praxis nicht funktioniert», sagt Klingler.

«Warum finden Männer überhaupt noch Jobs?»

Warum finden Männer überhaupt noch einen Job, wenn es für Firmen billiger wäre, Frauen einzustellen?
Das sagen Leser und Leserinnen

Warum finden Männer überhaupt noch einen Job, wenn es für Firmen billiger wäre, Frauen einzustellen?

Der Grund ist laut Zeckra, dass die Arbeit von Frauen nicht als gleichwertig betrachtet wird: «Aufgrund ihres Geschlechts wird angenommen, dass Frauen nicht dieselbe Leistung erbringen.» Wer so denkt, für den lohnt es sich auch bei tieferen Löhnen nicht, mehr Frauen einzustellen. Dieses Vorurteil sei auch ein Grund, warum Frauen weniger oft Führungspositionen halten.

«Verhandeln Frauen schlechter?»

Die Lohnschere könnte auch damit zu tun haben, dass Frauen weniger Lohn verlangen. Wer nicht zufrieden ist, muss von sich aus nach mehr fragen.
Das sagen Leser und Leserinnen

Die Lohnschere könnte auch damit zu tun haben, dass Frauen weniger Lohn verlangen. Wer nicht zufrieden ist, muss von sich aus nach mehr fragen.

«Lohndiskriminierung ist ein strukturelles Problem und nicht einfach Resultat eines ‹ungeschickten Verhandelns›», sagt Kathrin Ziltener von der Abteilung Politik bei der Gewerkschaft Unia. Darum müsse man das Problem auch systematisch angehen. Zeckra fügt hinzu, dass die Diskriminerung gerade da am grössten sei, wo weniger Frauen präsent sind – etwa im Kredit- und Versicherungsgewerbe. Für diese Frauen sei es umso schwieriger, sich zu wehren. «Ihnen zu sagen, sie hätten ja einfach besser verhandeln können, ist zynisch.»

«Darf man sich im Nachhinein beschweren?»

Man hat sich doch bei der Unterzeichnung des Vertrags mit dem Lohn zufriedengegeben - ist es
da überhaupt gerechtfertigt, sich über Unterschiede aufzuregen?
Das sagen Leser und Leserinnen

Man hat sich doch bei der Unterzeichnung des Vertrags mit dem Lohn zufriedengegeben - ist es
da überhaupt gerechtfertigt, sich über Unterschiede aufzuregen?

Dieser Logik folgend, müssten wir alle Errungenschaften des Lohn- und Gesundheitsschutzes für Männer und Frauen der letzten 100 Jahre zurückgeben, findet Zeckra: «Einmal zugestimmt, für immer unterbezahlt – nein.» Man müsse als Frau auch Ansprüche einfordern können, wenn man erst nach Beginn des Jobs feststellt, dass männliche Kollegen für die gleiche Arbeit mehr verdienen.

«Warum lässt man nicht den Markt spielen?»

Es gibt in der Schweiz Vertragsfreiheit. Es leuchtet ein, dass Arbeitgeber Personen mit
tieferen Lohnforderungen bevorzugen. Das ist doch einfach der Markt.
Das sagen Leser und Leserinnen

Es gibt in der Schweiz Vertragsfreiheit. Es leuchtet ein, dass Arbeitgeber Personen mit
tieferen Lohnforderungen bevorzugen. Das ist doch einfach der Markt.

Da Lohngleichheit gesetzlich festgeschrieben ist, werde sie nicht dem Markt überlassen, sagt Zeckra. «Deshalb kann Lohndiskriminierung nicht mit dem Argument der Vertragsfreiheit ausgehebelt werden.» Zahlt ein Arbeitgeber einer Frau wegen ihres Geschlechts weniger, ist das ein Verstoss gegen geltendes Recht – es liege nicht allein an den Frauen, die Lohnungerechtigkeit zu bekämpfen.

«Gleichen Quoten die Lohnschere aus?»

Es ist doch auch unfair, dass Frauen beim Bund eine Quotenstelle bekommen können. Gleicht sich das nicht aus?
Das sagen Leser und Leserinnen

Es ist doch auch unfair, dass Frauen beim Bund eine Quotenstelle bekommen können. Gleicht sich das nicht aus?

Klingler glaubt nicht, dass Frauen schneller eine Stelle finden als Männer. Auch die Arbeitslosenzahlen deuten nicht daraufhin, wie Ziltener sagt. Sie erachtet Quoten als wichtiges Mittel, um Diskriminierungen bei der Stellenbesetzung abzubauen. Zeckra von der Syna gibt allerdings zu bedenken, dass die Lohnschere mit andauernder Berufstätigkeit grösser wird. Beim Berufseintritt selbst seien die Lohnunterschiede noch nicht so stark ausgeprägt. Darum seien Quoten besonders auf Führungsebene sinnvoll.

«Braucht es mehr Transparenz?»

Es braucht Transparenz im Unternehmen, damit man sieht, wie schlimm die Lohnschere wirklich ist.
Das sagen Leser und Leserinnen

Es braucht Transparenz im Unternehmen, damit man sieht, wie schlimm die Lohnschere wirklich ist.

Ziltener von der Unia ist ebenfalls für mehr Transparenz. Würden Arbeitgeber konsequenter Lohnanalysen durchführen, klare Kategorien für die Lohneinstufung machen und Transparenz schaffen, wäre es möglich, die Ungleichheit rasch zu reduzieren: «Gesetzliche Lohngleichheitsanalysen sind ein Instrument, um die Diskriminierung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt auszumerzen.»

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund des Geschlechts diskriminiert?

Hier findest du Hilfe:

Logib, Lohngleichheits-Analyse des Bundes

Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

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