Überwältigt über den Wolken: Warum wir in Flugzeugen häufiger weinen
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Überwältigt über den WolkenWarum wir in Flugzeugen häufiger weinen

Unsere Reiseredaktorin wird auf Flügen immer schrecklich sentimental. Dass wir über den Wolken näher am Wasser gebaut sind, ist ein verbreitetes Phänomen.

von
Laura Hüttenmoser
Wo komm ich her, wo geh ich hin: Flugzeuge können uns auch auf eine emotionale Reise mitnehmen.

Wo komm ich her, wo geh ich hin: Flugzeuge können uns auch auf eine emotionale Reise mitnehmen.

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Hast du schon mal eine Träne verdrückt bei einer simplen Liebeskomödie wie «Mamma Mia»? Oder warst du eigenartig berührt von «Johnny English»? Flugzeuge können seltsame Dinge mit einem machen. Während sich viele Passagiere mit Filmen unterhalten, höre ich im beim Fliegen immer Musik und schaue aus dem Fenster. Ich geniesse die Zeit, in der man für einmal komplett offline ist, nicht viel tun und nicht wegkann.

Die Erde aus 10'000 Metern zu betrachten, rührt mich. Ich stelle mir die Menschen vor, über deren Köpfe wir gerade rasen. Was sie in diesem Moment wohl tun? Liest ein alter Witwer an einer Strassenecke in Lissabon die Zeitung? Sieht jemand in Gibraltar gerade zum ersten Mal das Meer? Hach.

So viele Gefühle!

Meistens erwischt es mich erst auf dem Rückflug. Ich denke an den Ort, den ich besucht, und die Menschen, die ich getroffen habe. Einerseits stellt sich die Sentimentalität des Abschieds ein – werde ich je zurückkehren, wen werde ich wiedersehen? Andererseits eine tiefe Dankbarkeit. Ich bin mir bewusst, dass reisen zu können ein unglaubliches Privileg ist und dass diese Erfahrung den meisten Menschen verwehrt bleibt.

Dieses (eigentlich schöne) Gefühl der Überwältigung überkommt mich jedes Mal. Ich bin sonst nicht nahe am Wasser gebaut, aber in Flugzeugen weine ich regelmässig. Kein hemmungsloses Schluchzen, das die anderen Passagiere verunsichern würde, eher still, für mich.

Was «die Leute» denken könnten, ist mir zum Glück sowieso sehr egal, und das Flugpersonal ist sogar besonders nett, wenn man mit verquollenen Augen fragt, ob man vielleicht bitte noch ein Wasser bekommen könnte.

Weinwarnung vor dem Film

Wie es scheint, bin ich ohnehin nicht die einzige Heulsuse an Bord. Bei einer Umfrage von Virgin Atlantic erklärten 55 Prozent der Befragten, auf Flügen unter besonderer emotionaler Spannung zu stehen. 41 Prozent der Männer gaben an, bei Filmen weinen zu müssen. Vor einigen Filmen blendet die Airline deshalb den Hinweis ein: «Holen Sie einen Flugbegleiter, wenn Sie getröstet werden müssen.»

Dass wir in Flugzeugen leichter weinen als sonst, kann verschiedene Gründe haben. Einerseits wäre da die wissenschaftliche Erklärung: Durch geringeren Kabinendruck kann der Sauerstoffgehalt im Blut sinken, und der Körper neigt zu sensibleren Reaktionen.

Andererseits, und dies dürfte schwerer wiegen, sind wir in einer Ausnahmesituation. Vielleicht war bereits die Anreise oder die Zeit am Flughafen mit Strapazen verbunden, und dann befinden uns mit lauter Fremden auf engem Raum, in einer Maschine, weiss Gott wo über dem Atlantik, der Crew und Technik quasi ausgeliefert.

Hinzu kommt die emotionale Komponente: Häufig fliegen wir, um jemanden zu besuchen, zu einer Hochzeit, einer Beerdigung oder auch in die ersten Ferien seit Jahren. Kein Wunder, kann einiges hochkommen, wenn man abhebt.

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