Training fürs Gehirn: Warum wir Dialekte nie aufgeben sollten
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Training fürs GehirnWarum wir Dialekte nie aufgeben sollten

In der Schweiz wird sowohl Dialekt als auch Hochdeutsch gesprochen. Das ist gut, denn das hält das Gehirn auf Trab.

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Bligg machts richtig: Wer wie er zwischen Dialekt und Hochsprache wechselt, fordert seinen Denkapparat, wie Forscher der University of Cambridge herausgefunden haben.

Bligg machts richtig: Wer wie er zwischen Dialekt und Hochsprache wechselt, fordert seinen Denkapparat, wie Forscher der University of Cambridge herausgefunden haben.

Keystone/Walter Bieri
Der Grund: Systematisch zwischen zwei Formen von Sprache zu wechseln, auch wenn sie sich sehr ähnlich sind, ...

Der Grund: Systematisch zwischen zwei Formen von Sprache zu wechseln, auch wenn sie sich sehr ähnlich sind, ...

Keystone/Arno Balzarini
... scheint dem Gehirn zusätzliche Stimulation zu liefern, was zu besseren geistigen Leistungen führt, wie es im Fachjournal «Cognition» heisst.

... scheint dem Gehirn zusätzliche Stimulation zu liefern, was zu besseren geistigen Leistungen führt, wie es im Fachjournal «Cognition» heisst.

Colourbox.com

Mehrsprachigkeit wird eine Reihe positiver Effekte zugeschrieben, zum Beispiel ein besseres Gedächtnis. Ähnlich scheint sich der Wechsel zwischen verschiedenen Dialekten auszuwirken, wie Forscher herausgefunden haben.

In der Studie untersuchte das Team um Napoleon Katsos von der University of Cambridge die kognitiven Fähigkeiten von griechischen Kindern, die sowohl mit Standard-Neugriechisch als auch zypriotischem Griechisch aufwuchsen, mit jenen, die nur mit einer Sprache und mit mehreren heranreiften. Dabei zeigte sich, dass die Kinder mit mehreren Dialekten oder Sprachen besser in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests abschnitten als die, die mit nur einer Sprache aufwuchsen.

Besser in der Schule dank Dialekten

Faktoren wie Unterschiede beim Lebensstandard, in der Sprachfähigkeit und allgemeinen Intelligenz der Kinder seien bei der Analyse berücksichtigt worden, schreibt Katsos auf der Online-Plattform «The Conversation». Die im Fachjournal «Cognition» erschienene Arbeit führte er gemeinsam mit Kollegen der Universität und Technischen Universität Zypern durch.

Bereits eine im August 2015 veröffentlichte Studie mit norwegischen Schulkindern hatte ähnliche Hinweise geliefert: Dabei hatten Forscher die Schulleistung von Kindern untersucht, die in zwei norwegischen Dialekten schreiben lernen. Gemäss Daten von standardisierten nationalen Tests – darunter Tests in Lesen und Arithmetik – schnitten diese Kinder besser ab als der nationale Durchschnitt.

Systematisch zwischen zwei Formen von Sprache zu wechseln, auch wenn sie sich sehr ähnlich sind, scheine dem Gehirn zusätzliche Stimulation zu liefern, was zu besseren geistigen Leistungen führe. «Was unsere Forschung zeigt – im Gegensatz zu einigen weit verbreiteten Annahmen – ist, dass Sprachvielfalt ein Vorteil ist, und in dieser Beziehung Dialekte unterschätzt und unterbewertet werden», schreibt Katsos.

Workout für den Denkapparat

Über die Wirkung von Mehrsprachigkeit wurde hingegen schon viel geforscht. Je nach Kontext und Gesprächspartner zwischen mehreren Sprachen zu wechseln, erhöht Studien zufolge die Aufmerksamkeit und verbessert das Gedächtnis.

Mehrsprachigkeit hängt demnach auch mit schnellerer Erholung nach einem Schlaganfall oder sogar einem späteren Einsetzen von Demenzsymptomen zusammen. Ein ähnlich gutes Training könnte der Wechsel zwischen Dialekten dem Gehirn bescheren.

Verbreitete Dialektvielfalt

Der Gebrauch von verschiedenen Dialektformen derselben Sprache ist weltweit stark verbreitet. Nicht nur in der Deutschschweiz wechseln die Kinder zwischen Schriftdeutsch und Mundart, je nachdem ob sie im Schulunterricht oder im Privaten sprechen. Auch in den USA benutzen Millionen Kinder zu Hause afroamerikanisches Englisch und in der Schule den Standard «American English».

Die Wissenschaftler um Katsos wollen nun mit Forschern der Universität Brüssel zusammenarbeiten, um ihre Untersuchung an den in Belgien zusammenkommenden Dialekten und Sprachen auszuweiten. Neben den Standardversionen von Holländisch und Französisch werden dort auch holländische und westflämische Dialekte gesprochen.

Die neue Studie soll mehr Probanden und ausführlichere Tests umfassen, um den Effekt von der Beherrschung mehrerer Dialekte auf die kognitive und sprachliche Entwicklung besser zu untersuchen, so Katsos. (fee/sda)

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